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Reisetagebuch 2006 / Iran, Teil 2




21.4.06

Was für'n Arschloch!

Zwischen Tabas und Birjand 2 überfahrene Kamele gesichtet. Ich fahre ein Stück in die Wüste hinein, um das eine gleich aus dem Fenster fotografieren zu können. Leider ist der Boden sandiger als ich dachte - wir sitzen fest. Ich schaufel Sand, Rualla schiebt, nichts geht. LKW-Fahrer müssen her, die ersten beiden halten auch an. Sie schieben - vergeblich. Ich versuche die Flucht nach vorn, um festeren Boden zu erreichen, was die Sache noch schlimmer macht. Leider bin ich der einzige, der darüber lachen kann.

Es ist 38 Grad im Schatten, und ich habe immer den Gestank von dem Kadaver in der Nase. Als die beiden Fahrer hören, warum ich da reingefahren bin, sagen sie mehrmals kopfschüttelnd: ‚Was für'n Arschloch!' (erzählt mir Rualla später) Tja, da haben sie wohl recht. Aber nun muss schweres Gerät heran. Der eine fährt seinen Riesendreiachser, dessen Räder mir bis über die Schulter reichen, rückwärts heran. Ich hole die Abschleppstange aus dem Bus. Dort haben sich inzwischen eine Menge Fliegen, die vorher auf dem toten Kamel saßen, ums feuchte Spülbecken versammelt. Eine scheint verliebt in meine Zahnbürste zu sein.

Mir will zum Verrecken nicht einfallen, wie das mit der Stange funktioniert. Die Trucker denken nicht, sie handeln. Mir haben sie angedeutet, ich solle die Klappe halten und am besten gar nichts machen. Eine Rolle, die schon immer gut zu mir gepasst hat. Ergebnis: Der Haken am Bus bricht ab.

Wir halten weitere LKW an, einer muss doch ein festes Seil haben. Ich entdecke außen am dem Truck ein Stahlseil, damit ziehen sie mich raus auf die Straße. Alle sind glücklich. Wir verteilen das einzige, was ich an Geschenken dabei habe: Taxiwerbekugelschreiber und DHL-Feuerzeuge. Zum Abschied kriege ich von dem mit den wenigsten Zähnen 2 Wangenküsse.


Meine verschwitzten Retter

Nur Rualla ist sauer, er will nie mehr mit mir in die Wüste. Ich sage, sowas passiert eben, und irgendwie gehts immer weiter. Das glaubt er nicht. Es gebe Straßen in der Wüste, sagt er, da komme den ganzen Tag kein einziges Auto vorbei. Das glaube ICH nicht. Wir machen Handschlag und Schwamm drüber!

Das Kamel sieht so aus:





22.4.06

Birjand

Motor verliert etwas Diesel, es riecht unangenehm, fahre in Birjand in eine Werkstatt, sie meinen, man kommt da nicht ran, man müsse die Einspritzpumpe ausbauen, ich solle so weiterfahren. Na gut. Aber sie schweißen den Haken wieder hinten dran, wer weiß, was noch alles kommt, woll?



Übrigens täuschen die Fotos, man sieht weder den Dreck am Auto, noch den Gestank in den Straßen, müsst ihr euch dazudenken!



Auch wieder zum Essen und Übernachten eingeladen worden, gleich bei zwei Familien: Ali und Mohammad. Man könnte sich tatsachlich ständig durchschnorren, und Rualla sagt, das sei ganz normal im Iran, sie machen das gar nicht nur wegen mir.



24.4.06

Camouflage


Sehen zwischen Ferdows und Robat-e Khashab das Wrack eines Reisebusses vor einer Militärstation. Wir fragen, ob wir fotografieren dürfen. Der Chef kommt auf Schluffen rausgerannt, begrüßt uns lachend und lädt uns zum Tee ein. Es sind 8 junge Männer und der 48 jährige Leutnant, oder was auch immer. Es ist eine Spezialeinheit der Polizei zur Bekämpfung des Drogenschmuggels aus Afghanistan. Sie sehen aber aus wie Soldaten, tragen Camouflage und MPs. Hier kreuzt ein noch intakter Kamelpfad, den die Schmuggler benutzen.

Der Chef und ein Soldat fahren uns mit dem Toyo-Allrad ein Stück auf dem Pfad in die Wüste zu einer alten Karawanserei. In der Tat ein magischer Ort. Gerade lagert darin eine Nomadenfamilie mit ihrer Herde. Der Älteste ist etwa 1,50 groß, hat fast schwarze Gesichtsfarbe und einen weißen Bart. Sie treiben die Ziegen nach draußen - wir fotografieren. Ich darf die MP schultern, zum ersten Mal habe ich eine echte Waffe in der Hand.



Ich mit Kalaschnikow



Nomaden in der Karawanserei



Der Chef bei mir zu Besuch



Truck-Driver


Bei Robat-e Khashab auf der Terrasse eines Restaurants in der Wüste. Vor dem Betenden steht rechts unten (nicht im Bild) sein LKW mit geöffneter Haube und laufendem Motor (ein im Iran produzierter Mercedes Rundhauber). Ich lasse Rualla fragen, ob er seinen Laster anbetet. Nein, das sei eben die Richtung nach Mekka. Ich frage, warum sie immer die Motoren laufen lassen. Der eine sagt, der Motor soll warm bleiben, ein anderer sagt, der Motor soll abkühlen. Ich sage, Iraner lieben den Lärm. Alle LKW, auch die modernen, haben einen tiefen Sound, der meinen Bus erzittern lässt, wenn er neben einem steht. Ihre Motoren verbrauchen unter Last bis zu 50 Liter / 100 km. Aber gazoil (Diesel) kostet ja auch nur umgerechnet 1.5 Cent pro Liter.



25.4.06

Camping im Stadtpark


Bleiben in Kashmar im Stadtpark, Rualla (heißt übrigens ‚Seele Gottes') führt mich in die Moschee. In einem komplett verspiegeltem Raum steht ein grüner Käfig mit dem Sarg eines Heiligen. Er ist kniefief mit Geldscheinen gefüllt (der Käfig). Ich sage: "Lets take it, this guy doesn't need it anymore." Scheinbar kann man sich für das Geld was wünschen. Einige beten vor dem Käfig.



Lolita

Nachher sitzen wir draußen vor geöffneter Schiebetür. Unter den Kiefern spielt eine Mädchenschule Ball. Wir reden mit 2 Frauen, deren Familie in der Nähe Picknick macht. Die Mädchen ziehen immer engere Kreise um uns, und es kommt wie ich mir dachte: Bald stehen sie alle um uns herum.

Ich führe meine ‚Wohnung' vor, eine guckt in sämtliche Schubladen, sie schnattern und kichern, dann schieben sie mir Zettel und Schulhefte zu, ich gebe Autogramme, irgendjemand macht Blitzaufnahmen, komme mir vor wie ein Popstar, und schreibe Widmungen für Najere, Furut, Mariam, Marsa, Fatima etc.: ‚Lets meet in the internet: www.myblog.de/zurken'. Rualla schreibt darunter die Übersetzung in Farsi.



Es wird dunkel, die Familie lädt uns zu ihrem Lagerplatz ein, sie hocken wie üblich im Schneidersitz auf einer großen Decke, ich bleibe europäisch auf meinem Faltstuhl sitzen (dessen Anschaffung sich wirklich gelohnt hat, man kann fast drauf schlafen). Es sind 5 Frauen, 2 Männer, 1 Junge und 1 Mädchen. Der Junge ist gestern beschnitten worden, er leidet, ich sehe einmal kurz seinen verbundenen Schniedel. Der eine Mann ist offenbar geistig behindert, der andere hat eine Hasenscharte. Aber das Mädchen!: 12 Jahre alt und hocherotisch. Sie hat die tiefste Stimme, die ich je von einem Mächen gehört habe. Es wirkt, als werde sie von einer Männerstimme syncronisiert.

Rualla erzählt, ich hätte zuhause eine Firma mit 100 Taxis. Gut, dass sie nicht wissen können, wie viel ich mit 100 Taxis verdienen würde. Die Frauen rauchen Wasserpfeife, Rualla ist in seinem Element, erzählt unsere Abenteuer, ich tausche Blicke mit Lolita, sie lächelt mich an mit blitzenden Augen.

Wir sollen mitkommen in ihr Haus, sagen die Eltern, ich soll den Bus in ihren Hof stellen. Diese Familie ist mir unheimlich, ich lehne ab. Sie wiederholen die Einladung mehrmals. Rualla fährt mit ihnen, ich bleibe im Park.



26.4.06

Morgens bringen sie ihn auf einem Moped, sie sitzen zu Dritt da drauf: Er zwischen dem Mann mit der Hasenscharte und seiner Frau.

Wir fahren los, und Sharam erzählt, das Ehepaar habe ihn in der Nacht entjungfert. Zuerst hätten sie Wodka getrunken, dann Pornofilme geguckt, und dann seien alle drei ins Ehebett gewechselt. Es sei das erste Mal für ihn gewesen. Es sei der beste Sex ihres Lebens gewesen, habe die Frau gesagt. Er solle bald mal wieder kommen (buchstäblich).



Blitzsauber


In Tabas 3 französische Wohnmobile getroffen, das erste Mal überhaupt im Iran. Ich frage eines der Paare, ob wir uns ihr Fahrzeug von innen ansehen dürfen, R. hat sowas noch nie gesehen. Ich bin gespannt, ob sie es schaffen, auch in einem derart staubigen Land wie dem Iran ihre Autos sauber zu halten. Wir dürfen sogar mit Schuhen eintreten, was für einen iranischen Haushalt undenkbar ist. Und tatsächlich sind die Autos innen wie außen blitzsauber, meiner dagegen...

Rualla ist beeindruckt, er meint, die hätten in Frankreich gar keine Wohnung, das Wohnmobil würde doch völlig ausreichen zum Leben. Einer von den Franzosen putzt dann unsere Scheiben.



Persisches Brot ist dünn wie Pappe. Man geht damit um wie ich mit einer Zeitung: aufschlagen und zerreissen. Man kann die Speisen darin einrollen, und einmal habe ich gesehen, wie es als Topflappen verwendet wurde.



In einem Wüsten-LKW-Restaurant: In der Schale vorn links ist das drin, was R. als ‚vegetable' stew bezeichnet. Es besteht aus fettigen Fleischstücken, Kidney-Bohnen und etwas Grünem, das früher vernutlich mal Spinat war. Dasselbe von Privat zubereitet, schmeckt köstlich. Auch wenn die Speisen in solchen Restaurants nicht so toll aussehen, ist bisher alles drin geblieben (in meinem Magen).
Man isst mit Löffel und Gabel, wenn ich ein Messer bestelle, kommt das lange Fleischermesser aus der Küche. Einmal habe ich eins von meinen aus dem Bus geholt und natürlich auf dem Tisch liegen lassen. Aber ich hab mehrere.



Wüstenparkplatzbank



Wüstenrestaurant ‚Desert-Star'- war aber keiner drin



Ashgabat Karawanserei, daneben haben wir übernachtet



27.4.06

Mashad

Bin zu früh in Mashad (letzte große Stadt vor der turkmenischen Grenze), aber ich kann erst übermorgen über die Grenze, weiß gar nicht, was ich machen soll, Rualla ist mit Zug heimgefahren... Habe festgestellt, dass mir irgendwie 300 Dollar geklaut oder sonstwie abhanden gekommen sind. Habe zuerst R. verdächtigt, aber er war es wohl nicht, nun ist er beleidigt und will nichts mehr mit mir zu tun haben - tja Mist! Sind eben empfindlich, die Iraner.



So ein Bild als Prinz von Mashad hätte ich auch von mir machen lassen können, wäre ich neuerdings nicht so geizig (wegen der 300), eigentlich nicht teuer, nur 10 Euro, aber ich will ja zurück fliegen, und da werde ich viel Gepäck haben....

Kommentar von Lena: (30.4.06 09:11): Also in Maschhad ist 8 schiitische Emam begraben, sein Bruder starb auf den Weg nach Maschhad in Schiraz. Der kleine Prinz da der ist ein Koran Hafez! Also ein Kind der den Koran auswendig kann!!!



Atomkraftwerk bei Mashad, und darüber regen die Amis sich auf? Raucht ja nichma!



29.4.06

Ein Geschenk


Gestern endlich mal wieder einen schönen, ruhigen Schlafplatz in der Pampa gefunden, nur Wind und Dunkelheit um mich. Ich saß stunden vorn und hab rausgeguckt, das sind die schönsten Momente so einer Reise. Sieht nachts kaum anders aus als irgendwo sonst, aber es fühlt sich anders an, weil ich weiß, dass das hier in der östlichen Ecke vom Iran....

Morgens kam dann auf einem Moped der sehr braunhäutige Besitzer vom nahegelegen Gehöft, ich saß gerade beim Frühstück, ich zeigte ihm den Bus von innen, ließ ihn aber nicht rein. Er stand da wie versteinert, konnte es scheinbar nicht glauben, dass es sowas gibt. So standen wir schweigend sehr lange zusammen, er sprach was, und ich versuchte es mit "Nix Farsi", aber ich hatte ihn schon verstanden: Er wollte ein Geschenk. Ich gab ihm 3 Feuerzeuge (die Kugelschreiber sind alle), aber damit war er nicht zufrieden, guckte immer unters Bett und nach vorn ins Führerhaus, da gab es doch noch so viele schöne Sachen.... Ich gab ihm eine braune Decke, die ich nicht mehr brauche, er klappte sie auf, sah, dass eine Ecke fehlt und gab sie zurück. Dann hat er sich schmollend aufs Moped gesetzt....



30.4.06

Robat-e Sharif


‚Robat-e Sharif' (Robat = Karawanserei), zwischen Mashad und Serahks (turkmenische Grenze). Eine Karawanserei ist, wie man ja weiß, eine Raststätte für Karawanen, und da es die nicht mehr gibt, sind die K. meist in schlechtem Zustand. Für Typen wie mich den Betrieb wieder aufzunehmen, lohnt nicht. Aber diese hier wird restauriert und sieht schon ziemlich echt aus. Ich beschließe, sie als das zu nutzen, für was sie mal gedacht war: ich bleibe für die Nacht. Es ist absolut still, die Sonne taucht das Gemäuer und die Spitzen der Hügel in rotes Licht, Fliegen kriechen durch mein Haar, Vögel zwitschern, ich gebe dem Hund ohne Ohren was zu futtern und habe nun einen Freund fürs Leben....

Morgens kommt die Baumannschaft, Asmail im grünen Camel-Hemd bringt mir Tee und Käse zum Frühstück, und ich darf mich ins Gästebuch eintragen. Die meisten Gäste waren Iraner oder Araber, 16 Deutsche waren in den letzten 4 Jahren hier, darunter Christa Deindl aus Wuppertal, die den Wächter unfreundlich fand - vielleicht war es ein anderer? Ruf mal einer sie an....



Asmail (Mitte) und 2 Arbeiter



Die habe ich von der Straße geholt. Das wäre natürlich die schönere Fotoserie: ‚vgT' = ‚vorläufig gerettete Tiere'. Leider kann ich Esel und Kamele nicht so leicht von der Straße tragen.



1.5.06

Truck-Driver-Legenden


Ein Perser sagte, er habe von LKW-Fahrern gehört, Turkmenistan sei ein sehr armes Land, die Fahrer würden von Familien für die Nacht eingeladen, sie essen dort, und der turkmenische Mann würde seine Frau oder seine Tochter für 5 Dollar die Nacht ‚verkaufen'. Ich denke, das sind Truck-Driver-Legenden. Ich will so schnell wie möglich da durch. Morgen....



Gomschar

Habe für den Transit durch Turkmenistan Proviant für 3 Tage gebunkert und 5 km vor Serahks (turkmenische Grenze) Tank und Kanister gefüllt. Der turkmenische Diesel ist auch billig, aber manchmal von schlechter Qualität. Der iranische Tankwart versucht, den 10-fachen Preis zu kassieren und ohne zu fragen in den Bus zu steigen. Habe vergessen, die Fahrertüre zu verschließen und finde sie nach dem Tanken weit geöffnet. Er drängt sich sogar hinter mir her, als ich schon hinterm Steuer sitze. Es scheint aber nichts zu fehlen. Das war der erste aufdringliche Iraner, der mir auf 2 Reisen begegnet ist.

Auf der iranischen Grenzstation kriegt der Zöllner plötzlich ein heftiges Zucken des linkes Augenlides und schreibt 10 $ auf einen Pappkarton. Der kann mich mal! Ich verstehe nix. Der Helfer, der für mich die Formulare ausfüllt, ist der widerlichste Typ, den ich je an einer Grenze hatte. Er kann kein Wort Englisch und will mir weismachen, ich müsse 50 Dollar Gebühr zahlen. Ich krakele rum, und es stellt sich raus, es sind nur 6 Dollar. Ich schreie ihn an, er soll sich verpissen, das Wort dafür habe ich gelernt: "Gomschar!" Aber er ist anhänglich wie ein Knösel.

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