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Reisetagebuch 2003 / Rückfahrt 14.9.03 Erreiche knapp vor Schluss die turkmenische Grenze [bei Chardzhey, M 37 von Buchara kommend], sie ist wieder nervtötend langwierig und kostet 92 USD. Kurz dahinter schlafe ich vor einem LKW, und fahre bei Sonnenaufgang los, ich möchte abends die iranische Grenze erreichen. Für die Überfahrt über den Amudarya (wieder über eine Potonbrücke) zahle ich 50 USD; allein dafür werden meine Daten von 5 verschiedenen Männern in 5 dicke Bücher eingetragen. An jedem Polizeiposten soll ich irgendeine Strafe zahlen (z. B. weil ich nicht angeschnallt bin - Lach!); wenn sie hartnäckig bleiben, sage ich, ich will die Botschaft anrufen, ich sei Diplomat. Einer bittet mich, ihn nicht anzuzeigen, aber die Strafe soll ich trotzdem zahlen. Hinter Mary hänge ich mich in den Windschatten eines usbekischen Lasters mit Anhänger, aber kann ihm nicht folgen, er fährt ein mörderisches Tempo. Es gibt keine Hinweise, wie weit es noch ist bis zur iranischen Grenze, also schaue ich mich besser nach einem Schlafplatz um.
Ich habe Glück, finde eine Raststätte mit großem TIR-Parkplatz, auf dem iranische und türkische LKW stehen. Stelle meinen Bus dazu, Klappstuhl und -tisch davor und schreibe Tagebuch. Ein Turkmene, der sehr schwul aussieht, kommt mit einer jungen Frau aus der Raststätte und lädt mich ein. Er scheint der Besitzer zu sein. Drinnen herrscht eher eine Bar-Atmosphäre, die Mädchen sind wahrscheinlich Huren. Türken und Iraner sitzen getrennt zusammen und lachen und schwatzen. Ich bin wieder eine kleine Sensation, sie gehen mir auf die Nerven, verabschiede mich früh, ich sei müde, sage ich. Man erlässt mir die Gebühr für die Übernachtung, ich soll nur die Getränke bezahlen. Gerade will ich mich ins Bett legen, kommt der BarBesitzer noch mal ans Auto und macht das Zeichen für "ficken"; ich zucke mit den Schultern: "Nix verstehn!" Morgens gegen 6 Uhr kippe ich den Inhalt des Reservekanisters in den Tank, und plötzlich steht der schlaftrunkene, noch immer betrunkene Typ wieder neben mir und verlangt die Gebühr für den Nachtplatz : 20 Tausend Manat=1 Euro, dann darf ich losfahren. Grenzübergang bei Sarahs ist schwer zu finden, nehme einen Geldwechsler mit, der mich hinführt, die Abwicklung geht ausnahmsweise recht zügig. 15.9.03 Auf iranischer Seite wieder freundliche, hübsche, offene Gesichter; lachen viel. Ich fühl mich gleich besser, aber auch sie wollen diesmal 141 USD von mir, keiner kann mir erklären wofür. Auf der Hinreise hätte ich das nicht bezahlt, sage ich. Da hätte ich ein Touristenvisum gehabt, jetzt habe ein Transit-Visum für 7 Tage. Aha. Hinter der Grenze verändert sich rasch die Landschaft, es geht wieder über Hügel, der Asphalt ist glatt und die Luft klar. Malerische, kleine Ortschaften mit Lehmhäusern. 16.9.03 Im Internet-Shop in Mashad werde ich von 2 jungen Frauen angesprochen, sie wollen wissen, woher ich komme, sie verstehen : "Jamaika" statt Germania, hier bin ich halt wieder ein "Aleman". Der Besitzer und seine zwei Freunde laden mich für die Nacht zu sich nach Hause ein. Hassan hat eine schöne Wohnung mit Stuck an Wänden und Decke. Ein islamischer Priester (in Zivil) kommt zum Übersetzen. Wir sitzen auf dem Boden im Wohnzimmer, schöner Erzählabend. Ich schlafe da, wo ich gesessen habe, neben Hassan und Ali. 17.9.03 Vor Darvorzan verdrücke ich mich zum ersten Mal allein zum Schlafen in die Wüste, versteckt hinter einem kahlen Hügel, glaube mich völlig unsichtbar. Die Sonne geht unter, und die wunderbare, totale Stille wird unheimlich, laut summende Fliegen stechen durch meine Strümpfe, der halbe Mond steigt gegen Mitternacht über den Hügel, strahlt mein frisch lackiertes Auto an. Tarnfarbe wäre doch besser gewesen; und ich frage mich, warum ich nicht schlafen kann, so ganz allein mit mir selbst. 18.9.03 Für die nächste Nacht bei Sonnenuntergang neben eine Moschee gestellt, viel Betrieb drumherum, Gebetslärm aus Lautsprechern, schlechte Luft. Wird bald ruhiger, denke ich, aber es geht erst richtig los : Reisebusse kommen, Bündel mit Decken werden vom Dach geworfen; Frauen, die aussehen wie Nonnen, breiten die Decken unter Bäumen und auf Gehwegen aus; die Familie lässt sich nieder, es wird gegessen; Kinder spielen Fußball (auch Mädchen unter Kopftüchern); junge Männer kreisen zu Dritt auf einem Moped mit stinkender Abgasfahne um die Moschee, auch eine vierköpfig Familie auf einem Moped; Männer schauen in geöffnete Motorräume - was ist das? Nächtliches Picknick? Iranisches Fest? Ich frage ein paar Typen aus dem Auto heraus : Es sind Pilger, unterwegs nach Mashad zum heiligen Schrein, einige fahren noch in der Nacht weiter, andere schlafen draußen auf ihren Decken. 19.9.03
In Mamasand (20 km vor Teheran) : Einer führt mich zu einem Restaurant, es sei clean, sagt er. Vor der Tür steht 1 Mercedes-Laster mit eingedrückter Schnauze vor einem Tankanhänger, beide ausgebrannt; über der Theke hängt an einer Kette 1 ausgenommenes Hühnchen ohne Haut; der Besitzer sieht aus wie Sony Barger als alter Mann (Hells Angels Präsi); sein pyknischer Helfer kann schlecht gucken, zieht die Schultern hoch, und seine Schürze hat schwarze Ölflecken, als arbeite er zwischendurch in einer Autowerkstatt; es gibt ausschließlich Kebab auf Spießen, eine Sorte Salat und dünnes Fladenbrot. Meinen alten Freund Sirous besucht : Sein Dorf ist voller Analphabeten; er hat 4 ha wildes Land mit einem Bach, 3 flache Häuser, einen 170er ohne Motor, 2 afghanische Familien für die Arbeit (einer von ihnen heißt "Heyda", den ruft er immer), eine kleine Schafherde, 2 Kettenhunde und eine schöne, braune Stute, auf der er gelegentlich ausreitet. Das tröstet ihn darüber hinweg, ohne Frau zu leben. Sirous ist ein alter, freundlicher Landlord mit vollem grauen Haar und weißem Schnurrbart. 1 dicker Typ von der Stadtverwaltung kommt und will was mit ihm bereden. Mit wenigen Handgriffen bereitet Sirous ein Lager auf dem Teppich; "Zum Beten", sagt er. Der Dicke zieht die Hose runter, hat drunter die weite persische Pluderhose, bringt Holzkohle zum Glühen, verbuddelt sie in feine, graue Asche in einem silbernen Kasten, 1 zuckerstückgroßes, schwarzes Stück Opium (sieht aus wie der Teer, den sie auf das tashkenter Haus geschmiert haben) wird in eine trichterförmige Holzpfeife gestopft, mit einer Zange hält er 1 Stück Kohle daran und pafft... Er mache täglich nur ein paar Züge, sagt Sirous; mir wird schon schlecht von dem, was er auspustet. Wir gucken deutsches TV, auch er hat eine Sat-Schüssel. Heyda klopft, Sirous hat vergessen, die Familie zuzuschalten : sie können nur sehen, was er sieht. Während einer Reportage über ein Playmate schaltet er sie ab, zu viel Sex für Muslime, aber sie gehen ja früh schlafen. 20.9.03 Mache Rast auf einem Baustellenplatz direkt neben der Straße, lasse alle Fenster auf und lege mich ins Bett. Werde von Klopfen geweckt, denke, einer will sich mal wieder mit mir unterhalten, gehe nach vorn, der Typ rüttelt an der Beifahrertüre, er hat sie bereits von innen entriegelt, er versteht nicht, warum die Tür nicht aufgeht (Zusatzriegel), er zeigt auf seinen Abschleppwagen, will er mich abschleppen? Ich lass den Motor an und fahr los, er versucht tatsächlich noch im Fahren, die Tür zu öffnen. Seltsam, war das nun ein Überfall? 21.9.03 Iranische Grenze : Die Flasche türkisches Bier, die bei der Einreise beschlagnahmt wurde, kriege ich nicht zurück, obwohl ich das Zolldokument extra aufbewahrt habe. 22.9.03 Wieder neben dem Café am Ende der Türkei geschlafen, einer der schönsten Plätze der Welt (Dogubayazit), die Jungs machen trübe Gesichter : schlechte Geschäfte in diesem Jahr, wegen Irak Krieg. 4 Münchner wohnen neben mir in einem VW-Bus, einer von ihnen redet mit mir, er habe schon bessere Camping Plätze gesehen, sagt er. Er redet von den Toiletten, ich von der Aussicht. 23.9.03 1 Fuchs wetzt über die Straße, gejagt von einem Bussard; weiße Flocken klatschen auf die Windschutzscheibe - Schnee? Nein, es ist ein dichter Schwarm Insekten mit weißen Flügeln. Eine Fliege kämpft um ihr Leben im Dieselschmier auf dem Reservekanister, während ich den Tank nachfülle : vergebens. 1 Hund steht auf dem Seitenstreifen und isst einen überfahrenen Artgenossen; wenn er 2 Schritte nach vorn macht, ist er Futter für den nächsten. Scheißleben! Endlich ist mal was kaputt gegangen am Auto : die rechte Fahrlichtlampe - repariere ich selber. Dorf namens Tülü, hier war ich doch schonmal? Auf der linken Seite werden dicke Rohre verlegt, die Pipeline der Amis vermutlich. Ich will nicht nach Hause, ich will nur noch über Nebenstraßen durch die Türkei rollen, allein auf einem Acker Wäsche waschen... 25.9.03
In Konya City geparkt : »P - 10 Dikkat« stand da auf einem Schild, zu faul ins Wörterbuch zu gucken. Dikkat heisst : Minuten : Komme nach einer Stunde zurück und der Bus ist verschwunden, nein, nicht geklaut, sondern abgeschleppt : 23 Millionen für den Abschleppdienst, 32 für die Polizei, zum Ausgleich finde ich abends einen ruhigen Campingplatz in den Bergen, der nichts kostet. Pinkelpause auf dem Seitenstreifen : 1 Esel überquert 2mal gemächlich die Autobahn, bleibt stehen und schaut sich um (in die falsche Richtung), ich mache mich schnell davon, das ist mir zu aufregend. 27.9.03 In Kayseri das erste McDonald-Restaurant, in Kusadasi das erste deutsche Wohnmobil (Kölner) gesehen. Die erste Fähre von Cesme nach Italien geht erst am 2.10., soll ich etwa 4 Tage Urlaub hier machen? Nein, ich werde auf dem ferry-boat zur Insel Chios schwimmen, dann mit einem anderen Schiff nach Athen, von da aus muss ich bis Patras selber fahren, dann wieder mit Schiff nach Triest; etwas kompliziert, dafür schon ab morgen. 2.10.03 Wieder daheim: Letzte Rast: 14:30 Raststätte Remscheid, von gegenüber am 12.4. abgefahren, und was ist das für ein Gefühl, nach einem halben Jahr? Weiß nicht. Kein Kulturschock, wie ich es von anderen gelesen habe. Bin eben wieder da. Was sagt der Setzer dazu? Nun, was soll er schon sagen, ein billiger Trick, die Stimme aus dem off in den Vordergrund zu locken. Doch bitteschön, was sollte ich sagen? Sollte ich zu ihnen sprechen wie einst ER sprach zu Mose, zu führen die Söhne Israels aus Ägypten. Wohlan also spreche ich: hajah hascher hajah - Ich werde dasein, als der ich dasein werde. (und nicht etwa: "Ich bin der ich bin" wie Luther es übersetzte.) Letztlich läuft es darauf hinaus dazusein, wenn es gilt, eine weitere Reise im Internet zu präsentieren, also wenn Bedarf besteht. Für die Zwischenzeit gibt es, wie damals in der Wüste Sinai, Aaron und die Leviten - das sollte eigentlich reichen. (1) II Mose 3,14 (am Ende des Dornbusch-Gesprächs) |