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Reisetagebuch Turkmenistan 2003

Reiseroute Turkmenistan



15.05.03

Wir kommen von Mashad / Iran über Quchan und Bajgiran zur turkmenischen Grenze. Einsame, enge Passstraße rauf zur Station, tiefe Risse in einer Kurve, die Asphaltdecke könnte bald abrutschen. Ein Straßenschild weist zu einem Ort namens "Hey Hey". Schöne Aussichten ins Tal, eine Ratte wetzt über die Straße mit irgendwas Essbarem im Maul. Die Sonne scheint, es ist kühl, alles bestens. Vorm iranischen Grenzposten (Bajgiran) belagern uns Geldwechsler. Nach zähen Verhandlungen geben sie uns einen guten Kurs für Real in Manat (turkmenische Währung: z.Zt.1 USD=19.000 Manat). Die iranische Grenzabfertigung schaffen wir in nur zwei Stunden.

Aber dann vergehen sechs öde Stunden auf der turkmenischen Seite. Wir zahlen jeder 115 Dollar für Versicherung und Gebühren (z. B. Kilometergeld! Nach dem Carnet de Passage wird nicht gefragt). Äußerer Eindruck der Grenzstation entspricht meinem Vorurteil von Turkmenistan: verfallende Sowjetgebäude, stupide Bürokratie, Militarismus, kuchentablettgroße Schirmmützen (einige Soldaten sehen aus wie Pfadfinder). Wir müssen hier und jetzt entscheiden, welche Strecke wir nehmen und wo wir nach Usbekistan ausreisen wollen. Wir wollen die 600 km durch die Karakum-Wüste (es gibt sowieso nur zwei Möglichkeiten, die andere führt über Mary und Chardzhev): "Road very bad", sagt der Grenzer, zwar asphaltiert, aber mit großen Löchern, und malt sie uns anschaulich in die Luft. Das ist besser als wir dachten, Asphalt hatten wir nicht erwartet. Wir fragen ihn, wie gefährlich es ist: "Don't drive in the night", sagt er, machen wir sowieso nicht. Wir kriegen eine Art Triptik, auf dem unsere Route eingezeichnet wird, abweichen sei nicht erlaubt, es gebe Kontrollen.

Hinter der Grenze eine wunderschöne, grüne Berglandschaft. Fahren auf einen Schotterplatz, und holen Tisch und Stühle raus. Mitsch entdeckt eine Schildkröte, machen ein Foto und tragen sie weg von der Straße. Leute winken merkwürdig heftig aus vorbeifahrenden Autos. Mitsch vermutet, wir befinden uns noch innerhalb des Grenzgebietes. Tatsächlich kommen Soldaten in einem Jeep und fordern uns auf, weiter zu fahren. Nach 15 km erst der abschließende Posten. Sie haben uns auf der ganzen Strecke beobachtet, wollen sehen, was wir fotografiert haben. Nun zeigt sich ein echter Vorteil der digitalen Fotografie: Mitsch kann ihnen alle Bilder im Display zeigen, einige muss er löschen, das mit der Schildkröte darf er behalten.

In Ashgabat (von arabisch: ashk=Liebe, also "Stadt der Liebe" und Hauptstadt von Turkmenistan), 1948 von einem Erdbeben platt gemacht: 100 Tausend Tote.





Hat das Erdbeben überstanden: das Lenin-Denkmal.





Das "Earthquake-Memorial" ist ein Museum mit einem riesigen Stier auf dem Dach, der zwischen seinen Hörnern eine Weltkugel schüttelt. Die Stadt ist auffallend sauber, ein neuer Protzbau neben dem anderen, goldfarbene Kuppeln, viele Springbrunnen, Frauen in bodenlangen Kleidern in leuchtenden Farben, als hätten sie sich fein gemacht für die Oper. Breite Alleen, viele Parks, pathetische Statuen, an jedem zweiten Gebäude ein Portrait des Turkmenbashi (Herr der Turkmenen), natürlich auch auf allen Geldscheinen. Internet-Cafés hat der Herr schließen lassen, nur das Sheraton-Hotel ist online. Ein sympathischer Schwarzer sitzt dort und lädt uns ein für den nächsten Tag, aber wir können nicht so lange bleiben, weil unser Transit-Visum nur 5 Tage gültig ist. Für längeren Aufenthalt hätten wir von Deutschland aus einen Führer plus Fahrzeug buchen müssen.

Viele Restaurants haben Live-Musik und Bauchtanz. Mitsch sagt, nach der iranischen Wüste, den schwarz verschleierten Frauen und der tristen Grenzstation sei diese Stadt ein Kulturschock. Stimmt. "Hauptsache, es gibt wieder Bier", sage ich.

Das vornehme Hotel Ashgabat hat keine Zimmer für uns, alle belegt von einem Tanztheater und seinen Fans. Also campen wir direkt vorm Eingang, holen Tisch und Stühle raus und machen Tee. Über uns auf den Balkonen rufen uns die Hotelgäste lachend was zu. Im Himmel hängt der Vollmond, und gegenüber ein weiteres riesiges Portrait vom Turkmenbashi. Mitsch macht von mir ein Portrait als Germanbashi in meinem esfahaner Nadelstreifenanzug.



16.05.03

Morgens übt das Tanztheater auf dem Bürgersteig neben dem Hotel: Einer singt, und 12 junge Frauen und Männer tanzen dazu. Ein Angestellter kassiert zwei Dollar von uns, weil er uns angeblich in der Nacht bewacht hat, aber der Chef darf davon nichts wissen. Im Hotel gibt's Frühstück erst ab 9 Uhr. Da wir vorher weg wollen, fragen wir unseren "Wächter" nach einer anderen Möglichkeit. Wir denken an ein gemütliches Straßencafé. Er führt uns raus aus der Innenstadt in ein staubiges Industrieviertel. Es ist weder ein Café noch ein Restaurant, eher eine Kantine: Er bringt Kakao in schmuddeligen Tassen, dazu eine fettige Fleischsuppe. Selbst abends mit einem Bier hätte ich die nicht runtergekriegt. Und es gibt kein WC.

Wir füllen Tanks und Reservekanister (keine Tankstelle in der Wüste) und fahren auf der M37 raus aus der Stadt Richtung Nordwest. Trotz GPS finden wir den Abzweig nach Norden nicht gleich. Es gibt viele Wege, aber keine Hinweisschilder (im ganzen Land nicht). Wir müssen Leute fragen. Dann geht's schnurgerade nach Norden, 120 km guter Asphalt, erste Sanddünen rechts und links, winzige Siedlungen, ärmliche Behausungen. Statt Gemüse stehen einhöckrige, dunkelbraune Kamele mit zusammengebunden Beinen in den Gärten. Auf der Straße begegnet uns eine kleine Herde, geführt von einem Mann auf einem Motorrad. Die Gesichter der Menschen haben die gleiche Farbe wie die Kamele, die Männer tragen Pelzmützen (Karakalpakstan=Land der Schwarzhutmenschen), und die meisten haben Goldzähne. Zur Begrüßung umschließt man mit beiden Händen die Rechte des Anderen - scheint Ausdruck besonderer Ehrerbietung zu sein. Wir sehen Schildkröten, Echsen, kleine graue Vögel, schwarze Käfer und Erdmännchen. Sand liegt auf der Straße und klebt zwischen meinen Zähnen, und ich kriege Dünnschiss.





Bleiben für die Nacht in Barhadok, einem winzigen Wüstendorf, vorm Eingang einer Jurte. Unser lahmfüßiger Gastgeber und sein Onkel setzen sich zu uns an unseren Campingtisch, seine Töchter bringen Wodka, Zigaretten, Kamelmilch und eine Literflasche Diesel (die rumgereicht wird wie eine kostbare Antiquität). Er wickelt einen übel stinkenden, schwarzen Matsch in ein Stück Baumwolle und schiebt es sich unter die Zunge, ist scheinbar eine Art Kautabak (heißt "Nasswei" und wirkt ähnlich wie Hashish). Der neugierige Mitsch lässt sich eine Prise zubereiten und darf zum ersten Mal auf dieser Reise eine Jurte betreten. Der Lahme schläft dann zwischen unseren Autos im Sand, oben erscheint der Vollmond, die Luft ist warm und voller Tiergeräusche.



17.05.03




380 km ohne Siedlung, pro Stunde begegnen uns etwa zwei Autos, meist LKW. Straßenlöcher werden tiefer und häufiger, liegen so eng zusammen, dass wir nicht ausweichen können. Unsere Autos tanzen über den ausgehöhlten Asphalt. Wir benötigen streckenweise eine Stunde für acht Kilometer. Sofern vorhanden, macht es Mitsch den turkmenischen LKW nach und wechselt auf die parallel zur Straße verlaufende Sandpiste. Ich trau mich nicht. Motor vom Benz läuft unsauber, habe vermutlich schlechten Diesel getankt. Wechsle später den Dieselfilter (eines der wichtigsten Ersatzteile).

Auch in dieser völligen Einöde mehrere Stopps an Polizei-Posten. Wir absolvieren sie inzwischen mit lässiger Routine: Pass, internationaler Führerschein und -zulassung habe ich griffbereit. Die Polizisten kritzeln die Daten in riesige Kladden. Für das Triptik mit der Route interessiert sich keiner.

Vier wilde Typen - zwei auf einem Motorrad, zwei im russischen Laster - besuchen unser Mittagslager, das wir auf meinen Wunsch hin ausnahmsweise in Sichtweite der Straße aufgeschlagen haben - dummer Fehler. Sie sehen sehr abenteuerlich aus, der eine trägt eine lange Pelzweste (42 Grad im Schatten), ich will sie fotografieren, aber sie sind sehr aufdringlich, wollen Dollar, sie hätten im Gefängnis gesessen, einer will in meinen Bus steigen. Ich habe den Pfeffer-Spray einsatzbereit in der Hosentasche. Mitsch schneidet mit seinem langen, schweizer Messer gemächlich eine Tomate und sagt (in Russisch): Wir erwarten 2 weitere Autos mit Freunden. Da machen sie sich davon. Wir auch - glücklicherweise müssen wir in die andere Richtung. Mitsch ist wirklich der perfekte Reisepartner, immer freundlich, rücksichtsvoll, souverän und hat sich sehr viel besser auf die Tour vorbereitet als ich, indem er z. B. Russisch gelernt hat, was für eine Reise durch die Ex-Sowjet-Staaten sehr nützlich ist.

Vor Sonnenuntergang fährt Mitsch in die Wüste, um nach einem geeigneten Nachtplatz zu suchen, der auch ohne Allrad erreichbar ist. Ich bleibe zurück, setze mich aufs Busdach und folge seinem Landy mit dem Fernglas. Mitsch winkt, er hat also was gefunden. Mit bloßem Auge ist er nicht mehr zu erkennen, aber auf der Landy-Spur finde ich zu ihm. Wir stehen gut geschützt hinter Dünen, weit weg von der Straße. Kaum habe ich etwas abseits die Hose runtergelassen, schlüpft zwei Meter vor mir ein Erdmännchen aus seiner Höhle, richtet sich auf, und wir schauen uns lange, bewegungslos, erstaunt in die Augen, während ich mein "Geschäft" erledige. Dann huscht es zurück in seinen Bau.



18.05.03




Mitsch nimmt einen Anhalter mit, ein Mann mit brauner Pelzmütze, nach etwa 20 km steigt er wieder aus, nirgends ist ein Weg oder ein Haus zu sehen. Mitsch sagt, der Mann habe die ganze Zeit geredet, vermutlich Turkmenisch, und scheinbar traurige Geschichten, denn er habe dazu geweint. Sein nasses Taschentuch habe er auf Mitschs Geldbörse gelegt, die direkt vor ihm im Handschuhfach lag. Mitsch habe sie aber vorsichtshalber darunter weggenommen.

Diesmal rasten wir mittags wieder außer Sichtweite der Straße. Die Hitze macht mir zu schaffen, versuche ein bisschen zu schlafen. Mitsch wechselt in der Zeit zwei Räder. Er lässt das Reserverad mitlaufen, so dass sich das Profil aller Reifen etwa gleich stark abnützt (hat er bei einem 4x4 Fahrlehrgang gelernt). Eine übermenschliche Anstrengung wäre das für mich gewesen.

Abends in Konye-Urgench, etwa 250 km südlich des Aral-Sees, letzter und größter Ort zwischen Ashgabat und Usbekistan. Der Amudarja ist nahe, mit seinem Wasser wächst Baumwolle aus dem versalzenen Boden. Auf den Feldern fahren ulkige Trecker auf drei Rädern. Ein Fremdenführer zeigt uns ein paar islamische Altertümer aus dem 12. Jh.

Wir sind die einzigen Gäste im Hotel "Halk-Watan-Beyik-Turkmenbasy" (allerdings steht dieser Spruch auf vielen Gebäuden, heißt wahrscheinlich: "Lang lebe der Herr der Turkmenen").





Das Bad können wir nicht benutzen, die Klobrille sogar mit Draht und Wäscheleine zugebunden. Wir sollen uns einen Eimer Wasser über den Kopf kippen. Das Wasser stammt aus einem Loch im Hinterhof, nur wenige Meter entfernt von der Sickergrube. Der Boden ist genauso versalzen wie die Baumwollfelder. Die Hinterhoftoilette besteht aus vier dünnen Betonwänden ohne Dach, an denen innen 1000 Fliegen kleben. Mitsch nimmt ein Zimmer, ich werde lieber im Bus vorm Hoteleingang schlafen.





Die Mutter des Chefs hat eine volle Reihe goldener Zähne, die sie stolz lachend präsentiert, für das Familienfoto aber guckt sie ernst und würdig und macht den Mund zu. Im Wohnzimmer steht ein Fernseher, wir sehen den Auftritt des Tanztheaters, das in Ashgabat alle Hotelzimmer belegt hatte.

Nächtlicher Gang durch den schaurig finsteren Ort, es gibt keine Straßenbeleuchtung, und der Mond ist noch nicht aufgegangen. Manchmal kann ich kaum meine Schuhe erkennen. Am Straßenrand stehen ein paar Händler, einer mit einem Kühlschrank und einer Gaslampe. Wir kaufen Zigaretten (zum Verschenken) und zwei Flaschen russisches Bier, die wir später im Mondlicht vorm Hoteleingang leeren. In der Nacht haben wir beide den gleichen Traum: Wir sind zuhause und machen unsere Jobs und wundern uns, dass die Reise schon zu Ende ist. Wie schnell doch die Zeit vergeht!



19.05.03

Turkmenistan ist ein billiges Reiseland, der Sprit ist praktisch geschenkt (umgerechnet 1,5 Cent für 1 Liter Diesel), und es gibt nichts Vernünftiges zu kaufen. Mitsch möchte noch vor der usbekischen Grenze volltanken. Wir wissen nicht, wieviel wir drüben zahlen werden. In Konye-Urgench gibt's Diesel, aber kein Benzin mit ausreichend hohem Oktan für seinen Landy. Wir verlassen daher die im Triptik eingezeichnete Route Richtung Dashouz. Dort macht er sich allein auf die Suche nach einer Tankstelle.

Ich flirte derweil mit jungen, hübschen Verkäuferinnen in einem kleinen Basar. Sie heißen Nassibä, Gülscherma, Dilisch, Meier und Salamä. Sie zeigen mir Fotos von ihren Familien, ich will ein paar kaufen, aber die schönsten rücken sie nicht raus. Ich soll Salamä heiraten, die mir im Rücken ihrer Freundinnen zuzwinkert. Sie nimmt mich mit in ihre Wohnung, dort holt sie aus dem Kühlschrank ein Eis am Stil, scheinbar eine wertvolle Rarität. Sie schreibt mir was in Russisch oder Turkmenisch in mein Tagebuch, und unter ihre Unterschrift: "I kiss me! I love you! Goog boy!"

Mitsch hat kein besseres Benzin bekommen. Der arme, alte Landymotor beschwert sich mit Klingeln und Leistungsabfall über den hier üblichen Sprit, und er ist sowieso nicht der stärkste. Auf manchen Steigungen muss Mitsch anhalten und die Geländereduzierung einlegen. Aber der urige Oldtimer ist bewusster Bestandteil seiner Reise durch Asien und Sibirien. Und bis hier hin hat er ohne Probleme durchgehalten.



Kommentare per mail:

Natalija schrieb am 15.8.04
Liebe Globetrotter! Ich komme aus Turkmenistan und glaubt mir, es gab immer Bier in Ashgabat. Hochwarscheinlich habt ihr Pech mit dem Hotel & dem Frühstück gehabt. Es gibt in Ashgabat (Stadt der Liebe) mindestens 20 Hoteles für jede Taschebörse, mit allen drum-und-dran!!! Es gibt auch zwei grosse Basars in Zentrum von Ashgabat, die schon ab 6 Uhr Morgens spätenstens auf sind. Die Turkmenen sind sehr freundliches & grosszügiges Volk. Lasst Euch nicht total von diesem Bericht abschrecken. Wer möchtet nach Türkmenistan reisen oder die Fragen haben, schreibt mir.

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