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Reisetagebuch Usbekistan 2003

Reiseroute Usbekistan





19.05.03

Fahren hinter Dashouz zur turkmenischen Grenzstation. Es ist der fünfte Tag in Turkmenistan, wir haben es also gerade geschafft vor Ablauf unserer Visa. Die turkmenischen Beamten fordern keine Strafe für das Verlassen der Route, wie ich befürchtet hatte. Sie sind sogar richtig gut gelaunt (sonst eher finster), und wir sehen nur wenige Soldaten. Wir sind seit Monaten die ersten Ausländer, die nach Usbekistan wollen, also eine willkommene Abwechslung. Sie sagen, die Usbeken auf der anderen Seite hätten SARS-Quarantäne, die würden uns nicht reinlassen. Mitsch fährt mit einem turkmenischen Zöllner rüber, um zu fragen. Ich bleibe bei den Turkmenen, reiche Zigaretten rum und quatsche mit ihnen, obwohl ich nicht Russisch und sie weder Deutsch noch Englisch können. Immerhin habe ich "point it" dabei, das Wörterbuch in Bildern.

Ausnahmsweise wollen die Usbeken uns vorlassen. Ein dicker Arzt erwartet uns mit Atemschutztuch vorm Mund draußen auf der Terrasse des usbekischen Zollhauses. Soldaten haben die Tücher locker um den Hals hängen. Der Arzt schaut uns in den Rachen, schiebt jedem ein Thermometer unter die Achseln --- wir haben 40 Grad, alle lachen, es ist vermutlich die Außentemperatur. Also nochmal kürzer gemessen, dann ist's ok. Die Autos werden nicht durchwühlt, sie schauen nur kurz rein. Wohnmobile haben sie scheinbar noch nie gesehen, die simple Einrichtung meines Busses kommentieren sie staunend als "Luxus".

[Carnet auch hier nicht verlangt; 1 Liter Diesel 255 Sum=23 Cent, 1 Euro=1100 Sum, der Tausender-Schein ist die größte Einheit, für größere Käufe braucht man entsprechend viele Scheine. Usbeken können mit einem speziellen Griff schnell und sicher zählen. Man sieht Geschäftsleute, versteckt auf Hinterhöfen, mit riesigen Geldbündeln hantieren.]

Dicht besiedelte Gegend, kein freier Platz für die Nacht. Bleiben in der Kolchose Bostan bei Shavat, versteckt hinter einem halbfertigen Gebäude, das aussieht, als sollte es mal ein FreilichtTheater werden. Die Kolchose hat Ähnlichkeit mit einer Schrebergartensiedlung. Natürlich werden wir entdeckt, noch bevor wir die Utensilien für's Abendmahl ausgepackt haben. Ein schüchterner junger Mann lädt uns in das Haus seiner Familie zum Abendessen ein. Eigentlich wollten wir früh schlafen, aber er ist so nett, also sagen wir zu. Sitzen dann auf Teppichen in einem dunklen Raum ohne Möbel. Außer dem jungen Mann ist nur sein Großvater da, die Frauen sind in der Küche. Unterhaltung ist schwierig. Der Bruder kann Englisch, aber der ist in Tashkent, wir sollen ihn unbedingt dort besuchen. Es gibt sehr originell und lecker zubereitete Spiegeleier mit Gemüse. Wir sehen, sie haben sich sehr viel Mühe gemacht, und sie sind sehr liebe, freundliche Menschen. Wir bedanken uns entsprechend, aber bestehen darauf, in unseren Autos zu schlafen. Draußen ist es dann stockduster, der junge Mann muss uns zurück zu unserem Schlafplatz führen.



20.05.03

Vorm Frühstück Besuch vom finster blickenden, feisten KolchoseBonzen in seinem Wolga, am Steuer sein unterwürfiger Fahrer : Eine Szene wie aus einem Kustorika-Film : er hantiert mit Funkgerät und Mobiltelefon und beides funktioniert nicht; er habe die Polizei gerufen, gibt er zu verstehen, wir sollen warten, aber wir machen uns davon.





Sengende, windstille Hitze über Khiva, ein Junge sitzt unter einem kaputten, schwarzen Regenschirm auf dem staubigen Parkplatz vor dem Osttor und verkauft Sonnenblumenkerne auf einem Holzkarren. Hinter den Mauern die komplette Restauration des islamischen Stadtkerns, ein Freilichtmuseum, früher Sklavenmarkt bis ins 19. Jh., unter der Hand habe man noch 1920 welche kaufen können; die Karawanen seien "barbaric cruelty and terrible journeys across deserts and steppes infested with wild tribesmen" gewesen (genau wie unsere), sagt der "lonely planet" Central Asia [6/2000, S. 326], alle Rucksacktouristen haben ihn (ich auch), leider ist er in vielen Details veraltet. [inzwischen neu aufgelegt].



21.05.03




Stadtführung gemacht : Das Wort "Geldwäsche" stamme aus dieser Gegend, aus Mangel an Papier und Metall habe es Geldscheine aus Seide gegeben, gewaschen behielten sie ihren Wert. Europäer, die die Anreise durch die Wüste überlebten, seien hier entweder verkauft oder geköpft worden, je nach dem, was mehr einbrachte; die Köpfe habe man aus Säcken auf den Marktplatz gekippt, der Khan habe auch für alte und kranke Exemplare gezahlt. Die Mongolen zerstörten die Stadt vollständig (das kommt davon!) bis auf die Moschee, weil sie darin ihre Pferde an den 213 Holzsäulen anbinden konnten. Der Innenhof des KhanPalastes wäre eine passende Kulisse für Becketts Endspiel.





Auf der Bühne steht 1 hölzerner Thronsessel mit Robe und Pelzkappe; ich setze mich drauf und ziehe die Sachen über, Mitsch macht ein Foto : Ich, der "Khan von Khivi".






Rashit heißt der Besitzer des Mirzoboshi-Hotels [B&B mitten im alten Stadtkern] und ist schon mittags betrunken. Frau und Töchter bewirten 16 deutsche Rentner (morgens waren es noch 17, einer machte schlapp auf der Anreise durch die Wüste!), sie haben die Reise beim Braunschweiger Wochenblatt gebucht. Rashit labert fröhlich torkelnd mit roten Augen und braunen Zähmen. Ich sage laut in die Runde : "Guten Tag zusammen!" Die alte Dame neben mir genervt : "Jaja, guten Tag, guten Tag!" Scheinbar hält sie mich für einen weiteren Usbeken, der seinen einen deutschen Satz zum besten gibt. (Und manch' ein Besucher oder Mitbewohner hielt Dich glatt für einen Außerirdischen - d.S.)



22.05.03

Tina aus Berlin getroffen, arbeitet in Tashkent, spricht Russisch, erzählt über Land und Leute, die amerikanischen Soldaten hätten ein gutes Leben hier, jede Nacht andere Mädchen, die Frauen machen es gern, die Amis zahlen gut, und wenn sie nachweislich ein Kind von ihnen haben, ist es der Fahrschein in die USA. [Inzwischen hat der Präsident die Amis rausgeworfen, aber aus anderen Gründen.]



24.05.03




Im Delta des Amudarja, des "Unberechenbaren", wie man ihn auch nennt, weil er hin und wieder seinen Lauf ändert und ganze Ortschaften wegspült : bis zum 16. Jh. soll er ins Kaspische Meer geflossen sein, heute schafft er es nur noch selten bis in den AralSee, zu viel "Aderlass" für die Landwirtschaft, vor allem Baumwolle. Er liegt breit und träge vor uns wie ein See. Wir überqueren ihn auf einer Pontonbrücke [zwischen Urgench und Beruni] : etwa 1 Dutzend aneinandergekettete Schiffe, von rostigen, ausgebeulten Stahlplatten bedeckt. Auf der anderen Seite machen wir Rast, das Ufer mit Schilf und Büschen bewachsen, paar Typen sitzen am Wasser, es ist sehr heiß; lege mich aufs Bett und lasse alle Türen offen und bin wohl doch eingeschlafen – als ich wach werde fehlen : Walkman, Kopfhörer, Lupe, Taschenlampe, Buntstifte usw. Mit Pfefferspray und Signalgeber (steckte auch in den TürTaschen) wussten sie scheinbar nichts anfangen.

Boden und Grundwasser salzig; üble Gerüche undefinierbarer Herkunft, auf den Feldern stehen Menschen in der Hitze und arbeiten; einmal pro Monat wackelt die Erde. Dann endlich wieder Wüste [A380 Richtung Buchara], es ist noch heißer geworden, 50 Grad im Schatten, ich leide, eine Unverschämtheit ist das : mitten im Mai!

Stehen in der Nacht auf einer Anhöhe neben 2 rostigen Wasserpumpen, weiter Blick über den Amudarja und eine Machalla [Dorfgemeinde] auf der anderen Uferseite, die zu Turkmenistan gehören müsste. Schwarze Wolkenwand mit Blitzen und Regenfahnen über dem südlichen Horizont, Wind heult über uns, 1 zotteliger Vogel sitzt allein auf einem Draht und piept, paar Tropfen kommen runter, aber es kühlt nicht ab.



25.05.03

Raststätte in der Wüste: Es ist eher eine Lagerhalle aus nacktem Beton mit ausgeschnittenen Rundbögen als Zugang. Drinnen hocken oder liegen die Männer auf dem für Asien typischen "Tabshan": ein Bettgestellt aus Vierkantrohren und Holzbohlen. Mitsch geht rein, will eine Stunde schlafen, aber sie reden so laut auf ihn ein, dass ich draußen im Bus mithören kann.

Ein russischer Allrad-Kleinbus mit geplatztem Reifen hält direkt gegenüber mitten auf der Straße. Zwei Typen springen raus und schaffen den Radwechsel in der Höllenhitze schnell und routiniert wie ein eingeübtes Team. Den Wagenheber drehen sie gar nicht erst runter, sondern schieben das Auto einfach hinten an, so dass der Heber unten wegknickt. Vermutlich müssen sie das öfter machen.

Etwa 100 km vor Buchara liegt Gazli, benannt nach dem Gasvorkommen unter der Stadt, das die Russen abpumpten. Danach versank die ganze Stadt in dem Hohlraum. Keiner überlebte den Erdrutsch. Die Stadt wurde danach neu aufgebaut.



Buchara




Usbekische Männer sind wie ihre Autos meist in schlechtem Zustand : ausgebeulte Jogginghosen und braune Gummibadeschlappen; sie sind wortkarg und schauen trübe. (mit Ausnahme der Wortkargheit, sind sie scheinbar auch nicht anders wie hier - d.S.) Die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes sei Schuld daran. Die meisten sprechen 3 Sprachen : Russisch, Usbek und Tadschik (das allerdings denn nun doch ganz im Gegensatz zu den Jogginghosenträgern hier, die sprechen selten eine halbwegs annehmbar - d.S.), für mich hört sich alles gleich an; ein 11-jähriges Mädchen kann außerdem Englisch, Deutsch und Japanisch : "From the tourist." Sie verkauft Mützen und Keramik.

Zimmer im Hotel "Fatima und Ibragim" hat nur 1 winziges Fenster untem Dach, heißes Wasser läuft durch die Heizung zusätzlich zu den 50 Grad Außentemperatur, das Duschwasser hingegen bleibt kalt. In der ersten Nacht schlafe ich im Hof auf dem Tabshan. Unsere Autos stehen für 1000 Sum pro Nacht auf einem verschlossenen Hof, kein Auto bleibt nachts auf der Straße.

[Man kann auf dem bewachten TIR-Parkplatz vor der Stadt campen, rechts aus Richtung Nukus, kostet ebenfalls ca. 1000 Sum / Nacht.]





Buchara passt besser zu seinen Männern als zu seinem Ruf : die Altstadt ist ein düsteres, staubiges Viertel mit ein paar schiefwinkligen, verstreut liegenden Medresen, Moscheen und einer verfallenen Zitadelle. Wie Pappkullissen sind sie in eine gänzlich unpassende Umgebung gestellt. Hinter jedem alten Bau stolpert man erneut über kaputte, dreckige Wege in enge Gassen mit erbärmlichen Behausungen.





Das Zentrum nennt sich "Labi Hauz" = around the pool (ich übersetze natürlich : "Haus zum Labern") : ein kleiner, dunkler Tümpel, umgeben von ein paar knorrigen Maulbeerbäumen (deren Früchte die Gehwege bedecken), 1 Café und 1 Restaurant [Achtung : TouriPreise : mindestens das Doppelte]. Besser man bleibt im schattigen Hof des Hotels und schaut sich die alten Bauten im Reiseführer an, die Fotos zeigen sie glänzender als in Wirklichkeit.

Abends verlaufe ich mich in den dunklen Gassen, höre Schritte hinter mir, ein Mädchen in islamischer Kleidung spricht mich an: "Where are you from?" Sie begleitet mich in respektvollem Abstand. Ich sage, ich habe mich verlaufen, sie wird merklich munter, will mich führen. Als am Ende einer Gasse Labi-Hauz sichtbar wird, bleibt sie stehen, als dürfe sie den hellen Platz nicht betreten und will 5 USD von mir für die Führung, die 5 Minuten gedauert hat. Ich gebe ihr 500 Sum, und sie ist beleidigt.



26.05.03




Schönes Nachtlager kurz vor Samarkand zwischen 2 tiefen Gräben, in denen türkisfarbene Vögel nisten. Ziegenherde zieht vorüber – sonst nur weites, leeres, grünes Land und Himmel und Wind um uns. Wir haben Simone, deutsche Studentin, und Abduwachid (Diener des Einzigen Gottes) mitgenommen. Ein Fuchs schleicht um die Autos – die beiden hören seinen Atem – während wir im Dunkeln über unserem Nachtmahl sitzen und Simone von der teuflischen Politik Stalins erzählt. Wir machen zwar kein Lagerfeuer, und es gibt keine 7000er (kein Lagerfeuer, wegen Stalin? - d.S.), trotzdem ist die Stimmung für mich so entrückt wie auf dem Bild "Tibetisches Lager", das daheim in meiner Wohnung hängt.



27.05.03




Großer Basar in Samarkand : eine Frau verkauft ausschließlich Plastiktüten; ein bärtiger Mann mit Doppe [viereckige, traditionelle Stoffmütze] sitzt im Müll auf einem Anhänger und fördert Spaghetti zutage, die er an eine Frau verkauft;





Ein Zigeunermädchen in bunter islamischer Tracht trägt eine kleine Pfanne mit sich herum, in der etwas SchwarzGelbes brutzelt und qualmt [heißt Isirik und ist ein Universalheilmittel, man atmet den Rauch ein]; ein alter Mann in brauner Lederhaut wartet mit seinem rollenden Eisenkäfig auf Kunden, er ist ein Arawakäsch, ein Einkaufswagenfahrer. Monis heißt der Koch aus dem Restaurant, das eher eine große Garage ohne Tor ist; seine Küche besteht aus 3 großen Schüsseln, in denen Suppe, Plov und Chonum [gefüllter Weißkohl] warm gehalten werden. Draußen steigt weißer Rauch über Fleischspießen auf; ein Mann in bunter Fliegerkappe lenkt ein knatterndes Dreirad mit Kofferaufbau vorüber (sieht aus wie aus einem Enki-Bilal-Comic). 3 Jungs baden nackt in einem brackigen Tümpel und legen sich anschließend bäuchlings auf den sonnengewärmten Gehweg;





Zwei Mädchen spielen mit Puppen am Straßenrand und lächeln in die Kamera, als sie mich sehen; ein Mann liegt wie tot am Boden, keinen kümmert es, später zieht ein Polizist seinen Kopf am Ohr hoch und lässt ihn zurück auf den Boden plumpsen. Es gibt wieder Bananen (Puh, welch ein Glück. Die Usbekische Regierung scheint sich besser um ihre Bevölkerung zu kümmern, als die letzte der DDR. - d.S.) [500 Sum=1 Stck], und grünes Nasswei in transparenten Wurstpellen für 100 Sum : stinkt wie der faulige Matsch in den Gräben zwischen Gehweg und Straße; es sei gut gegen Karies, sagt der Verkäufer. Ein alter Mann in grauem Anzug sitzt auf einem winzigen Hocker und hütet 4 Schafe, die den Grünstreifen zwischen Graben und Gehweg abgrasen. Ich leiste mir 2 Träger (6 bis 7 Jahre alt) für 1 Plastiktüte voll Gemüse.

Im Hotel Bahadir gibt's Computer, Internet und 1 Gästebuch, aber kein Wasser auf dem Zimmer, dafür kostet die Nacht mit Frühstück nur 7 Dollar, und im Beet des Innenhofes lebt eine Schildkrötenfamilie. Besonders spannend ist der nächtliche Gang zum Pinkeln in den Keller : Neben dem Loch im Boden zischelt als einzige Lichtquelle 1 Feuer, vermutlich die Warmwasseranlage, ich beschreibe das im Gästebuch.





Vorausschauend hat man die 3 großen Medresen auf dem RegistanPlatz und den Basar in unmittelbare Nähe unseres Hotels gesetzt, so kann ich Müder mich dorthin schleppen. Wenige Touristen [IrakKrieg], und die wenigen suchen nach Märchen und Mythen : Marco Polo, Seidenstraße, 1001 Nacht :

"Hallo, ja, guten Tag."
"---"
"Aus Holland? Aha. Und? Wie gefällt's Ihnen so hier?"
"Ja, moi, heel moi, dit Registan-Plein, het is toch heel moi, of nit dan?" Ja, der RegistanPlatz ist wirklich schön.
"Und schauen Sie sich auch Anderes an?"
"Oh,ja, da waren wei al, op het joodse kerkhof achter de bazar en de Kosh-Hauz Mosque, heel moi!"

Mich bekommen die weiter entfernten "WürdigKeiten" heute nicht zu "sehen", sowieso sind meine schönsten Plätze unsere Nachtlager draußen bei Wind, Füchsen, Zecken und Mücken.



28.05.03

Zwischen Samarkand und Tashkent zum ersten Mal wieder Bergketten gesichtet, von Turkmenistan an waren SandDünen die höchsten Erhebungen. 1 Güterzug fährt parallel zur Straße – welch erstaunlicher Lärm! Ich nehme Bruce Hornsby von den Ohren und lausche andächtig dem Brüllen und Rattern.



Tashkent

Abduwachid lotst uns durch die 2,5 Millionenstadt Tashkent : breite Alleen mit Bäumen und Parks und Springbrunnen, alles neu gestaltet nach dem Erdbeben von 1966. Wenig Verkehr, vollgequetschte Busse. Wir umrunden das Zentrum mit dem pathetischen Reiterstandbild des Timur Lenk, er grüßt mit ausgestreckter Rechten in Richtung des Präsidentenpalastes, wo der leukämiekranke Islam Karimov residiert.

Erreichen in der Dämmerung Karasú, eine Plattenbausiedlung am Stadtrand, Abdus Mutter Rosa begrüßt uns herzlich mit Abendessen : Chonum [heißt : schöne Frau] und Moschktir [Reis mit Gemüse]. Wir können die leerstehende Wohnung nebenan beziehen. Wollen unsere Sachen aus den Autos holen und finden Mitschs Landrover aufgebrochen : Alles, was nicht extra verschlossen war, ist weg. 1 Junge führt Mitsch auf den stockdunklen Spielplatz nebenan, wo sie einiges wiederfinden. Der Junge soll auch den Rest besorgen. So hocke ich auf meinem Klappstuhl um Mitternacht zwischen 5-stöckigen Sowjetbauten, rostigen Wellblechgaragen, Müllhaufen, Pfützen, aufgeplatzten Betonwegen, während Mitsch mit seiner Taschenlampe auf dem Spielplatz rumgeistert. Der Junge kommt nicht wieder, aber am nächsten Tag bringen die Mütter der Diebe nach und nach alles zurück



30.05.03

Beschließe, länger in Tashkent zu bleiben. Mitsch fährt weiter Richtung Kirgisien und Mongolei, wollen uns in Bishkek oder Almaty treffen. Bringe mein Auto zur Inspektion in die MB-Niederlassung Silkroad Star [fähige Leute, freundlicher deutscher Chef]. Ein Mechaniker sagt, er könne mir eine junge Frau besorgen, die Englisch oder Deutsch spricht und mir für 2, 3 Tage Gesellschaft leistet.



31.05.03




Die russischen Plattenbausiedlungen sehen aus wie unsere "AsiViertel" (unten immer offen, kaputte Haustüren, keine Schellen, Wohnungen nummeriert, verkommenes Treppenhaus und Stahltüren vor den Wohnungen mit Schlössern geeignet für Panzerschränke). Hier sind's aber Eigentumswohnungen, fast alle Usbeken wohnen so, auch wohlhabende Leute. Eine Wohnung kostet 3 bis 6000 USD.





Meine ist rührend trist und kitschig : in der Vitrine sitzt eine dickbusige Wachspuppe im Bikini auf einer Strandliege und streift lüstern grinsend ihren Slip über die Knie; daneben an der Wand eine Madonna mit Kind aus braunem Plastik, einer Bronzeminiatur nachempfunden.

Unten auf dem Hof, wo Mitschs Auto aufgebrochen wurde, ist Tag und Nacht Leben : Musik, Kindergeschrei, Hühnergackern, Vogelgezwitscher, Hämmern, Verkäufer, die die Namen ihrer Waren singen, Jungs, die dröhnend über die Dächer der Blechgaragen springen und von oben runterpissen. Aus dem Dach des Nachbarhauses quillt schwarzer Qualm und verpestet meine Zimmer, auf dem anderen wird gearbeitet : sie kippen den Bauschutt aus Eimern nach unten, wo er vermutlich ewig liegen bleibt.

Eine junge Frau kommt aus dem Nachbarhaus : modische Rundsonnenbrille, High-Heels, blau-metallisch schimmerndes, bodenlanges Kleid, bei jedem Schritt legt der hüfthohe Schlitz ihr linkes Bein frei. An der Bushaltestelle brennt ein Müllkasten.



01.06.03

Sonntagabend, Jahrmarktstimmung in Karasú : die beiden Restaurants haben Hochbetrieb, Fleischspieße werden gegrillt, Brot und Getränke bringt man von zuhause mit, aus 3 verschiedenen Richtungen kommt russische und englische Popmusik; die Stühle sind extra unbequem geformt; 1 Mann trägt ein halbes Schwein durch die Stuhlreihen, nach einer halben Stunde kommt er mit einer Handvoll Eingeweiden zurück (Fotos? - d.S.). Die meisten haben sich fein gemacht : junge Frauen in halbmeterlangen, spitzen Schnabelschuhen, bedecken oben nur die Zehen, sehen aus wie Krokodile. Die ländlichen Frauen erinnern mich mit ihrer bronzenen Haut, den Goldzähnen und bunten Trachten an MayaSkulpturen. Auch die Kellnerin hat den halben Mund voller Goldzähne, sie stellt mir ihre 16-jährige Tochter vor, die gerade Englisch in der Schule lernt, sie setzt sich zu mir, und wir unterhalten uns verlegen. Ein altes Ehepaar am Nebentisch : sie stochert dick und müde mit fettigem Haar in einer Kartoffelsuppe. 1 dicker, schwarzer Käfer fällt aus der Markise auf meinen Bauch; 2 schwarz-weiße Kühe und 2 Kälber werden über die Kreuzung geführt; kleine und große Busse nicken durch Schlaglöcher; Tische werden zusammengerückt für die große Familie; 1 Glas Pivo [Bier] kippt vom Nachbartisch... voll das Leben! Wie schön das ist, wenn man nicht mitmachen muss... mir kommen die Tränen - vom Grillqualm.






Fahre mit Linie 21 in die Innenstadt, ich wähle einen alten russischen Bus [es gibt auch neue MB-Busse, aber die kenn ich ja], er ist gasbetrieben, Motor wird hinten mit einer Kurbel angelassen. Blinker, Sitze, Scheiben, Räder – alles scheint gerade eben noch zusammen zu halten; die Geschwindigkeit ist ganz ok, kaum langsamer als wir durch die KarakumWüste; Ticket kostet 100 Sum [10 Cent], egal wie weit man mitfährt. Der Fahrer hört schwarzen Rap, das StonesLogo klebt auf dem Rückspiegel, statt Hupe hat er eine Pfeife, die klingt, wie Männer Frauen nachzupfeifen pflegen, die Bremse klingt wie das Einholen einer Ankerkette. Es riecht stickig, muffelig, obwohl alle Fenster offen sind. Das einzig Vertraute : die Leute sitzen und stehen genauso schweigend und trübsinnig herum wie daheim. Metrofahren kostet auch 100 Sum, man kriegt eine Plastikscheibe (wie für einen Einkaufswagen); man muss darauf achten, ihn in den richtigen Schlitz zu stecken, sonst wird man von 3 Eisenstangen gefangen genommen. Die Stationen sind prächtig, man kann sagen, die schönsten Plätze in Tashkent befinden sich unter der Erde. (Er nu wieder - d.S.)

Irgendwie kostet alles 500 Sum : die Taxifahrt, eine Stunde Internet, eine Banane, zwei Fanta für mich und Nasiba, Abduwachids 18-jährige Schwester.

[Unterkünfte von 2,30 bis über 100 USD, für längeren Aufenthalt möblierte Appartements für ca. 100 Dollar Monatsmiete, incl. aller Nebenkosten, telefonieren innerhalb der Stadt ist frei]



04.06.03

Vor Abduwachids DeutschKlasse geredet, in der Fakultät für Deutsche Philologie, ein Stock über'm Goethe Institut : 12 junge, hübsche Frauen und 1 Mann mit langen Haaren [eine Seltenheit, tragen nur Künstler]. Sie sprechen sehr gut Deutsch. Eine legt den Kopf auf die Tischplatte, als wolle sie schlafen (hölzerne Bänke, wie aus meiner Volksschulzeit). Rede mit den jungen Damen über Ortega y Gasetts Theorie der Liebe; lange Diskussion darüber, was wahre Liebe ist. Aber noch interessanter sind deutsche Schimpfwörter, ich schreibe sie an die Tafel, und sie schreiben eifrig mit : Stinkstiefel, Arschgeige, Pissnelke, blöde Kuh usw.... macht echt Spaß, hätte doch Proff werden sollen!

Tina wieder getroffen, fahren Riesenrad, sie arbeitet im Goethe-Institut. Sie sagt, die russischen Mädchen glauben, die Frauen in USA und Europa laufen draußen so rum wie die Pop-Stars in MTV. Alle jungen, hübschen Usbekinnen wollen weg nach Europa oder USA, und sie sind sich ihres Wertes bewußt, ein Bekannter habe eine heiraten wollen. Als ihm klar wurde, wieviel es ihn kosten wird (20 Tausend USD für die Hochzeit, Geschenke : Auto, Computer nur vom Feinsten usw.), habe er es gelassen. "Der Frauen Gunst ist nie umsunst."

Der Präsident kommt : die Bullen haben die Kreuzung gesperrt, Motor aus, wir warten eine Viertelstunde, 2 PKW huschen vorbei, Pause, dann der nächste PKW und ein schwarzer Mercedes mit dunklen Scheiben, das kann er gewesen sein, Pause, weitere PKW und schwarze Limousinen kommen, Pause, ein weißer PKW, Pause, ein Polizeiauto mit Rotlicht, Pause, noch eins, Pause, dann können wir passieren. Die Bodyguards des Präsidenten, erzählt Abdu, hätten einmal eine Omi auf ihrem Balkon erschossen, weil sie durch ein Fernglas guckte.



05.06.03

Zum dritten Mal bestohlen worden : nachts vorm Hauseingang klaut mir einer die Geldbörse aus der Hose. Leider war meine VisaKarte da drin. Fahre 6 Uhr morgens in die Innenstadt, um nach Frankfurt zu telefonieren und sie sperren zu lassen, aber finde den Telefonladen nicht wieder. Eine junge Asiatin hilft mir, spricht sehr gut Englisch mit amerikanischem Akzent. Ich lade sie für den Abend zum Essen ein.




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