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Reise 2006
Kirgistan
1.7.06
Der Polkovnik (Oberst) der kirgisischen Grenzstation bestellt uns in sein Arbeitszimmer im 1. Stock. Er sagt, er habe großen Respekt vor dem Deutschen Volk und seiner Kanzlerin, äh... "Angela Merkel", hilft Abdu. Ja, richtig, sagt er, aber Abduwachid habe keinen Respekt vor dem kirgisischen Volk, wir seien nicht ausgestiegen aus dem Auto, als wir auf das Zollgelände fuhren, sondern hätten versucht, einfach durchzufahren (geht gar nicht), und dafür mache er nur Abdu verantwortlich, er habe das Recht, ihn dafür 24 Std. festzunehmen usw. usw.
Ich sage, auch ich hätte großen Respekt vor dem kirgisischen Volk und ihrem Präsidenten (wie heißt der?), und ich würde dafür bürgen, dass Abdu hinfort die Gesetze des kirgisischen Volkes beachtet usw. usw.
Wenns sein muss, kann auch ich große Reden halten, ich durfte dabei sitzen, Abdu musste stehen. Wir vermuten, der Oberst hatte gehört, dass Abdu mich mal wieder als Diplomaten vorgestellt hat, und da musste er sich natürlich in Szene setzen. Wir warten mit dem Lachen, bis wir außer Sichtweite sind.
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Kirgistan hat tatsächlich besseres Klima als Usbekistan: kühler und jeden Tag eine kurze Schauer. Auf den Hochebenen riesige Sonnenblumenfelder, in den Gärten hohe Stapel Kuhfladen zum Trocknen, in den Bergen leben Nomaden in Jurten, Kinder verkaufen ‚Kumis' (gegorene Stutenmilch), viele frei rumlaufende Pferde...
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...eine Herde benutzte direkt vor uns eine Pfütze in der Straße als Tränke.
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Neulich abends in den Bergen
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Fahren von Osh über Jala-Abad Richtung Naryn, etwa 300 km Stein- und Schotterpiste, teilweise mit Wellblechuntergrund, es rappelt und poltert, Musik hören unmöglich, wir haben 2 Tage lang Schlagzeugsolo im Auto: sehr nervig!
Überfahren den ersten 3000er, sein Haupt steckt in einer schwarzen Regenwolke. Als wir wieder klar sehen, kommt von unten ein Motorradfahrer entgegen in weißem Helm und oranger Warnjacke: "Sieht aus wie Karin", sage ich zu Abdu, und je näher er kommt, desto sicherer wird: Sie ist es! Was für ein Zufall! Sie ist unterwegs zum Pamir. Es regnet, sie ist zu nass, um sie ins Wohnmobil bitten zu können, ich zu trocken, um auszusteigen, so bleibt es beim kurzen Plausch.
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Paar Kilometer weiter halten wir an einem der schönen Bergflüsse für eine Rast. Aus der anderen Richtung kommt ein rusischer Militär-Jeep und hält hinter uns. Heraus kommen Eddi und Andre aus Wuppertal, sie haben das 'W' am Kennzeichen gesehen. Inzwischen scheint die Sonne, aber wir können trotzdem nicht lange erzählen, der Taxifahrer will weiter, im Jeep warten noch 7 andere Fahrgäste (!)
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3.7.06
Naryn: Parken zufällig vorm Theater, dem 'Dom Kulturi', viele junge Leute vorm Eingang, Tanzgruppe namens 'Kayxap' (Pupille) gastiert am Abend, wir kaufen Karten, Atmosphäre kommt mir familiär vor, als kenne jeder jeden, der Moderator könnte einer aus dem Publikum sein, kleine Pannen machen mir die Aufführung vollends sympathisch: ein Tänzer verliert einen Turnschuh, das Mikrokabel ist zu kurz, eine Hebefigur gelingt erst beim zweiten Versuch, der Sound ist verkratzt. Ich denke an die Theaterszene im Manhatten der 'Klapperschlange'.
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Am Ende der Vorstellung gehen wir nach vorn, Abdu sagt, ich sei Journalist und möchte mit den Damen von Kayxap reden. Wir stehen mitten auf der Bühne, ich mache Notizen wie ein Journalist (oder wie macht das ein echter?), Abdu übersetzt und macht ein Gruppenfoto von uns. Wo sonst kann man so einfach nach einer Vorstelleung mit den Stars reden?
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Wasser bunkern in Naryn
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Schöner Schlafplatz bei Naryn
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6.7.06
Am Isik-Kul: Wo sonst kann man mit dem Camper einfach über ein Stück Brachland bis zum Ufer eines Sees fahren, wo man den ganzen Strand nur mit ein paar Kühen teilt, um dann gleich über Nacht dort zu bleiben, ohne einen Som zu zahlen? Nur in Kirgisien am Isik-Kul ('Warmer See' - ist aber kalt). Hier ist's mir zudem ganz heimisch zumute: sieht aus wie am Van-See in der Türkei, oder am Strand von Thassos. Nur das Mädchen mit den krigisichen Schlitzaugen passt nicht.
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Kirgistan besteht für uns aus Bergen, Bushaltestellen und Friedhöfen.
Die Friedhöfe fallen auf, weil sich dort anscheinend jeder ein eigenes Haus baut, manche eine Jurte. Und diese Häuser sind zwar kleiner, aber liebevoller hergerichtet als die Wohnhäuser. Entsprechend groß sind die Friedhöfe. Von weitem ist oft nicht klar, ob wir uns einem Ort oder einem Friedhof nähern, und sie liegen meist unmittelbar an der Hauptstraße, für ein Foto muss ich nichtmal aussteigen. Scheinbar möchte man sie den Reisenden wie eine Sehenswürdigkleit präsentieren:
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Die Bushaltestellen stammen aus Sowjetzeiten, teilweise verfallen, alle aus Beton, jede ist anders, jede ein Unikat und nirgendwo verkehrt ein Bus. Habe daher neue Fotoserie begonnen, hier sind zwei:
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Anstelle von Linienbussen gibt es ‚Maschruttkas', Kleinbusse, die überall halten. Da mein Bus genauso aussieht wie 99% der Maschruttkas (das gleiche Modell), winken uns ständig Leute zu, die mitgenommen werden wollen. Ist unter ihnen jemand, der weiblich, jung und hübsch ist, halte ich an.
Sitzt sie auf dem Beifahrersitz und schaut auf Bett, Küche und in unsere grinsenden Gesichter, wird ihr klar, dass sie sich nicht in einer Maschruttka befindet. Nun ist es zu spät, wir sind schon unterwegs. Sie fährt umsonst, und ich habe Gelegenheit, mit einer netten Kirgisin zu plaudern. Auf diese Weise erfahre ich, warum es in Kirgistan (im Gegensatz zu Usbekistan) keine Polizeikontrollen gibt. Sie sagt, die Polizisten haben Angst vor der Bevölkerung. In ihrem Dorf sei ein Polzist verprügelt worden, nur weil er ein Polizist ist. Tja, besser als umgekehrt - oder?
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Kirgisen sind erfreulich diskret, im Gegensatz zu ihren oft distanzlos neugierigen Nachbarn, den Usbeken. Dieser Unterschied, sagt Abdu, beruhe auf der unterschiedlichen Abstammung: Kirgisen waren Nomaden, Usbeken schon immer sesshaft. Hatten wir uns anfangs noch wie gewohnt für die Nacht hinter Hügeln versteckt, bleiben wir jetzt einfach am Badestrand stehen.
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8.7.06
Entdecken bei Kemin einen wunderbaren Schlafplatz auf einem Stück Brachland zwischen einer Reihe Pappeln und einem Fluss, dem Chuy.
Links und rechts von uns je ein durch Betonplatten ausgekleideter, leerer Graben, die offensichtlich früher als Speicher für Tierfutter gedient haben. Solche Plätze liebe ich besonders, zu viel Idylle ist nicht gut. Noch lieber würde ich auf Ruinenfelder oder zwischen stillgelegten Industrieanlagen schlafen. Auch hier stehen wir wieder in Sichtweite von Häusern und Straße.
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Aber diesmal bekommen wir doch Besuch: Islam ist der Besitzer des nächstgelegenen Hauses und einer Reihe von schief stehenden braunen und goldenen Zähnen. Er klärt uns auf, dass das Land jenseits des Flusses bereits zu Kasachstan gehört. Wie gut, dass wir kein Allrad-Auto haben, wir wären sonst garantiert übergesetzt, ohne vorher auf die Karte zu schauen - drüben keine Spur von Grenzbefestigungen oder Wachtürmen. Wir erfahren auch, warum wir den Abend heute nicht allein verbringen: Islam ist Türke, der kirgisische Besitzer des Landes, auf dem wir stehen, ist nicht zu uns rausgekommen.
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Raststätte mit Cafe
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Kirgisische Basar-Verkäuferin
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Kirgisisches Cafe
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Noch ein Cafe mit Gästen
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Kirmis-Verkäuferin (Stutenmilch)
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Kirgisisches Straßenschild
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Kirgisische Piste
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Teppichreinigen auf der Hauptstraße
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Straßenladen mit Wolf
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Kirgisische Familie
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Besuch zum Frühstück
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Ort namens 'Kant' nach Immanuel
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Ortseingang von Tokmok. Dort befindet sich ein russischer Militärflughafen
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12.7.06
In Bishkek: Auf der Hauptstraße Aida kennen gelernt. Sie verkauft Sonnenbrillen und will mit mir in die Mongolei fahren. Heute machen wir eine erste Probereise nach Kara-Kol zu ihrer Familie, die Mutter muss ihr Einerständnis geben. Leider spricht sie nicht gut Englisch, aber es wird reichen. Hauptsache, wir sind uns sympathisch. Ich bin natürlich ein bisschen verliebt.
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13.7.06
Unterwegs mit Aida von Bishkek nach Kara-Kol. Es geht über zwei Pässe, einer 3500 Meter hoch, der andere verschneit. Die Straße macht eine halbe Runde um den türkisfarbenen Toktogol-See. Schöne kahle Berglandschaft.
Verhandlungen mit Polizisten. Sie sagen, wir brauchen für die Strecke eine Genehmigung aus Bishkek. Sie wollen natürlich nur Geld. Nach und nach erliegen sie alle Aidas Klein-Mädchen-Charme.
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Abendessen in einer Jurte. Sie laden uns ein, darin zu übernachten, aber wir schlafen draußen im Bus. Aida verehrt Britney Spears, sie möchte aussehen wie sie und die gleichen Klamotten tragen. Vier Jahre von ihren 20 hat sie geboxt, Medaillien und eine Meisterschaft gewonnen.
Unterwegs nehmen wir ihre Großmutter mit, hieven die 73-jährige nach hinten aufs Bett. Sie hat 16 Kinder großgezogen.
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Aidas Familie wohnt in Kara-Kol in einer Siedlung, wie ich sie aus Wuppertal kenne: Schmale Gartenwege vor zweistöckigen Reihenhäusern mit verwitterter Holzverkleidung. Sie wohnen im 1. Stock links.
Später machen wir einen Gang durch den Ort, Aida in einem schneeweißen, kurzen Arztkittel und hochgeschnürten High-Heels. Leider vergessen, ein Foo zu machen, sah sehr scharf aus.
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Ich versenke das rechte Vorderrad bei einem Wendemanöver in einen Wassergraben. Auto sitzt auf der Achse auf. 2 Jungs holen Bretter, und ich kann den Bus aus eigener Kraft befreien.
Die Mutter hat ja gesagt, Aida darf mit mir in die Mongolei reisen, damit hatte ich nicht gerechnet. Wir fahren raus zur Stadtverwaltung, um den Reisepass für sie zu beantragen. Aber es war ein asisatisches Ja, wie sich am nächsten Morgen beim Frühstück zeigt. Über Nacht hat sich alles geändert, man findet Gründe, warum sie nicht mitfahren kann.
Also keine gemeinsame Reise, Aida bleibt in Kara-Kol, ich bekomme 3 Wangenküsse und ein Fresspaket und fahre allein zurück nach Bishkek. Ohne Aida verlangen die Polizisten ganz offen Dollar oder Som. Ich sage, ich bin Diplomat, und sie lassen mich fahren.
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Schöner Schlafplatz zwischen Kara-Kol und Bishkek
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15.7.06
Was tun in Bishkek, dieser tristen Hauptstadt? Waren morgens in einer Werkstatt, sie hatte geschlossen, wir sollen morgen (Sonntag!) wieder kommen. Warten wieder auf Visa, sitzen zum 3. Mal im ‚Smile', unserem Stammrestaurant, essen ‚Riba na jarovne' und ‚Ash lam fuu', 2 Franzosen schwärmen uns vom Pamir vor, aber den werde ich dieses Jahr nicht sehen; zu spät, Visa und Permit neu zu beantragen, nix geht mehr. Soll ich den Bus verkaufen und mit dem Zug nach Hause? 6500 sind geboten, doppelt so viel wie erwartet. Aber ich will noch nicht nach Hause.
Ich hätte ein langes Leben, sagt die Wahrsagerin auf dem ‚Prospekt Chuy'. Ich sage: "Ich will aber nicht lange leben, ich will einen Mitfahrer für die Mongolei!"
"Alle Wege verschlossen", sagt sie, sie könne sie mir öffnen, das kostet ein bisschen mehr, und sie sehe in meinen Augen, dass es jemand gibt, der mich sehr liebt.
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Wir machen einen Nachtspaziergang durch unser Viertel, plötzlich stehen 2 Polizisten mit großen Schirmmützen vor uns, ein großer dicker und ein kleiner dünner: Was wir hier machen, und Papiere bitte! "Der deutsche Diplomat", sagt Abdu, "möchte sich ein bisschen entspannen."
"Gutten Tack!" sagt der Dünne, er heiße Bolot, "Ich heiße Jürgen", sage ich. Sie nehmen uns beseite, das hier sei eine gefährliche Gegend, da sollen wir besser nicht rumlaufen, und ob der Diplomat vielleicht ein kleines Souvenier aus Deutschland für sie habe. Keine Rede mehr von Papieren.
Als sie weg sind, sprechen uns 2 Frauen an, eine Hure mit ihrer Zuhälterin. Ich frage, ob sie auch 'Freundin' spielen: schmusen, streicheln und verliebt gucken und so, der deutsche Diplomat habe 'Emotionsstau'. Klar machen sie das, und die eine demonstriert es mir gleich hier auf der Straße: nimmt mich in ihr Arme, küsst mich auf den Mund und streichelt mich von oben bis unten, kostet 1000 Som für eine Nacht, und sie bleibt zum Frühstück, eben wie eine richtige Freundin. Das kann ich mir leisten. Sie heißt Irina. Ich fahre mit ihr im Wohnmobil auf einen bewachten Parkplatz, und Nenufer geht zu Fuß nach Hause. Irina ist leider sehr müde und hat wenig Spaß daran, meine Freundin zu spielen.
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16.7.06
Heute in der Werkstatt: Ich lasse alles machen, was klappert, sie arbeiten einen halben Tag dran, kostet incl. Ersatzteile 100 Dollar.
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Kirgisen sind wirklich angenehme Menschen: Man kann in Bishkeks Innenstadt überall parken, überall im Camper übernachten, das Abwasser einfach unten rauslaufen lassen, morgens auf einem Gehweg frühstücken, jeden auf der Straße anquasseln, und keiner reagiert abweisend oder aufdringlich.
Heute im Supermarkt ‚Euroasien' sagt die Dame an der ‚Kacca' zu mir: "Saft gibt's da hinten." Sie spricht Deutsch! Also frage ich sie, ob sie mit mir in die Mongolei reisen möchte. Wir treffen uns morgen um 10.
Es gibt sogar: ‚Jenshini mogut VSO' (Frauen können alles), eine kirgisische Organisation zur Emanzipation der Frau. Gesponsert von der OSCE, vermutet Abdu, jedenfalls kennt er Asalya, die Gründerin und Leiterin und hat sie mir vorgestellt. Sie möchte, dass ich für die Frauen ein Seminar halte, mein Thema scheint ihr zu gefallen: ‚Emanzipation und sexuelle Tabus'.
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17.7.06
Treffe die Dame vom Supermarkt tatsächlich um 10 Uhr (rechts), sie heißt Gula, und sie ist mir sympathisch. Leider bringt sie ihre Freundin mit, die sich angemalt hat wie ein Indianer. Gula würde ich mitnehmen in die Mongolei, aber sie will nicht ohne die Freundin, und das will ich nicht. Die geht mir schon jetzt auf die Nerven..
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22.7.06
Alle Pläne gekippt: Ich verkaufe das Auto und breche die Reise ab. Gestern mit 2 Kirgisen verhandelt, wir einigen uns auf 6000 Dollar. Ich soll das Auto gleich dalassen, aber wir haben noch keine Wohnung, und alle Klamotten sind noch im Bus. Sie argwöhnen, wir könnten bis morgen was ausbauen aus dem Bus. Ich sage: "Was könnte das sein, im Flieger darf ich nur 20 kg mitnehmen."
Abdu überstzt das auf asiatische Weise so:
"Bist du ein Mann?"
"Klar bin ich ein Mann", antwortet der Kirgise.
"Ok, der neben mir sitzt hat auch einen Schwanz, der hat keinen Rock an, der ist auch ein Mann. Wenn du dich nicht auf sein Mann-Wort verlässt, dann brauchen wir nicht weiter verhandeln, oder glaubst du ihm nicht?"
"Ok ok, hier ist meine Hand!"
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23.7.06
Fahren 8 Uhr raus zum Auto-Basar, packen Lebensmittel für einen langen Tag ein, als wollten wir zum Stausee. Zunächst verläuft alles wie erwartet: Kirgisen kommen und erzählen uns Geschichten, der eine arbeitet beim Zoll, der andere weiß genau, welcher Motor in meinem Bus ist, einer rechnet uns vor, wie viel der Umbau zur Maschruttka kosten wird usw.
Gegen 10 Uhr kommen 2 junge Typen rein, der eine setzt sich gleich ans Steuer und startet den Motor, sagt, er gibt 6000, wir sind einverstanden. "Gut", sagt er, "Ich heiße Sadar, mach die Türen zu, wir fahren." Wir sind völlig überrumpelt, gerade wollte ich noch Tee machen. Er fährt runter vom Hof, gibt mir 4700 Dollar, den Rest bekomme ich ein paar Kilometer weiter vom Bruder, den er unterwegs angerufen hat. Sie parken den Bus im Hof ihres Hauses am Stadtrand, wir machen ein letztes Foto vom Auto, und sie bringen uns im PKW zurück. Zu Hause müssen wir uns eine Stunde hinlegen, um das zu verdauen.
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24.7.06
Dollars sind echt, gerade sehr sorgfältig von der Bank überprüft, da hab ich also jetzt ein Konto in Bishkek, Guthaben derzeit 199.350,00 Som - hört sich gut an...
"Und, was mache ich nun mit der Kohle?" frage ich Abdu. Ich solle mir heute mal was Schönes leisten, sagt er. Was ist schön? Ein Mädchen! Abdu kauft eine Zeitung und ruft Mädchen an.
Es funktioniert so: Die Mädchen wohnen alle zusammen bei einer älteren Frau, der Madame. Die schickt mit einem Taxi eine "Brigade" zu uns. Sollten die mir nicht gefallen, kann ich sie zurück schicken, und es kommt die nächste Brigade, bis dahin zahle ich keinen Som. Ein sehr kundenfreundliches System, finde ich.
Die ersten fünf stellen sich nebeneinander in den Flur unserer Wohnung. Ich glaube, sie sind etwas überrascht, dass wir zu zweit sind, aber das hatte Abdu am Telefon gesagt. Es sind Russinnen, aber ich wollte eine Asiatin, also schicken wir sie zurück und rufen nochmal an.
Dann kommen zwei Kirgisinnen, die eine gefällt mir auf Anhieb, eine Dralle mit Schlitzaugen und spricht sogar ein bisschen Englisch. Abdu übersetzt, was ich mit ihr machen möchte. Sie ist mit allem einverstanden, will aber für die Extras ein bisschen mehr Geld. Kein Problem.
Als erstes darf ich sie nackt fotografieren, dann wechseln wir ins Bett. Ich finde sie sehr nett und frage sie, ob sie den nächsten Monat bei mir bleiben kann. Sie kann. Ich muss für Wohnung und Essen sorgen, sie bekommt 300 Dollar Lohn.
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26.7.06
Visum für Kirgisien verlängert, bleibe 1 Monat länger in Bishkek; schöne helle Wohnung im 7. Stock von Aserbaidschanern gemietet. Von der Eckbank in der Küche schauen wir nach Süden auf die Berge, das Wasser aus dem Hahn können wir bedenkenlos trinken, das Klo hat eine Sitzhöhe, die auch für Männer geeignet ist; wir haben TV, Telefon, großen Kühlschrank, Perserteppiche (angeblich), Aufzug, und alles funktioniert, sogar die Armaturen im Bad!
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Liegt es nun an der Wohnung oder dem frischen Südwind? Oder am guten Essen im ‚Smile'? Oder am mineralhaltigen, bishkeker Wasser? Oder an Nuria? Sicher liegt es hauptsächlich an Nuria, dass es mir so gut geht, ‚glücklich' ist nicht übertrieben. Nuria ist 26, Jungfrau und hatte in den letzten 3 Jahren 500 bis 800 Männer und 5 bis 6 Frauen, schätzt sie.
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Sie geht wie ein Elefant, mit den Füßen nach innen, was man hier einen ‚Bärengang' nennt. Sie kaut den ganzen Tag Kaugummi und kippt in der Disco eiskaltes Wasser über meinen Kopf. Müll und Kippen schmeißt sie aus dem Fenster und isst im Restaurant mit chinesischen Stäbchen.
Nuria bringt mich zum Lachen
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Nuria liest in meinem Tagebuch (kannse aber nich)
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Nuria schnarcht
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28.7.06
Nat Meier ist US-Professor für Gender-Studies, Sex und amerikanische Musikkultur an der amerikanischen Uni in Bishkek. Wir trafen ihn im ‚Smile', unserem Stammrestaurant (empfehlenswert!) und waren uns sofort sympathisch, u. a. weil auch seine erste Lieblingsband die Beatles waren. Zufällig hatte er gerade Geburtstag (42), und er lud uns auf seine Party ein.
Am langen Cafe-Tisch trafen wir auf eine trinkfreudige Multi-Kulti-Versammlung, deren Teilnehmer einer nach dem anderen einen Toast auf Nat anbringen musste. Wir hörten Englisch, Spanisch, Japanisch, Chinesisch, Usbekisch, Kirgisisch, Deutsch (ich) Russisch und Farsi. Dabei ein neues Wort gelernt: ‚Fuckistan'. Ich musste auf meine neue Liebe und meinen neuen Freund ein volles Wodgaglas in einem Zug leeren. John - Amerikaner mit chinesischem Blut - machte als erster schlapp. Auch Nat schaffte den anschließenden Diso-Besuch im ‚Heaven' nicht mehr, während ich mit Nuria bis 3 Uhr morgens im ‚Himmel' tanzte.
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31.7.06
Abschied von Abduwachid im Flughafen Bishkek: Wir liegen uns in den Armen und können nicht glauben, dass es nur eine Reise war und nur einen Monat lang, das war ein ganzes Leben! Und zur Krönung kommen wir ein letztes Mal gemeinsam in den ‚Genuss', mit wichtig dreinblickenden Uniformierten blödsinnige Verhandlungen zu führen. Sie lassen ihn nicht durch zum Terminal, weil er im Pass keine Registrierung vom OWiR hat. Ich bin wieder der deutsche Diplomat aus Tashkent auf Urlaubsreise und notiere mir Namen und Dienstgrade der Herren, schaue sie spöttisch und herablassend an, sage dies und das, und Abdu übersetzt, was er für angemessen hält.
Wir werden in ein Dienstzimmer im EG geführt, wo ein Mann in Zivil hinzukommt, der ein Kriminalbeamter sein soll. Man holt ein dickes Buch, offenbar ein Gesetzbuch, und zeigt uns einen Paragraphen, demnach Leute aus den GUS-Staaten eine Registrierung brauchen. Wir sagen, sie hätten offenbar noch nicht davon gehört, dass neuerdings Leute, die im Wohnmobil unterwegs sind, keine Registrierung benötigen (ein Blöff). Es wird geredet und geredet, ich mach's mir bequem, schließlich übersetzt Abdu, ich soll in Europa verkünden, Kirgisien sei ein freundliches Reiseland und alle meine Freunde hierher einladen. Sie hoffen, wir hatten eine angenehme Reise, und es hat uns gut gefallen in Kirgisien. Das können wir bestätigen, und Abdu darf ungestraft nach Tashkent ausreisen: "Karascho, do sürdanje!"
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Da Nuria immer nackt in der Wohnung rumläuft, hat sie inzwischen mindestens 3 männliche Fans im Plattenbau gegenüber. Das Fenster unserer Küche hat volle Zimmerbreite und keine Vorhänge. Scheinbar haben sie ein Alarmsystem eingerichtet, denn kaum ist sie in der Küche, hängen sie in den Fenstern. Wenn ich allein dort escheine - immerhin auch oben ohne - passiert nichts. Vielleicht schiebt einer Wache und informiert die anderen? Zur Zeit müssen sie sich allerdings mit einem schwarzen Slip begnügen, Nuria hat die Tage.
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Letzte Nacht wehte ein beißender Qualm bis zu uns in die 7. Etage hinauf. Er stank genauso wie der vor sich hinkokelnde Müllplatz hinter der nächtsen Plattenbaureihe. 5:30 fuhr ich runter, bewaffnet mit einer Flasche Wasser. Aber der Wind kam aus einer anderen Richtung, die Quelle musste - für mich unerreichbar - hinter Zäunen und diversen Flachbauten liegen. Zurück im Bett roch ich nichts mehr. Hatte ich geträumt, oder ist wahr, was ich kürzlich gelesen habe?: Demnach warnt die Nase zwar vor üblen Gerüchen. Aber wenn sich der Nasenbesitzer nicht aus der Gefahrenzone heraus bewegt, oder den Gestank abstellt, geht die Nase davon aus, dass er nicht so schlimm ist und ignoriert ihn fortan.
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Kürzlich hat Nuria zum ersten Mal ein Mitglied ihrer Familie zu uns eingeladen. Die 18-jährige, unverheiratete Nella schläft auf der Couch und bleibt zum Frühstück.
Dabei zeigt ihr Nuria (immerhin mit Slip bekleidet) unsere von der Sonne aufgeweichte, eingeknickte Kerze und meint fröhlich auf mich deutend: "His penis!" Und ich dachte, in asiatischen Familien wird nicht über Sex geredet!
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Heiß geworden in Bishkek, wir gehen meist erst nach 19 Uhr aus dem Haus. Den Tag verbringen wir auf meinen Schaumstoffmatratzen aus dem Bus, die wir auf den Wohnzimmerteppich gelegt haben. Die 'wertvolle' Couchgarnitur benutzen wir nur als Kleiderablage, um keine Schwitzflecken zu hinterlassen.
Der Tag vergeht mit Kissenschlachten, Kampf um die Musikauswahl (sie mag Hip-Hop, ich meine alten Kassetten), schlafen, Fotos von ihr machen, kreuzworträtseln (sie allein) und TV gucken: Englischsprachige Filme gibt's nicht mit Untertitel, sondern nicht-lippensyncron russisch übersprochen: 1 Sprecher für alle männlichen, 1 Sprecherin für alle weiblichen Rollen. Es wundert mich, wie viel die Leute sich zu sagen haben.
Bei uns geht's ruhiger zu, Nuria kann wenig Englisch, wusste nichtmal, was ‚letter' heißt. Habe angefangen, ein Vokabelheft für sie zu füllen, aber es hapert auch mit Grammatik, Nuria lebt im Präsens. Für Anekdoten aus ihrem Berufsleben reicht ihr Sprachschatz, da kann sie ja gestenreich nachhelfen. Aber die meisten Kunden seien langweilig, sagt sie, es gebe nicht viel zu erzählen, immer das selbe. Ich frage mich, wie lange sie unser langweiliges Leben aushält.
"I am a woman... sometimes...."
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10.8.06
Lange erwartet, jetzt ist's passiert: der Fahrstuhl funktioniert nicht! Gleichzeitig kotzt einer von 3 Bertunkenen in den Müllschlucker. Könnte es da einen Zusammenhang geben? Egal, erstmal gehe ich in den kleinen Basar um die Ecke. Mindestens einer der beiden Missstände wird danach behoben sein.
Diese Müllschlucker sind dicke Metallrohre, die von oben bis unten durchs Treppenhaus verbaut sind. Auf jeder Etage gibt's eine Einfüllklappe. Sehr praktisch. Die Ossis werden das kennen. Man benutzt sie aber nicht mehr. Sehr bald waren sie verstopft, und mit dem Gestank wanderten auch Ratten und anderes Ungeziefer die Röhre hinauf.
Die Betrunkenen sind dann weg, aber der Aufzug geht immer noch nicht. 7 Etagen sind hart für einen alten Mann, auch wenn sie hier das Erdgeschoss mitzählen, die 7. also unsere 6. ist.
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10.8.06
Da dachte ich, wenn ich mit einer Hure auf Zeit zusammen lebe, gibt's keine Beziehungsprobleme. Von wegen! Vorgestern musste ich in endloser Debatte begründen, warum ich sauer war, und dass sie sich eigentlich entschuldigen müsste. Und genau wie alle meine Freundinnen macht sie sich derart breit im Bett, dass mir nur noch ein schmaler Streifen zum Schlafen bleibt.
Und steht einer Hure etwa zu, keine Lust auf Sex zu haben? Und wenn ich keine Lust habe, muss ich mir stundenlang anhören: "I want fuck!"? Und ist es richtig, dass sie mich zum Einkaufen schickt, obwohl ich 1. kein Russisch spreche, und ich 2. bereits für's Frühstück eingekauft habe? (7 Stock rauf und runter) und überhaupt jeden Morgen, naja, fast jeden Morgen das Frühstück mache, weil sie nicht aus dem Bett kommt, meist erst 11:30 in die Küche taumelt und sich über den Lärm beklagt, den ich mit dem Spülhaufen von gestern veranstaltet habe? Jetzt hab ich auch noch Zahnschmerzen!
Und neulich in der Disco hat sie - nachdem sie sich gleich 3 Getränke auf einmal bestellt hatte: Wodka, O-Saft und Bier - doch tatsächlich einen Ekelkirgisen zum Tanz aufgefordert, mit dem sie, sagte sie, Lust habe zu ficken; was den Satz von Max Frisch bestätigt: ‚Tanzen ist Aufforderung zum Geschlechtsverkehr'. Aber er wollte nicht. Ich schon. Zum Glück spielte die Band nicht nur die doofen asiatischen Schlager, sondern auch Oldies wie 'Hotel Carlifornia', sogar ziemlich originalgetreu.
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Im kirgisischen TV-Sender hat sie heute einen ihrer Kunden wiedererkannt. Das sei ihr schon oft passiert, auch Politiker seien dabei gewesen. Dann schaut sie mich gelangweilt an und sagt: "Tschor?" (Was nun?) "Nitschor", sage ich, es gibt nur 2 Anlässe, die Matratzen zu verlassen: einkaufen und Internet. Dort hat sie beim Rumklicken am Computer so nebenbei das Chatten entdeckt und strahlt übers ganze Gesicht: "Is good!" Vermutlich wird sie bald den ganzen Tag damit zubringen, aber das ziehe ich ihr vom Lohn ab. Sie hat sich den Chatnamen 'Dura' gegeben, was gleich großes Aufsehen in der Chatgemeinde erregte. So nenne ich sie manchmal, heißt so viel wie: 'Blödfrau'.
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15.8.06
Heute lag ich 2 Stunden lang auf dem Rücken, und 2 attraktive Russinnen, eine links, eine rechts, waren mir sehr nahe und schauten mir sehr tief in mein aufgerissenes Maul (erzählten sich scheinbar Dönekes über mich hinweg, kicherten jedenfalls öfter) und stocherten mit Nadeln bis auf den Nerv: Wuzelbehandlung, Privatklinik, gilt als sehr teuer: 60 Euro. Im Krankenhaus hätte das 6 Euro gekostet, mutmaßt Nuria, aber hier haben sie das neueste Gerät. Stimmt, es sah kaum anders aus als ich es von meinem Doc in W. kenne, die Zimmer waren ein bisschen großer, und eine Fliege kitzelte mich am Fuss, und Nuria durfte die ganze Zeit dabei bleiben. 3 bis 4 Tage soll ich nun Schmerzen haben, sagte die Ärztin, bis jetzt merke ich nichts.
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17.8.06
Gestern waren wir im 'Zeppelin', dem bishkeker Hard-Rock-Cafe. Eintritt für mich 1 Euro, für Mädels frei. Leider mit sehr unbequemen Hockern, und an der Bar haut man sich an der eisernen Vekleidung die Kniescheibe auf. Jeden Abend spielt eine Band, am Wochenende gibt's zusätzlich Striptease. Die gestrige Band spielte Sowjet-Rock, also das, was vor der Wende zugelassen war. Die Musiker stilecht steif und dilettantisch, das erste Stück mussten sie 3x von vorn anfangen. Für mich waren das Shanties, totlangweilige Balladen im schleppenden Rhythmus. Nuria trank zu jedem Titel 1 Glas Wodka (30 Cent pro Glas), mir war nach 1 Flasche pro Titel, um das zu ertragen; nach dem 3. Glas sind wir gegangen. "Let's come again at the weekend", sagte ich, als ich im Eingangsbereich das Foto der Tänzerin sah, das sie zeigt, wie sie vermutlich am Ende ihrer Vorstellung aussieht.
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Unsere Bäckerei hinterm Plattenbau, echt nette Jungs! Der Krater ist der Ofen.
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Kürzlich mit Taxi zur Disco gefahren, ein zweitüriger, klappriger Audi 80 aus den 80ern ohne Dachschild. Er fährt uns für 80 Som (1,30 Euro) für eine Strecke, die bei uns mindestens 12 Euro kosten würde. Wir handeln auf 50 runter. Drinnen sieht's aus wie in der Wohnung meines Freundes, der ein Messi ist. Er muss erstmal den Beifahrersitz leer räumen, dann kann Nuria auf den Rücksitz klettern, ich setze mich vorn rein. Er hat den Zündschlüssel verloren, sucht ihn in seinem Kros und unter seinem Sitz. Ich höre, wie Russisch mit Hasenscharte klingt: Das Auto sei aus Deutschland, sagt er und klopft stolz auf das Lenkrad. "Ich weiß", sage ich, "ich bin auch aus Deutschland." Ich muss nochmal aussteigen, er findet den Zündschlüssel unterm Beifahrersitz. Er startet und vergisst, den Gang rauszunehmen. Abgewürgt. Ich frage, ob er einen Führerschein hat, sonst könnte ich fahren, ich wär nämlich auch Taxifahrer.
Gestern hat Nuria ein Pilzgericht gemacht, die Pilze lagen nach dem Kochen grau und schleimig wie fette Schnecken im Topf. War lecker, wie alles, was sie kocht. Am nächtsen Tag konnte ich 3x hintereinander auf'n Topf, hatte das Gefühl, mich noch nie so gut entleert zu haben, kann mich aber nicht erinnern, gestern irgendwelche veränderten Wahrnehmungen gehabt zu haben, sonst hätte ich das Gericht gleich nochmal bestellt.
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Sehr beliebt bei den Bishkekern (und in ganz Zentralasien) ist das Karaoke-Singen. Nuria macht's auch gern und nicht besser als der Durchschnitt, d. h. out of tune. In den Parks gibt es unzählige Buden mit Musikanlage, TV und Mikro. Viele Cafes quälen ihre Gäste mit professionellen Karaoke-Sängern und / oder -Sängerinnen, die alle die schrecklich sentimentalen bis pathetischen asiatischen Schlager runterleiern, manche in unerträglicher Lautstärke, trotzdem sind die Cafes gut besucht, mir schauderts schon, wenn ich's von weitem höre.
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Gestern standen wir vor dem Lift, ich schaute in meine Tasche nach der Kappe, ohne geh ich nicht raus (Kirgisen tragen keine Kopfbedeckung, an Kappe oder Schlapphut erkennt man den Ausländer, die gepflegte Kirgisin hält sich als Schattenspender lieber eine Zeitung oder die Handtasche über den Kopf), ich hatte sie wohl vergessen, Nuria fuhr schon runter, ich nochmal in die Wohnung, fand sie nicht, bis ich merkte, ich hatte sie schon auf dem Kopf, typische Fehlleistung alter Leute, dachte ich erschrocken, und da hatte ich als mögliches Alibi die Schmerzpillen noch nicht genommen, die mich später ganz banane machten. Glücklicherweise hatte ich Nuria nicht gesagt, was ich vermisse, sie hätte mich garantiert in die Wohnung laufen lassen, und sich noch bis zum Abflug darüber amüsiert.
Zeitung überm Kopf gegen die Sonne
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Nuria will übermorgen mit mir nach Talas zu ihrer Familie, es gibt irgendeine Totenfeier für ihre Mutter, die vor 1.5 Jahren gestorben ist, ein alter Brauch: Es geht über 3 Tage, die ganze Familie kommt zusammen, incl. aller Verzweigungen ca. 200 Personen, 2 - 3 Schafe und 1 Kuh werden geschlachtet (einen Tag vor unserer Ankunft), die Köpfe bekommen die Ältesten. Nuria muss 3 Tage lang von 8 bis 17 Uhr in einer Jurte sitzen und heulen. Was soll ich so lange machen? Soll ich mitfahren und mitheulen?
Die Mutter, zu deren Ehren es stattfindet, starb an Krebs, ein Onkel in diesem Jahr ebenso. Beide waren mit Nurias Vater im April 86 in Kiew, als es in Tschernobyl krachte. Vater ist 49 und Invalide, bekommt 800 Som / Monat = 16 Euro. Er ist das Oberhaupt der Sippe. Seine Gebrechen haben seine Potenz nicht beeinträchtigt, er hat eine 2. Frau, und er ‚besucht' noch andere.
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