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Reise 2003

Usbekistan



Reiseroute Usbekistan







19.5.03

Dicht besiedelte Gegend, kein freier Platz für die Nacht. Bleiben irgendwo versteckt hinter einem halbfertigen Gebäude, das aussieht, als sollte es mal ein Freilicht-Theater werden. Es sieht hier aus wie eine heimische Schrebergartensiedlung. Natürlich werden wir entdeckt, noch bevor wir die Utensilien für's Abendessen ausgepackt haben. Ein schüchterner junger Mann lädt uns in das Haus seiner Familie zum Abendessen ein. Eigentlich wollten wir früh schlafen, aber er ist so nett, also sagen wir zu.

Sitzen dann auf Teppichen in einem dunklen Raum ohne Möbel. Außer dem jungen Mann ist nur sein Großvater da, die Frauen sind in der Küche. Der Bruder kann Englisch, aber mit dem können wir nur telefonieren, er ist in Tashkent. Wir sollen ihn unbedingt dort besuchen. Es gibt sehr originell und lecker zubereitete Spiegeleier mit Gemüse. Wir sehen, sie haben sich große Mühe gemacht, und sie sind sehr liebe, freundliche Menschen. Wir bedanken uns entsprechend, aber bestehen darauf, in unseren Autos zu schlafen.

Draußen ist es stockduster, der junge Mann muss uns zurück zu unserem Schlafplatz führen.




20.5.03

Vorm Frühstück Besuch von einem finster blickenden, feisten Bonzen in seinem Wolga, am Steuer sein unterwürfiger Fahrer: Eine Szene wie aus einem Kustorika-Film: er hantiert mit Funkgerät und Mobiltelefon, und beides funktioniert nicht. Er habe die Polizei gerufen, gibt er zu verstehen, wir sollen warten, aber wir machen uns davon.






1 Liter Diesel kostet 255 Sum=23 Cent, 1 Euro=1100 Sum. Der Tausender-Schein ist die größte Einheit, für größere Käufe braucht man entsprechend viele Scheine.






In Khiva: Sengende, windstille Hitze, ein Junge sitzt unter einem kaputten, schwarzen Regenschirm auf dem staubigen Parkplatz vor dem Osttor und verkauft Sonnenblumenkerne auf einem Holzkarren. Hinter den Mauern die komplette Restauration des islamischen Stadtkerns, ein Freilichtmuseum, bis ins 19. Jh. Sklavenmarkt, unter der Hand habe man noch 1920 welche kaufen können. Die Karawanen seien "barbaric cruelty and terrible journeys across deserts and steppes infested with wild tribesmen" gewesen, sagt der "lonely planet" Central Asia [6/2000, S. 326]. Leider ist er in vielen Details veraltet.






21.5.03

Stadtführung gemacht: Das Wort "Geldwäsche" stamme aus dieser Gegend. Aus Mangel an Papier und Metall habe es Geldscheine aus Seide gegeben, gewaschen behielten sie ihren Wert.
Europäer, die die Anreise durch die Wüste überlebten, seien hier entweder verkauft oder geköpft worden, die Köpfe habe man aus Säcken auf den Marktplatz gekippt, der Khan habe auch für alte und kranke Exemplare gezahlt.
Die Mongolen zerstörten die Stadt vollständig (das kommt davon!), bis auf die Moschee, weil sie darin ihre Pferde an den 213 Holzsäulen anbinden konnten.




Im Innenhof des Khan-Palastes macht Mitsch ein Foto von mir als Khan von Khiva.



"Ich hörte, daß der Chan alle verdächtigen Fremden zu Sklaven machte, daß er dies erst unlängst mit einem Hindustaner von angeblich fürstlicher Abkunft that, der jetzt wie die übrigen Sklaven zum Schleppen der Kanonenwagen bestimmt war." Herbert Vámbéry, Reise in Mittelasien






Rashit heißt der Besitzer des Mirzoboshi-Hotels und ist schon mittags betrunken. Frau und Töchter bewirten 16 deutsche Rentner. Morgens waren es noch 17, einer machte schlapp auf der Anreise durch die Wüste. Immerhin werden wir nicht mehr geköpft.
Sie haben die Reise beim Braunschweiger Wochenblatt gebucht. Rashit labert fröhlich torkelnd mit roten Augen und braunen Zähmen. Ich sage laut in die Runde: "Guten Tag zusammen!" Die alte Dame neben mir sagt genervt: "Jaja, guten Tag, guten Tag!" Offenbar hält sie mich für einen Usbeken, der mit seinem einzigen deutschen Wort angibt.




22.5.03

Tina aus Berlin getroffen, arbeitet in Tashkent, spricht Russisch, erzählt über Land und Leute. Die amerikanischen Soldaten hätten ein gutes Leben hier, jede Nacht andere Mädchen, die Amis zahlen gut, die Frauen machen es gern, und wenn sie nachweislich ein Kind von ihnen haben, ist es der Fahrschein in die USA.






24.5.03

Unterwegs nach Buchara im Delta des Amudarja, des "Unberechenbaren", wie man ihn auch nennt, weil er hin und wieder seinen Lauf ändert und ganze Ortschaften wegspült. Bis zum 16. Jh. soll er ins Kaspische Meer geflossen sein, heute schafft er es nur noch selten bis in den Aralsee, zu viel "Aderlass" für die Landwirtschaft, vor allem Baumwolle. Er liegt breit und träge vor uns wie ein See. Wir überqueren ihn auf einer Pontonbrücke.
Auf der anderen Seite machen wir Rast, das Ufer mit Schilf und Büschen bewachsen, paar Typen sitzen am Wasser, es ist sehr heiß; lege mich aufs Bett und lasse alle Türen offen und bin wohl doch eingeschlafen. Als ich wach werde fehlen Walkman, Kopfhörer, Lupe, Taschenlampe, Buntstifte usw. Mit Pfefferspray und Signalgeber wussten sie wohl nichts anzufangen.

Dann endlich wieder Wüste, es ist noch heißer geworden, 50 Grad im Schatten, ich leide....

Stehen in der Nacht auf einer Anhöhe neben 2 rostigen Wasserpumpen, weiter Blick über den Amudarja und eine Machalla auf der anderen Uferseite, die zu Turkmenistan gehören müsste. Schwarze Wolkenwand mit Blitzen und Regenfahnen über dem südlichen Horizont. Wind heult über uns, ein zotteliger Vogel sitzt allein auf einem Draht und piept. Paar Tropfen kommen runter, aber es kühlt nicht ab.




25.5.03

Raststätte in der Wüste: Es ist eher eine Lagerhalle aus nacktem Beton mit ausgeschnittenen Rundbögen als Zugang. Drinnen hocken oder liegen die Männer auf dem für Asien typischen "Tabshan": ein Bettgestellt aus Vierkantrohren und Holzbohlen. Mitsch geht rein, will eine Stunde schlafen, aber sie reden so laut auf ihn ein, dass ich draußen im Bus mithören kann.

Etwa 100 km vor Buchara liegt Gazli, benannt nach dem Gasvorkommen unter der Stadt, das die Russen abpumpten. Bei einem Erdbeben soll die ganze Stadt in dem Hohlraum verschwunden sein. Keiner überlebte. Die Stadt wurde danach neu aufgebaut.






Buchara: Das Zentrum nennt sich "Labi Hauz" = around the pool: ein kleiner, dunkler Tümpel, umgeben von ein paar knorrigen Maulbeerbäumen und ein paar ein Cafés. Man verlangt Touri-Preise. Besser man bleibt im schattigen Hof des Hotels und schaut sich die alten Bauten im Reiseführer an, die Fotos zeigen sie glänzender als in Wirklichkeit.

Abends verlaufe ich mich in den dunklen Gassen, höre Schritte hinter mir, ein Mädchen in islamischer Kleidung spricht mich an: "Where are you from?" Sie begleitet mich in respektvollem Abstand. Ich sage, ich habe mich verlaufen. Sie wird merklich munter, will mich führen. Als am Ende einer Gasse Labi-Hauz sichtbar wird, bleibt sie stehen, als dürfe sie den hellen Platz nicht betreten und will 5 USD von mir für die Führung, die 5 Minuten gedauert hat. Ich gebe ihr 500 Sum, und sie ist beleidigt.






26.5.03

Nachtlager kurz vor Samarkand zwischen 2 tiefen Gräben, in denen türkisfarbene Vögel nisten. Ziegenherde zieht vorüber – sonst nur weites, leeres, grünes Land und Himmel und Wind um uns. Wir haben Simone, deutsche Studentin, und Abduwachid mitgenommen, die wir im Hotel in Buschara kennen lernten. Ein Fuchs schleicht um die Autos – die beiden hören seinen Atem.

Simone erzählt von der teuflischen Politik Stalins. Zum Beispiel habe er die Grenzen zwischen den Republiken so gezogen, dass sich die Völker untereinander streiten und sich nicht gegen Moskau erheben. Das sind jetzt Staatsgrenzen und führen tatsächlich zu Streit bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen.






27.5.03

Samarkand: Im Hotel Bahadir gibt's Computer, Internet und 1 Gästebuch, aber kein Wasser auf dem Zimmer, dafür kostet die Nacht mit Frühstück nur 7 Dollar, und im Beet des Innenhofes lebt eine Schildkrötenfamilie. Besonders spannend ist der nächtliche Gang zum Pinkeln in den Keller: Neben dem Loch im Boden zischelt als einzige Lichtquelle ein Feuer, vermutlich die Warmwasseranlage. Ich beschreibe das im Gästebuch. Aber der Besitzer ist überaus freundlich, und es gibt ein üppiges Frühstück.






Großer Basar in Samarkand : eine Frau verkauft ausschließlich Plastiktüten; ein bärtiger Mann mit Doppe [viereckige, traditionelle Stoffmütze] sitzt im Müll auf einem Anhänger und fördert Spaghetti zutage, die er an eine Frau verkauft;






Ein Zigeunermädchen in bunter islamischer Tracht trägt eine kleine Pfanne mit sich herum, in der etwas Schwarz-Gelbes brutzelt und qualmt [heißt Isirik und ist ein Universalheilmittel, man atmet den Rauch ein]; ein alter Mann in brauner Lederhaut wartet mit seinem rollenden Eisenkäfig auf Kunden, er ist ein Arawakäsch, ein Einkaufswagenfahrer. Monis heißt der Koch aus dem Restaurant, das eher eine große Garage ohne Tor ist; seine Küche besteht aus 3 großen Schüsseln, in denen Suppe, Plov und Chonum warm gehalten werden. Draußen steigt weißer Rauch über Fleischspießen auf; ein Mann in bunter Fliegerkappe lenkt ein knatterndes Dreirad mit Kofferaufbau vorüber (sieht aus wie aus einem Enki-Bilal-Comic). 3 Jungs baden nackt in einem brackigen Tümpel und legen sich anschließend bäuchlings auf den sonnengewärmten Gehweg;






Zwei Mädchen spielen mit Puppen am Straßenrand und lächeln in die Kamera, als sie mich sehen.

Ein Mann liegt wie tot am Boden, keinen kümmert es. Später zieht ein Polizist seinen Kopf an einem Ohr hoch und lässt ihn zurück auf den Boden plumpsen. Es gibt wieder Bananen, 500 Sum=1 Stck, und grünes Nasswei in transparenten Wurstpellen für 100 Sum: es stinkt wie der faulige Matsch in den Gräben zwischen Gehweg und Straße. Es sei gut gegen Karies, sagt der Verkäufer. Ein alter Mann in grauem Anzug sitzt auf einem winzigen Hocker und hütet 4 Schafe, die den Grünstreifen zwischen Graben und Gehweg abgrasen. Ich leiste mir 2 Träger (6 bis 7 Jahre alt) für 1 Plastiktüte voll Gemüse.






Vorausschauend hat man den Registan-Platz und den Basar in unmittelbare Nähe unseres Hotels gebaut, so dass ich Müder mich dorthin schleppen kann. Wenige Touristen, und die wenigen suchen nach Märchen und Mythen: Marco Polo, Seidenstraße, 1001 Nacht...






28.5.03

Zwischen Samarkand und Tashkent zum ersten Mal wieder Berge gesichtet. Von Turkmenistan an waren Sanddünen die höchsten Erhebungen.

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