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Reisetagebuch Türkei 2003
17.4.03 Grenzfluss zwischen Griechenland und Türkei heißt bis zur Mitte : Evrosa, dann : Mehric Nehri. Die Brücke, die hinüber führt, hat auf der EvrosaSeite (GR) blau-weißes Geländer, dann rot-weißes (TR). Da, wo Kreuz und Halbmond aufeinander stoßen, stehen sich Soldaten gegenüber (uralter Spasmus). Ich muss anhalten, die Griechen machen gerade Wachablösung : Mit geschultertem Gewehr auf der Stelle trampeln. Scheint ein ziemlich disziplinloser Haufen zu sein. Die Türken haben eine neue Station gebaut (Ipsala), die alte war viel gemütlicher, und muss sie auch noch finanzieren : zum ersten Mal verlangen sie Gebühr für die Einreise : 8 Euro. [1 Liter Diesel=1,5 Millionen Lira / ca. 0,86 Cent] Gelibolu am Marmarameer : wieder der köstliche, würzige Geruch türkischer Kleinstädte. Jedes Land hat spezielle, Griechenland riecht nach Scheuermitteln, vor allem in den Supermärkten. Der türkische Geruch kommt aus Kanonenöfen, mit denen sie heizen (es ist kalt), in den Restaurants stehen sie mitten im Raum; dem Geruch nach verbrennen sie Abfälle: Essensreste, Yoghurtbecher, überfahrene Hunde - letztere findet man am Straßenrand. [Gelibolu ist ein gemütlicher Ort mit Fisch- und Fährhafen. Wer nach off-road-feeling sucht, nehme von dort Richtung Istanbul die Rüttelpiste zwischen Sarköy und Tekirdag am Marmarameer entlang.] 18.04.03 Mitten in Gelibolu mit Blick auf den alten Hafen geschlafen; 5:30 von 2 krächzenden Muizinen geweckt, 1 Hund heult dazu, draußen kein Mensch. Nur Katzen, Hunde und Plastiktüten huschen herum. Fahre an den Dardanellen entlang (wo Alexander nach Asien übersetzte); sieht aus wie am Rhein, nur alles größer und weiter : Schiffe, Wellen, Wind, Müll, das andere Ufer... Ruhiger Rastplatz am Wasser, Windböen schaukeln mich in den Schlaf. 19.04.03
Canakkale bis Balikesir [210/555] : Schöne, regennasse Landschaft, Nadelwälder, moosbewachsene Steine, Seen und Bäche über die Ufer, Wiesen tiefgrün und voller Pfützen, ganz wenig Verkehr, die Straße übersät mit "Meteoriteneinschlägen". Auf einem Feld neben der Straße stehen 2 Sattelzüge genau nebeneinander, der eine aber komplett auf dem Dach. Wie haben die das hingekriegt? Ich kann auch ein Kunststück : Beim Fahren mit Kopfhörern die rechte Scheibe hochdrehen, dann diese Tat ins Tagebuch schreiben (auch beim Fahren). 20.4.03 In Balikesir auf einer Tankstelle geschlafen. Wenn man tankt, kriegt man eine Wäsche umsonst, umgekehrt wäre noch besser. Während der Junge mein Auto schrubbt, erzähle ich dem Chef, ich will in die Mongolei. Da geht er in seine Bude und holt 4 Päckchen Knorr-Fertigsuppe und eine türkische Zeitung mit Bildern vom IrakKrieg, damit ich auf dem langen Weg nicht verhungere und mich nicht langweile. [es gibt unglaublich viele Tankstellen, die meisten sind rund um die Uhr geöffnet und haben reichlich Platz für die Übernachtung im Wohnmobil, kostet nichts, aber fragen sollte man, das heißt : »Burada Arabamizda yatabilirmiyiz«] Es sei nicht einfach, eine Freundin zu finden in der Türkei, sagt mein neuer Freund Ibrahim, den ich bis Tavsanli mitnehme. "Be happy", sage ich, "no woman no cry". Sein Freund hat ein InternetCafé, das trifft sich gut, ich zeige ihnen die Fotos meiner Freunde, eine mail kann ich nicht abschicken, jedesmal setzt kurz vorher der Strom aus. [in jedem Kaff gibt's Internet, in größeren Städten braucht man gar nicht fragen, einfach in einer belebten Straße parken, das nächste ist nicht weit] 21.4.03 Polatli nach Haymana bis zur 750 : schöne Nebenstrecke. Einen türkischen Landmann mitgenommen, sie riechen deftig nach Tabak, aber auch Anteile von Stall ist drin, von Erde, nie gewaschenen Unterhosen, wer weiß? Die kleinsten Orte haben die längsten Namen : Serefligöközü z. B. hat so viele Hütten wie Buchstaben. [die schönsten Gegenden findet man auf solchen Nebenstrecken, meist guter Asphalt : gelbe und graue Straßen in den Karten : Shell EuroKarte, oder Ryborsch] Im Internet Café : Ein Türke fragt mich, ob ich web-Adressen kenne über einen russischen Dichter. Aha, man hält mich für einen Literaten! Die 8 bis 12-jährigen Jungs, die CounterStrike spielen, halten mich für einen Deppen, sie lachen hinter mir her. Große, gemütliche Raststätte bei Akörencarasek, der Fernseher läuft überall, türkischer Spielfilm : herrlich albern, alles Laiendarsteller, es geht stets ums Ganze : Verbrechen, Rache, Hochzeit, Geburt, Selbstmord : Die Hausfrau hängt brav und geschmackvoll geschminkt am Strick in Kopftuch und Schürze. Der Ehemann kommt, liest den Abschiedsbrief schluchzend (der ihr aus der Schürzentasche guckte), geht davon und lässt sie hängen. Und Beckenbauer macht Werbung für Toyota. [diese Raststätten gibt's nur auf TransitStrecken zwischen großen Städten, man braucht nicht »Burada Arabamizda yatabilirmiyiz« zu fragen, Essen ist sehr gut, aber die ganze Nacht Betrieb, hier ist es die 750 Ankara / Adana] Immer noch arschkalt : Hocke bibbernd in meiner Karre in 2 Hosen, 2 Pullovern und dicker Jacke mit Kapuze. Die Türken gehen draußen im Hemden rum als wär's Hochsommer. Schlafe unruhig, vermutlich deshalb, weil ich seit 5 Tagen keinen Sex mit mir selbst hatte. 22.4.03 Abends in Kayseri : ein 14-jähriger führt mich zu einem Internet Café, setzt sich auf meine Kosten selbst vor den Bildschirm; beklagt sich, er bekomme immer so viel SexReklame in sein Postfach (dabei ist er gerade darauf scharf). Er ist wibbelig und schwitzt auf dem Nasenrücken. Er sagt, mit meiner Mütze und dem grauen Bart sehe ich aus wie ein KoranLehrer. Er heißt Tschuma, das heißt Freitag, weil er an einem Freitag geboren wurde. Sein Vater heißt Savas, das heißt Krieg. was ihm gar nicht gefiele. Ich sage, zum Ausgleich hätte er ihn, seinen Sohn, ja Frieden nennen können. Wär doch prima, wenn man sie vorstellt: Da sind Krieg und Frieden. Er meint dazu: "Frieden" sei doch kein Name! 23.4.03 Von einer wunderschönen, jungen Frau geträumt, die mir die Haare schneidet und wäscht, die ganz offensichtlich mit mir altem Sack ins Bett will; ich bin sehr scharf, und sie kniet vor mir und sieht mich verliebt an, ich will meine Hose öffnen... da werde ich vom Muizin geweckt. 24.4.03 Pinarbasi : kein Internet; staubiges, ärmliches Dorf, gehe im Dunkeln hindurch, wenige Laternen, 2 Kinder stolpern im Dreck herum, Fenster mit Tüchern verhangen; Menschen leben in Häusern, die man bei uns nichtmal als Stall benutzen würde, dort streiten sie sich, zeugen Nachwuchs, haben eine Meinung... schlafe wie üblich auf einer Tankstelle. 25.4.03 Sehr kalte Nacht : kratze 6 Uhr morgens Eis von den Scheiben. Über Gürün nach Malatya [300] : schönes, kahles Bergland, Pässe bis 1900 Meter, grüne Täler mit vollen Bächen und endlich Sonne : Sitze zum ersten Mal draußen, 3 Kinder schleichen sich an und lachen über mich... [März soll der Regenmonat sein, Mai ist beste Reisezeit] Hochebene vor Elazig stürmischer Seitenwind, die Markise klappert, dann dreht die Straße das Auto in den Wind, ich nehme Gas weg, die Karre läuft von selbst. Internet Cafe Elazig : die Verbindung zum web ist unterbrochen; schaue mir an, was andere so machen : am Nebentisch ein junger Türke mit Kopfhörern auf den Ohren, er dirigiert einen Mann durch eine Stadt und schlägt wahllos Leute nieder; wenn sie am Boden liegen, haut und tritt er so lange auf sie ein, bis Blutlachen entstehen. Wer möchte in einer Welt leben, in der Menschen bei sowas Lust empfinden? Hinter ihm steht ein etwa 8-jähriger Junge und schaut zu. 26.4.03 Wenn ich allein mit dem Wohnmobil unterwegs bin, nehme ich gerne Anhalter mit. Kurz vor Tatvan am Van-Gölü steigt einer ein, der sich mit: "Arif, Advokat" vorstellt. Zum Beweis, dass er Anwalt ist, hält er mir seine Visitenkarte hin. Er spricht kein Wort Englisch und möchte bis Ercis mitfahren, am anderen Ende des Sees. Ich schlage ihm vor, in Ercis gemeinsam zu essen. Ohne Sprache geht das so: Zeigefinger auf ihn, dann auf mich, Mund auf und imaginäre Speise einschieben. Zum Schluss das überall auf der Welt bekannte: "Okay?" Er ist einverstanden. Vielleicht kennt er als Advukat ja ein gutes Restaurant. Das Restaurant seiner Wahl unterscheidet sich aber nicht von anderen, immerhin scheint er den Besitzer persönlich zu kennen. Wir sind die einzigen Gäste und werden in den hinteren, den besseren Raum mit den Holzstühlen geführt, unter denen ich lange nach einem suche, dessen Rückenlehne nicht nach hinten nachgibt. Arif bestellt für uns beide. Es kommen zwei schwarz gebratene Spieße zwischen zwei Scheiben Fladenbrot. Die Fleischstücke sehen aus wie Schafsköttel. "Tschock güsell" (sehr gut) sei das türkische Kebab, sagt Arif und macht die entsprechende Geste: die Fingerspitzen einer Hand zusammen führen und gen Zimmerdecke zeigen. Dazu gibt's einen Teller höllisch scharfen Tomatenbrei (den ich gleich an ihn weiterreiche), einen Teller gemischten Salat und Wasser aus einer Karaffe. Das Wasser sei "natürell", sagt Arif, also wohl aus der Leitung. Mit anderen Worten, das Menü besteht bis auf das Brot nur aus Sachen, die ich in der Türkei nie mehr essen wollte, weil ich davon mehrmals Durchfall bekommen habe. Während ich alles in mich hinein schaufele, denke ich daran, nachher den Schlafplatz so zu wählen, dass ich alles jederzeit durch das Seitenfenster wieder auskotzen kann. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass er mich einlädt, schließlich habe ich ihn umsonst um den halben See chauffiert. Aber der Restaurantbesitzer schiebt MIR die Rechnung zu. Na gut, was soll's. Inzwischen ist es dunkel geworden. Ich zeige Arif den türkischen Satz, den mir ein kurdischer Taxifahrer zuhause aufgeschrieben hat: "Burada Arabamizda yatabilirmiyiz" (Wo kann ich hier im Auto schlafen?). Er kenne einen Platz, sagt Arif, und lotst mich in den nächsten Ort, der ausgerechnet Unseli heißt. Wir fahren steil bergauf bis zur einer Siedlung mit schönem Blick über den See. Ich hätte mir denken können, dass er mich zu seinem Haus führt, so muss er nicht zu Fuß da hoch. Es sind alles Einfamilienhäuser, oder eher -hütten: winzig und mit Wellblech gedeckt. Wir parken vor einem, das etwas größer und schöner ist als die anderen. Schließlich ist Arif Advukat, denke ich. Aber das Haus gehört dem Nachbarn, der nun mal als einziger einen Parkplatz hat. Wir stapfen über ein schlammiges Feld. Ich habe meine Taschenlampe mitgenommen, es gibt nur ganz wenige Laternen. Wenn ich das in der Dunkelheit richtig sehe, sieht es hier aus, wie ich mir das Leben in der Steinzeit vorstelle. Arif lebt unter seinem Wellblech mit zwei Schwestern, einem seiner vielen Brüder und der runzeligen Mutter zusammen, deren Gesicht wie geschaffen ist für ein Foto in einem Reiseprospekt, der den Touristen die Begegnung mit dem ursprünglichen Leben verspricht. Es stellt sich raus, Arif ist nur der Sekretär eines Advukaten, wenn er überhaupt irgendwas arbeitet. Er will morgen mit mir nach Dogubayazit fahren, einen Bruder besuchen. Er nimmt mein Handy, steigt damit aufs Sofa und ruft ihn an. Vom Boden aus ist der Empfang zu schlecht. Arif sagt, ich sehe sehr kultiviert aus. Man beschließt, ich soll im Haus und nicht in meinem Wohnmobil schlafen. Ich will das nicht, aber Widerspruch ist nicht zulässig. Ich wäre hartnäckig geblieben, wäre ich nicht dummerweise geil auf seine Schwester Ayhan und hätte es draußen nicht angefangen, in Strömen zu regnen. So werden Arif und ich im Laufe des Abends sozusagen verwandt. Wir treffen nämlich, ohne einen Schluck Alkohol zu trinken und mit Hilfe zweier Wörterbücher, folgendes Abkommen: 1. Wenn ich von der Reise zurück bin, kommt Arif nach Deutschland, wohnt bei mir und heiratet die Tochter meiner Schwester (weder habe ich eine Wohnung, noch hat meine Schwester eine Tochter). 2. Nach der Hochzeit gehe ich nach Unseli und heirate seine Schwester Ayhan, die zwar "natürell" uns gegenüber sitzt, aber ihren Blick nicht von dem kitschigen Liebesdrama im TV abwendet, während wir mit einem Handschlag über ihr Schicksal verfügen. Nach diesem Abkommen sucht er lange in seinem Wörterbuch und zeigt dann auf: "jemandem die ungeschminkte Wahrheit sagen". "Taman", bestätige ich, "wir haben sie uns gesagt!" Statt mit Ayhan verkuppelt, werde ich im Schlaf um 100 Millionen türkische Lira (ca. 60 Euro) erleichtert. Ich verbuche den Verlust unter Hotelkosten, obwohl ich im Auto viel besser geschlafen hätte. Ich verzeihe meinem Advukaten und nehme ihn am nächsten Tag mit nach Dogubayazit - ich bin eben ein kultivierter Mensch. 27.4.03
Schlafplatz über dem Ishak pasha sarayi, sitze wie in einem Adlernest hoch über der Ebene; mir zu Füßen der alte Palast, darunter die Stadt Dogubayazit, weiter hinten Schneeberge. In der Nacht stehe ich ganz allein da, nur ein paar Hunde streichen ums Auto, heulen und bellen. Es fängt an zu schneien, die Lichter der Stadt verschwinden unter weißen Flocken. Ich sitze auf dem Beifahrersitz in der Dunkelheit und lach mich kaputt - warum weiß ich selbst nicht genau, es geht mir offenbar zu gut. [es gibt 2 Campingplätze, der große zu Füßen des Palastes ist gut ausgestattet, der kleinere darüber besteht nur aus einer Parkfläche neben einem Pavillon, hat dafür die bessere Aussicht : von dort stammen die Fotos vom Palast in den Reiseführern] 28.4.03
7:00 Uhr, das Auto vollkommen eingeschneit, starre frierend auf fette, tief hängende Wolken über Dogubayazit. Ich kann nicht weg, es hat die ganze Nacht geschneit, und es schneit weiter, Erde und Himmel weiß. Der Hund, den ich gestern gefüttert habe, liegt vor meiner Tür mit der Nase im Schnee. Mittags ist der Nebel weg und der Schnee nur noch Matsch. Ich fahre im SchrittTempo den Hang runter; vor mir ein Landcruiser aus Deutschland, wir halten an, ich frage aus dem Auto raus, wo sie hinwollen : "In die Mongolei!" Große Überraschung : Monatelang habe ich nach Mitfahrern gesucht, und jetzt treffe ich diese beiden netten Leute auf diesem verschneiten Berg! Wir stehen eine halbe Stunde draußen im kaltem Wind und erzählen. Annette und Stefan heißen sie, Hund Shiva bleibt lieber im warmen Auto. Leider können wir nicht zusammen reisen : Stefan möchte noch auf den Ararat klettern, und ich will Mitsch und Caro nachmittags in Marand / Iran treffen. [man kann zu Gruppen mit einem Führer rauf auf den Ararat, auf dem angeblich schon Noah in seiner Arche campte. Ende April lag aber noch zu viel Schnee oben, Stefan hat den Gipfel nicht gesehen] |