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Reisetagebuch 2006 / Talas




23.8.06


Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so gut geschlafen habe wie im Haus von Nurias Familie in Talas. Woran mag das liegen?

Der Ort liegt, nebst einigen Dörfern, in einem weiten, von kahlen Hügeln umgebenen Tal. Darin verstreut, wie Maulwurfhügel auf einer Wiese, liegen ein paar spitzkeglige Erhebungen, von denen wir einen bestiegen. Ich sagte ihr auf Englisch, wie schön ich die Landschaft finde - sie verstand nicht. Aus Verzweiflung sagte ich es auf Deutsch: "Aha, Landschaft" sagte sie, "dadada.karascho!" Landschaft ist also ein russisches Wort (auch ‚Gastarbeiter' und ‚Stohl' sind russische Wörter, Stohl heißt Tisch).


Hier würde ich mich gern als Rentner niederlassen, zumal ein Haus mit Grundstück nur 3 bis 6000 Dollar kostet, gäbe es da nicht den einen oder anderen Kirgisen als Nachbarn.



Im Nachbarhaus

An einem Abend war Nuria verschwunden, ihr Vater und seine 2. Frau führten mich in ein Nachbarhaus, das im Dunkeln derart gruselig war, dass ich echt dachte: Hier wirst du jetzt geschlachtet und verspeist. Auch drinnen bei Licht sah´s kaum besser aus.

Aber Galena, die Hausherrin, feierte Geburtstag, sie wurde 51, ich hatte sie auf 71 geschätzt. Zahnlosigkeit macht eben ganz schön alt. Alle waren gut drauf, man schwatzte und lachte, es gab Rotwein und Wodka, ich hielt einen Toast auf das Geburtstagskind in Deutsch, andere folgten, ich verstand kein Wort.

Als Galena in einem anderen Zimmer war, malte der Herr zu meiner Linken unterm Tisch die Umrisse einer Frau in die Luft. Aha, er möchte mir eine Hure besorgen: "Nein danke", sagte ich, "ich hab schon eine", was er nicht verstand und auch nicht verstehen sollte, das weiß ja keiner (oder will keiner wissen). Dann sagte Vaters 2. Frau vermutlich (ich verstehe inzwischen etwa 40 russische Wörter): "Wir wollen gehen, das hier ist für den Jürgen zu primitiv." Das ergab einen Streit, die 2. Frau wurde als Prostituierte beschimpft, und schon war eine Schlägerei im Gang, der ich gerade noch ohne Querschläger entkam, während Vater mit einem blauen Auge nach Hause kam.




Vater mit Tochter Aidai



Das Biest

Die Familie im Haus schräg gegenüber hat 2 Söhne, einer schwachsinnig, der andere nur halb. Ersterer ist harmlos, lacht immer, keiner hört ihm zu, lässt sich von den Kinder ärgern, ist ganz dünn, man könnte ihn umpusten. Der andere hat die Figur eines Schwergewichtsboxers, er läuft stets oben ohne und in Jogginghose rum. Er ist schleimig freundlich, hat blutunterlaufene Augen, pechschwarze Füße, ließ meine Hand nicht los, wollte mich scheinbar in den Arm nehmen, sagte seltsame Sachen.... Dieser Mensch ist gruselig, die perfekte Besetzung für einen Horrorfilm.



Die Wohnhäuser in Talas sind nicht gerade komfortabel. Die Handpumpe im Garten fördert Grundwasser aus der Erde, es schmeckt hervorragend, ist kalt und klar wie aus einer Bergquelle. Aber so oft ich den Schwengel auch niederdrückte, es kam kein Wasser. Und wenn doch, dann nur ein kurzer Schwall, und ich schaffte es nicht, vom Schwengel schnell genug unter den Ausguss zu kommen, um mir die Hände zu waschen. Die jüngere Schwester Aidai (spricht sich wie 'I die') musste mir helfen, ihr gehorchte das Biest anstandslos. Mir kommt inzwischen der Verdacht, dass die Leute in solchen Orten nur deshalb so viele Kinder machen, weil ihre archaische Lebensweise eine Menge Hände benötigt..



Sanitá!

Etwa 10 Meter entfernt von der widerspenstigen Pumpe befindet sich der Bretterverschlag über der Sickergrube. Das im Frühjahr ansteigende Grundwasser sei der Grund dafür, dass der Grubeninhalt fast die Unterseite des Bretterbodens berührt. Die ersten beiden Tage konnte ich vermeiden, mich darüber zu höckeln, indem ich Nuria in ein Café einlud. Als ich am dritten Tag dringend musste, hielt ich Augen und Nase in Richtung der offen gelassenen Türe. Das Wort, das ich schreien musste, würde sich jemand nähern, hatte ich zufällig aufgeschnappt: "Sanitá!" heißt demnach: "Besetzt!" Kommt daher unser Wort: Sanitär?



Lebenslust

Nuria schämt sich für die Lebensumstände ihrer Familie, ich durfte weder das Klo noch die Elektrokochstelle fotografieren. Aber meine ersten 7 Lebensjahre habe ich unter ganz ähnlichen Umständen zugebracht. Allein draußen vorm Haus an den Jägerzaun gelehnt, erinnerte ich mich daran: Kein Autoverkehr, nichts übertönte die Geräusche der Stille: Wind in den Pappeln, Holzhacken, Hufe auf Kies... am schönsten waren die würzigen Gerüche nach Holzfeuer, feuchter Erde, Sickergrube, Tieren... in jedem Atemzug eine andere Mischung. Eine Quelle der Lebenslust, erst jetzt weiß ich das zu schätzen, aber ich habe keine Sehnsucht zurück, für Bad und warmes Wasser verzichte ich gern darauf.



Kokboru

Nurias Vater ist trotz seiner Krankheit gut drauf. Könnte ich Russisch, wir hätten uns nächtelang unterhalten über Sachen, die zu übersetzen Nuria bald zu müde wurde. Z. B. ‚Kokboru' der kirgisische Nationalsport. Sieht aus wie Polo, 2 Mannschaften zu je 10 Mann fischen vom Rücken ihrer Pferde mit bloßen Händen nach einem frisch erlegtem, ungeschorenem Schaf. Ziel ist es, das Schaf in eine Art Krater zu schmeißen. Die Mannschaft, der das am häufigsten gelingt, hat gewonnen und behält das nun gut druchgewalkte Tier für den anschließenden Festschmaus.



Iswinitze

In der Innenstadt von Talas hätte uns beinahe ein alter Lada beim Überqueren der Straße überfahren. Während er uns hupend auswich, rief ich in die geöffnete Seitenscheibe: "Idiot!" hinein, wohl wissend, dass Kirgisen dieses Wort verstehen. Staub wirbelte auf, der Lada konnte also doch bremsen! 2 junge Typen sprangen schreiend raus und wollten mich verprügeln. Ich schrie: "Iswinitze!" (Entschuldigung), ein Wort, dass ich mir gut merken kann, weil es wie ‚Iss wie nie!' klingt. Aber das war ihnen keine Genugtuung, Nuria musste sich schützend zwischen uns werfen, und ich machte mich aus dem Staub. Sie sagte mir danach, die beiden hätten sie lauthals als Prostituierte beschimpft, die sich von einem Amerikaner aushalten und ficken lässt. "Nuitscho?" sagte ich, "don´t worry", bis auf den Amerikaner hatten sie doch richtig geraten.




25.8.06

Totenfeier

Das war in Tasha-Arik, einem Nachbardorf, im Haus ihrer Großmutter. Es kamen nur alte Leute, sahen jedenfalls alt aus, der Iman war der jüngste. Die Frauen kamen weinend und schluchzend auf´s Grundstück, versammelten sich in einem Raum neben der Küche und heulten gemeinsam. Wenn man will, kann man also traurig sein, wenn man soll.

Wir Männer mussten nicht heulen (ich persönlich bin sogar eher froh, wenn jemand gestorben ist: er hat es geschafft und macht Platz für die Lebenden), sondern hockten uns ums Festmahl, nämlich auf den Boden. Ich kann zwar lange Zeit im Schneidersitz aushalten, aber nicht ohne Rückenlehne; ich schob mein Tagebuch zwischen Rücken und der kalten, gekälkten Wand - so ging´s. Wenn ich zur Teetasse griff, fiel jedesmal das Tagebuch runter, ich aß und trank also wenig. Ich hoffte, jemand würde mein Dilemma bemerken und nach einem Kissen rufen, dann würde ich sagen: "Ach, ist nicht nötig..." Usw.


Totenfeier in Tasha-Arik



Der Iman geht


Es war eine stille Feier, es wurde gebetet und gegessen, keine Musik, kein TV, sehr angenehm. Ich musste mich nichtmal unterhalten, keiner konnte Englisch oder Deutsch. Nuria war nicht bei mir, sie musste mit den Frauen heulen und sich ums Essen kümmeren, und mit meinen 40 Vokabeln, die ich nichtmal alle auswendig weiß, war nicht viel anzufangen.


So kann Nuria auch aussehen


Ich dachte, die Frauen würden - islamisch getrennt - im selben Raum essen, in dem wir sie schluchzen hörten. Aber sie kamen doch zu uns, wir immerhin an der einen, sie an der gegenüberliegenden Wand. Es wurde Fleisch gereicht, vom Rind, es gab auch Brot und Marmelade und leckeren Honig, aber die Gäste aßen fast ausschließlich Fleisch.

Als ich sie mir der Reihe nach ansah, kam mir die Idee, ob der Mensch vielleicht - zumindest im Alter - allmählich so aussieht wie das, was er isst - oder hauptsächlich isst? Bei dieser Versammlung traf das größtenteils zu: auf der einen Seite Ochsen, auf der anderen Kühe. (Ich habe 3 Fotos gemacht, sind aber bei dem schwachen Gegenlicht nix geworden: verwackelt und unterbelichtet.) Wie ist das mit Vegetariern? Sehen die etwa aus wie Gemüse? Ich glaube, die Idee ist doch nicht so gut.


Küche mit Fleischresten



27.8.06


Nuria hat Geburtstag, sie wird 26. Unter dem Apfelbaum im Garten gebe ich ihren Freundinnen meinen ersten, aus meinen erlernten russischen Vokabeln zusammengesetzten Satz zum besten: "Nella rabotta in Dome." Großer Lacher. Der zweite Satz: "Ja lublu major Dura." Gleiche Reaktion.




Geburtstag Nuria mit Freundinnen im Wohnzimmer



28.8.06

Rückfahrt


Auf der Rückfahrt nach Bishkek sah ich aus der Maschruttka heraus (diesmal ein alter Ford Transit) den schwarzen Schatten eines Batmans, den eine Wolke auf einen kahlen Hang malte. Der Schatten sank langsam zu Tal, als wolle er dort landen. Aufgrund des Straßenzustands konnte ich der Bewegung lange folgen.

Auf glattem Asphalt erwies sich der Fahrer als Jäger vorausfahrender Autos. Mit dem zutalziehenden Gewicht von 9 Personen ging das besonders gut auf den Serpentinen vom 3000er Pass abwärts. Heraus aus der Wende gab er Vollgas, kurz vor der nächsten machte er Vollbremsung, und durch die Kurve driftete er am Limit. Zu viel für die Nerven eines alten Mannes, ich bat Nuria, den Fahrer mit der Panoramasonnenbrille zu bitten, langsamer zu fahren. Keine Reaktion. Ich schrie Verwünschungen von der letzten Bank nach vorn in Deutsch oder Englisch: Gleiches Ergebnis. Hatte ich etwas anderes erwartet?

Mir fiel eine Stelle aus einem Tagebuch von Luise Rinser ein, sie schrieb, sie habe den Tod eines Menschen auf magische Weise herbeigeführt. Ich hatte große Lust auszuprobieren, ob ich das auch kann. Allerdings wären im Fall unseres krigisischen Fahrers auch seine Fahrgäste in den Abgrund gestürzt, also verschob ich den Plan bis zur Ankunft in Bishkek.



Stinkefinger

Zurück in Bishkek mussten wir an unserer Wohnungstüre schellen: sie war von innen verschlossen. Die Dame, die drin war, war nicht unsere Vermieterin und schaffte es nicht, die 3 Schlösser zu öffnen. Wir machten es uns im Treppenhaus bequem. Ich bekam einen Lachanfall, in Asien ist eben alles anders.

Nuria ging, die Vermieterin anzurufen. Es stellte sich raus, sie hatte unsere Wohnung einen Tag nach unserer Abreise an jemand anders, also 5 Tage doppelt vermietet. Wir könnten ihr dankbar sein, sagte sie, denn so habe die junge Dame, die inzwischen mit meiner Unterstützung die Türe aufgekriegt hatte, unsere Sachen bewacht. Haha...

Unter der argwöhnischen Aufsicht der Vermieterin räumten wir unsere Klamotten aus der Wohnung und saßen nun buchstäblich mit unserem ganzen Krempel auf der Straße, obwohl wir die Wohnung bis zum nächsten Morgen bezahlt hatten. Und die Vermieterin verlangte auch noch 600 Som fürs Internet, das wir keine Minute genutzt hatten. Ich zeigte ihr meinen Stinkefinger. Naja, wenn immer alles glatt ginge auf Reisen, könnte ich ja auch zuhause bleiben.


So war sie, als wir einzogen: nett und freundlich, wollte uns sogar zum Essen einladen, von dieser Frau keine Wohnung mieten!

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