|
Reisetagebuch 2006 / Kirgistan 1.7.06 Große Reden Der Polkovnik (Oberst) der kirgisischen Grenzstation bestellt uns in sein Arbeitszimmer im 1. Stock. Er sagt, er habe großen Respekt vor dem Deutschen Volk und seiner Kanzlerin, äh... "Angela Merkel", hilft Abdu. Ja, richtig, sagt er, aber Abduwachid habe keinen Respekt vor dem kirgisischen Volk, wir seien nicht ausgestiegen aus dem Auto, als wir auf das Zollgelände fuhren, sondern hätten versucht, einfach durchzufahren (geht gar nicht), und dafür mache er nur Abdu verantwortlich, er habe das Recht, ihn dafür 24 Std. festzunehmen usw. usw. Ich sage, auch ich hätte großen Respekt vor dem kirgisischen Volk und ihrem Präsidenten (wie heißt der?), und ich würde dafür bürgen, dass Abdu hinfort die Gesetze des kirgisischen Volkes beachtet usw. usw. Wenns sein muss, kann auch ich große Reden halten, ich durfte dabei sitzen, Abdu musste stehen. Wir vermuten, der Oberst hatte gehört, dass Abdu mich mal wieder als Diplomaten vorgestellt hat, und da musste er sich natürlich in Szene setzen. Wir warten mit dem Lachen, bis wir außer Sichtweite sind.
Kirgistan hat tatsächlich besseres Klima als Usbekistan: kühler und jeden Tag eine kurze Schauer. Auf den Hochebenen riesige Sonnenblumenfelder, in den Gärten hohe Stapel Kuhfladen zum Trocknen, in den Bergen leben Nomaden in Jurten, Kinder verkaufen ‚Kumis' (gegorene Stutenmilch), viele frei rumlaufende Pferde...
...eine Herde benutzte direkt vor uns eine Pfütze in der Straße als Tränke.
Neulich abends in den Bergen Kurzer Plausch
Fahren von Osh über Jala-Abad Richtung Naryn, etwa 300 km Stein- und Schotterpiste, teilweise mit Wellblechuntergrund, es rappelt und poltert, Musik hören unmöglich, wir haben 2 Tage lang Schlagzeugsolo im Auto: sehr nervig! Überfahren den ersten 3000er, sein Haupt steckt in einer schwarzen Regenwolke. Als wir wieder klar sehen, kommt von unten ein Motorradfahrer entgegen in weißem Helm und oranger Warnjacke: "Sieht aus wie Karin", sage ich zu Abdu, und je näher er kommt, desto sicherer wird: Sie ist es! Was für ein Zufall! Sie ist unterwegs zum Pamir. Es regnet, sie ist zu nass, um sie ins Wohnmobil bitten zu können, ich zu trocken, um auszusteigen, so bleibt es beim kurzen Plausch. Eddi
Paar Kilometer weiter halten wir an einem der schönen Bergflüsse für eine Rast. Aus der anderen Richtung kommt ein rusischer Militär-Jeep und hält hinter uns. Heraus kommen Eddi und Andre aus Wuppertal, sie haben das 'W' am Kennzeichen gesehen. Inzwischen scheint die Sonne, aber wir können trotzdem nicht lange erzählen, der Taxifahrer will weiter, im Jeep warten noch 7 andere Fahrgäste (!) Abduwachid sagt jedesmal, wenn ich ihn anspreche: "Wie bitte?" Ich dachte erst, er ist ein bisschen taub und habe die Lautstärke erhöht, aber er sagt immer noch: "Wie bitte?" Er ist tatsächlich krank, aber nicht taub, sondern sein Geist weilt bei seiner geliebten Jana, und seine Finger hacken auf dem Handy herum und schreiben sms. Von Jala-Abad durch die Berge bis Naryn hatte er Pech: kein Service! Ein kirgisisches Mineralwasser heißt: ‚Isik-Ata' = 'Warmer Vater' 3.7.06 Naryn
Parken zufällig vorm Theater, dem 'Dom Kulturi', viele junge Leute vorm Eingang, Tanzgruppe namens 'Kayxap' (Pupille) gastiert am Abend, wir kaufen Karten, Atmosphäre kommt mir familiär vor, als kenne jeder jeden, der Moderator könnte einer aus dem Publikum sein, kleine Pannen machen mir die Aufführung vollends sympathisch: ein Tänzer verliert einen Turnschuh, das Mikrokabel ist zu kurz, eine Hebefigur gelingt erst beim zweiten Versuch, der Sound ist verkratzt. Ich denke an die Theaterszene im Manhatten der 'Klapperschlange'.
Am Ende der Vorstellung gehen wir nach vorn, Abdu sagt, ich sei Journalist und möchte mit den Damen von Kayxap reden. Wir stehen mitten auf der Bühne, ich mache Notizen wie ein Journalist (oder wie macht das ein echter?), Abdu übersetzt und macht ein Gruppenfoto von uns. Wo sonst kann man so einfach nach einer Vorstelleung mit den Stars reden?
Rastplatz bei Naryn
Schöner Schlafplatz bei Naryn
Wasser bunkern 6.7.06 Isik-Kul
Und wo sonst kann man mit dem Camper einfach über ein Stück Brachland bis zum Ufer eines Sees fahren, wo man den ganzen Strand nur mit ein paar Kühen teilt, um dann gleich über Nacht dort zu bleiben, ohne einen Som zu zahlen? Nur in Kirgisien am Isik-Kul ('Warmer See' - ist aber kalt). Hier ist's mir zudem ganz heimisch zumute: sieht aus wie am Van-See in der Türkei, oder am Strand von Thassos. Nur das Mädchen mit den krigisichen Schlitzaugen passt nicht.
Schlafplätze am Isik-Kul
Sonnenuntergang überm Isik-Kul Bushalte und Friedhöfe
Kirgisien besteht für uns aus Bergen, Bushaltestellen und Friedhöfen. Die Bushaltestellen stammen aus Sowjetzeiten, teilweise verfallen, alle aus Beton, jede ist anders, jede ein Unikat und nirgendwo verkehrt ein Bus. Habe daher neue Fotoserie begonnen, hier sind zwei:
Die Friedhöfe fallen auf, weil sich dort scheinar jeder ein eigenes Haus baut, manche eine Jurte. Und diese Häuser sind zwar kleiner, aber liebevoller hergerichtet als die Wohnhäuser. Entsprechend groß sind die Friedhöfe. Von weitem ist oft nicht klar, ob wir uns einem Ort oder einem Friedhof nähern, und sie liegen meist unmittelbar an der Hauptstraße, für ein Foto muss ich nichtmal aussteigen. Scheinbar möchte man sie den Reisenden wie eine Sehenswürdigkleit präsentieren:
Der Unterschied
Die Kirgisen fallen weniger auf, sie sind erfreulich diskret, im Gegensatz zu ihren oft distanzlos neugierigen Nachbarn, den Usbeken. Dieser Unterschied, sagt Abdu, beruhe auf der unterschiedlichen Abstammung: Kirgisen waren Nomaden, Usbeken schon immer sesshaft. Hatten wir uns anfangs noch wie gewohnt für die Nacht hinter Hügeln versteckt, bleiben wir jetzt einfach am Badestrand stehen. 8.7.06
Entdecken bei Kemin einen wunderbaren Schlafplatz auf einem Stück Brachland zwischen einer Reihe Pappeln und einem Fluss, dem Chuy. Links und rechts von uns je ein durch Betonplatten ausgekleideter, leerer Graben, die offensichtlich früher als Speicher für Tierfutter gedient haben. Solche Plätze liebe ich besonders, zu viel Idylle ist nicht gut. Noch lieber würde ich auf Ruinenfelder oder zwischen stillgelegten Industrieanlagen schlafen. Auch hier stehen wir wieder in Sichtweite von Häusern und Straße.
Aber diesmal bekommen wir doch Besuch: Islam ist der Besitzer des nächstgelegenen Hauses und einer Reihe von schief stehenden braunen und goldenen Zähnen. Er klärt uns auf, dass das Land jenseits des Flusses bereits zu Kasachstan gehört. Wie gut, dass wir kein Allrad-Auto haben, wir wären sonst garantiert übergesetzt, ohne vorher auf die Karte zu schauen - drüben keine Spur von Grenzbefestigungen oder Wachtürmen. Wir erfahren auch, warum wir den Abend heute nicht allein verbringen: Islam ist Türke, der kirgisische Besitzer des Landes, auf dem wir stehen, ist nicht zu uns rausgekommen.
Raststätte mit Restaurants
Kirgisische Basar-Verkäuferin
Kirgisisches Cafe
Noch ein Cafe mit Gästen
Wo sonst ist das Eigelb so gelb wie in Kirgisien?
Warten auf den Urologen im Hospital am Isik-Kul See
Jurte in den Bergen
Kumis-Verkäuferin (Stutenmilch)
‚Reichtum in der Erde, Macht im Volk'
Kirgisisches Straßenschild
Was man ausrottet, setzt man nachher auf den Sockel
Kirgisische Piste
Teppichreinigen auf der Hauptstraße
Straßenladen mit Wolf
Kirgisische Familie
Besuch zum Frühstück
Auf einmal war ich voller Liebe für die ganze Menschheit
Kirgisische Tankstelle
Der abergläubische Abdu wünscht sich was von einem Baum
Noch was auf einem Sockel
Ort namens 'Kant' nach Immanuel
Ortseingang von Tokmok. Dort befindet sich ein russischer Militärflughafen |