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Reisetagebuch 2006 / Bishkek, Teil 3




15.8.06

Privatklinik

Heute lag ich 2 Stunden lang auf dem Rücken, und 2 attraktive Russinnen, eine links, eine rechts, waren mir sehr nahe und schauten mir sehr tief in mein aufgerissenes Maul (erzählten sich scheinbar Dönekes über mich hinweg, kicherten jedenfalls öfter) und stocherten mit Nadeln bis auf den Nerv: Wuzelbehandlung, Privatklinik, gilt als sehr teuer: 60 Euro. Im Krankenhaus hätte das 6 Euro gekostet, mutmaßt Nuria, aber hier haben sie das neueste Gerät. Stimmt, es sah kaum anders aus als ich es von meinem Doc in W. kenne, die Zimmer waren ein bisschen großer, und eine Fliege kitzelte mich am Fuss, und Nuria durfte die ganze Zeit dabei bleiben. 3 bis 4 Tage soll ich nun Schmerzen haben, sagte die Ärztin, bis jetzt merke ich nichts.



17.8.06

Zeppelin

Gestern waren wir im 'Zeppelin', dem bishkeker Hard-Rock-Cafe. Eintritt für mich 1 Euro, für Mädels frei. Leider mit sehr unbequemen Hockern, und an der Bar haut man sich an der eisernen Vekleidung die Kniescheibe auf. Jeden Abend spielt eine Band, am Wochenende gibt's zusätzlich Striptease. Die gestrige Band spielte Sowjet-Rock, also das, was vor der Wende zugelassen war. Die Musiker stilecht steif und dilettantisch, das erste Stück mussten sie 3x von vorn anfangen. Für mich waren das Shanties, totlangweilige Balladen im schleppenden Rhythmus. Nuria trank zu jedem Titel 1 Glas Wodka (30 Cent pro Glas), mir war nach 1 Flasche pro Titel, um das zu ertragen; nach dem 3. Glas sind wir gegangen. "Let's come again at the weekend", sagte ich, als ich im Eingangsbereich das Foto der Tänzerin sah, das sie zeigt, wie sie vermutlich am Ende ihrer Vorstellung aussieht.




Unsere Bäckerei hinterm Plattenbau, echt nette Jungs! Der Krater ist der Ofen.



Nuria hochgeschlossen und angemalt: für Damen wird das Bier hier mit Strohhalm serviert. Der Fleck auf ihrer Stirn ist ein Muttermahl, um falschen Schlüssen vorzubeugen...



naF.doc

Da hat sie, Nuria, in ihrer Sprachunkundigkeit heute eine hübsche Zweideutigkeit hingekriegt, ohne es selbst zu merken. Sie sagte, sie wolle in den Vergnügungspark zum Riesenrad fahren, Schießen und Eis essen, und zwar allein, denn ich sei ja krank, und weil: "You are not interesting", womit sie gemeint haben könnte - und so habe ich sie zunächst verstanden (typisch für mich): Ich sei als Kranker keine interessante Gesellschaft, weder zuhause noch im Park, da sie von mir nur noch fortwährend "I got pain" zu hören kriegt. Könnte auch sein, sie meinte, sie gehe lieber allein, weil ich eh keine Lust habe, Riesenrad u. ä. zu fahren, wobei dieses Argument gerne benutzt wird, wenn man jemand anders treffen möchte, aber in meinem Fall trifft es zu. Ich gab ihr also 200 Som und ließ sie ziehen, ohne nachzufragen, wie ihr Satz gemeint war, da Geheimnisse so selten geworden sind (außer ein paar 'GfK', siehe weiter oben), und ich zuhause im Computer eine Word-Datei 'naF.doc' = 'nicht aufklärbare Fälle' habe, in der ich solche Geschichten festhalte, und die will ja gefüllt werden.



Taxi

Kürzlich mit Taxi zur Disco gefahren, ein zweitüriger, klappriger Audi 80, wahrscheinlich Bauj. 83, ohne Dachschild. Er fährt uns für 80 Som (1,30 Euro) für eine Strecke, die bei uns mindestens 12 Euro kosten würde. Wir handeln auf 50 runter. Drinnen sieht's aus wie in der Wohnung meines Freundes, der ein Messi ist. Er muss erstmal den Beifahrersitz leer räumen, dann kann Nuria auf den Rücksitz klettern, ich setze mich vorn rein. Er hat den Zündschlüssel verloren, sucht ihn in seinem Kros und unter seinem Sitz. Ich höre, wie Russisch mit Hasenscharte klingt: Das Auto sei aus Deutschland, sagt er und klopft stolz auf das Lenkrad. "Ich weiß", sage ich, "ich bin auch aus Deutschland." Ich muss nochmal aussteigen, er findet den Zündschlüssel unterm Beifahrersitz. Er startet und vergisst, den Gang rauszunehmen. Abgewürgt. Ich frage, ob er einen Führerschein hat, sonst könnte ich fahren, ich wär nämlich auch Taxifahrer.



Pilzgericht

Gestern hat Nuria ein Pilzgericht gemacht, die Pilze lagen nach dem Kochen grau und schleimig wie fette Schnecken im Topf. War lecker, wie alles, was sie kocht. Am nächtsen Tag konnte ich 3x hintereinander auf'n Topf, hatte das Gefühl, mich noch nie so gut entleert zu haben, kann mich aber nicht erinnern, gestern irgendwelche veränderten Wahrnehmungen gehabt zu haben, sonst hätte ich das Gericht gleich nochmal bestellt.



Out of tune


Sehr beliebt bei den Bishkekern (und in ganz Zentralasien) ist das Karaoke-Singen. Nuria macht's auch gern und nicht besser als der Durchschnitt, d. h. out of tune. In den Parks gibt es unzählige Buden mit Musikanlage, TV und Mikro. Viele Cafes quälen ihre Gäste mit professionellen Karaoke-Sängern und / oder -Sängerinnen, die alle die schrecklich sentimentalen bis pathetischen asiatischen Schlager runterleiern, manche in unerträglicher Lautstärke, trotzdem sind die Cafes gut besucht, mir schauderts schon, wenn ich's von weitem höre.



Gehverhalten



So wie das Fahrverhalten der Autofahrer woanders anders ist, ist auch das Gehverhalten der Fußgänger in manchen Ländern befremdend. Kirgisen weichen nicht aus. Nuria hat mir kürzlich vorgeführt, was ich ständig kommen sehe: Sie stieß frontal mit einer Frau zusammen, obwohl links und rechts reichlich Platz war, und beide nicht betrunken waren. Weder regten sie sich auf, noch entschuldigte sich eine, sie gingen weiter, als passiere ihnen das täglich.

Wer normalerweise wem ausweicht, ob es eine Regel gibt, Frau vor Mann oder so, habe ich nicht rausgekriegt, da ich immer, wie gewohnt, schon von weitem Platz mache. Wenn ich neben Nuria gehe, und eine Reihe Kirgisen kommt uns entgegen, reihe ich mich frühzeitig hinter ihr ein, da sie nicht nach außen weicht, um mir Platz zu lassen, damit ich neben ihr bleiben kann, was meist durchaus möglich ist.

Nuria hat zudem einen seltsamen, schwankenden Gang, was nicht nur an den unebenen Gehwegen liegen kann. Ich gehe neben ihr stets in der gespannten Erwartung des nächsten Remplers. Halte ich größeren Abstand, gleicht sie ihn aus, bis es kein Ausweichen mehr gibt. Nur um den nächsten Rempler zu vermeiden, gehe ich manchmal Arm in Arm mit ihr, allerdings muss ich dann in ihren Elefantengang fallen, sonst stolpern wir beide.

Kommt ein Kirgise an einer Kreuzung von links oder rechts, kann es passieren, dass er mir direkt vor der Nase den Weg schneidet, ich in ihn hineingelaufen wäre, hätte ich nicht in letzter Sekunde gebremst.

Wenn ich vorsichtig einen Laden betrete, weil der voller Menschen ist, und das kommt sehr häfig vor, weil die meisten Läden winzig klein sind, werde ich von hinten hineingestoßen, und ich denke, diese Person hat es eilig, sie gehört sicher zum Personal, aber es ist ein Kunde wie ich und drängelt sich vor, was auch ganz normal ist in Kirgistan.

Hingegen sind alle äußerst höflich, wenn es darum geht, eine ältere oder schwangere Person den Sitzplatz im Bus anzubieten, was auch mir bereits mehrfach passiert ist - also nicht ich bin aufgestanden, sondern mir wurde Platz gemacht, und zwar nicht von Kindern, sondern von Erwachsenen! So werde ich daran erinnert, wie alt ich bin, was ich neben Nuria gern vergesse. Ich meide daher das Busfahren, und inzwischen noch aus einem anderen Grund, aber das ist eine andere Geschichte.



Nr. 227



Seit ich mit Maschrutka Nr. 227 (Mini-Bus) gefahren bin, gehe ich nur noch zu Fuß. Eine krigische Maschrutka (Wort kommt von 'Marschroute') ist exakt das gleiche Modell wie mein Wohnmobil, das inzwischen sicher auch eine Maschrutka geworden ist. Dass so ein Auto mit einer Zuladung von 2 Tonnen noch fährt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Als wir einstiegen, war's schon voll, wir passten gerade noch rein. Bei jedem Stop für weitere Fahrgäste schrie ich Richtung Fahrer: "Are you crazy? It's full, don't let them in!" Wohl wissend, dass er mich nicht verstand, und selbst wenn, es hätte ihn nicht beeindruckt, ich wurde nach hinten verschoben.

Bis dahin war's meist so, dass ich einer der wenigen war, die stehen mussten und vor den Sitzenden stand wie vor einem Publikum, und also zu ihnen sprach: "Guten Tag, die Fahrausweise bitte!" Wohl wissend, dass mich niemand verstand, und ich nur mit Nuria so albern bin, in Deutschland würde ich sowas nicht machen.

Einige Male - ich sagte es schon - standen junge Frauen oder Männer auf und boten mir ihren Sitzplatz an. "I'm not old, auch wenn ich so aussehe", schrie ich und blieb trotzig stehen. Einmal verstand mich eine Frau, sie konnte Englisch, wir plauderten nett, und ich wollte sie gerade zum Tee einladen, als Nurias ausgestreckter Mittelfinger mir signalisierte, sie sei damit nicht einverstanden.

Ich stand also in der Hitze eingepfercht in Nr. 227 und schnappte nach Luft. In Romanen wird solch eine Situation gern für erotische Berührungen genutzt, ich hingegen dachte an: Unfall, Feuer, Panik. Eine Maschrutka kann man nämlich nur durch die Beifahrertüre besteigen und verlassen.

Dann schrie einer von ganz hinten, er wolle aussteigen. Das habe ich nicht wörtlich verstanden, ich kann kein Russisch, aber wenn einer außer mir in einer Maschrutka was schreit, dann weil er aussteigen will. Das schafft der nie, dachte ich, aber es gelang. Auch Nuria gelang der rechtzeitige Absprung, während ich noch "Sorry, darf ich mal" murmelnd, erst an der nächsten Kreuzung rauskam (obwohl ich das russische Wort dafür bereits kannte: "Moschne").



Fehlleistung alter Leute

Gestern standen wir vor dem Lift, ich schaute in meine Tasche nach der Kappe, ohne geh ich nicht raus (Kirgisen tragen keine Kopfbedeckung, an Kappe oder Schlapphut erkennt man den Ausländer, die gepflegte Kirgisin hält sich als Schattenspender lieber eine Zeitung oder die Handtasche über den Kopf), ich hatte sie wohl vergessen, Nuria fuhr schon runter, ich nochmal in die Wohnung, fand sie nicht, bis ich merkte, ich hatte sie schon auf dem Kopf, typische Fehlleistung alter Leute, dachte ich erschrocken, und da hatte ich als mögliches Alibi die Schmerzpillen noch nicht genommen, die mich später ganz banane machten. Glücklicherweise hatte ich Nuria nicht gesagt, was ich vermisse, sie hätte mich garantiert in die Wohnung laufen lassen, und sich noch bis zum Abflug darüber amüsiert.




Zeitung überm Kopf gegen die Sonne



Drei Tage heulen

Nuria will übermorgen mit mir nach Talas zu ihrer Familie, es gibt irgendeine Totenfeier für ihre Mutter, die vor 1.5 Jahren gestorben ist, ein alter Brauch: Es geht über 3 Tage, die ganze Familie kommt zusammen, incl. aller Verzweigungen ca. 200 Personen, 2 - 3 Schafe und 1 Kuh werden geschlachtet (einen Tag vor unserer Ankunft), die Köpfe bekommen die Ältesten. Nuria muss 3 Tage lang von 8 bis 17 Uhr in einer Jurte sitzen und heulen.

Was soll ich solange machen? Muss ich auch? Sie meint, wir könnten trotzdem was unternehmen, was genau, habe ich nicht verstanden, es scheint ein bisschen steinzeitalterlich dort zuzugehen, Nuria sagt, ihre Familie sei arm, sie haben kein fließendes Wasser im Haus (immerhin leben sie nicht in einer Jurte), keinen Kühlschrank, aber dieses blöde Fest kostet etwa 700-800 Dollar. Soll ich mitfahren?

Die Mutter, zu deren Ehren es stattfindet, starb an Krebs, ein Onkel in diesem Jahr ebenso, beide waren mit Nurias Vater im April 86 in Kiew, als es in Tschernobyl krachte. Vater ist 49 und Invalide, bekommt 800 Som / Monat = 16 Euro. Er ist das Oberhaupt der Sippe, seine erstgeborene ist seine Prinzessin - na, wer wohl?: Nuria. Er hat nie nachgefragt, auf welche Weise sie das Geld verdient, mit dem sie die ganze Familie ernähren kann. Vaters Gebrechen haben seine Potenz nicht beeinträchtigt, er hat eine 2. Frau, und er ‚besucht' noch andere Frauen.

Klasse Stoff für ein Familienepos. Wie geht's weiter? Der Vater wird bald pflegebedürftig. Gerangel um Nachfolge als Oberhaupt. In Bishkek bestellt derweil einer der 200 Familienangehörigen eine Hure und erkennt Nuria. Vater will Tochter verstoßen, aber verzeiht ihr nach langer, dramatischer Auseinandersetzung. Sie gibt den Job auf und geht zurück ins Dorf. Ich fliege nach Kirgistan und heirate Nuria, dafür ernennt er mich zu seinem Nachfolger, beim Wodka gucken wir Pornofilme, ich lebe glücklich mit Nuria von meinen 200 Euro Rente, und wenn wir nicht gestorben…

Das habe ich Nuria übersetzt, wie immer, wenn ich was über sie schreibe, sie lachte und meinte, ich solle zum Arzt gehen und mein Hirn untersuchen lassen.

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