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Reisetagebuch 2006 / Tashkent, Teil 1 8.5.06 Komme ausgerechnet zum ‚Den Probedy' = ‚Tag des Sieges' über die Deutschen und die Faschisten in Tashkent an. Diesem Ereignis widmet man hier gleich 2 Feiertage. Besuchen Abdus Großvater, ein Kriegsverteran. Ich habe die Ehre, ihm zum Sieg über ‚uns' zu gratulieren, was durchaus von Herzen kommt. Er heißt Aminjan Guzganov und ist ca. 83 Jahre alt, er weiß es nicht so genau. Seine Frau heißt Anar = Granatapfel.
Ich frage ihn, wie viele Deutsche er erschossen hat. Er sagt, er habe die Russen, die ihn zum Kriegsdienst gewzungen haben, nicht leiden können und immer daneben geschossen. Sein 77-jähriger Freund und Nachbar kommt vorbei, er hat einen GAZ-20 ‚Probeda' (Sieg), Bauj. 49, der somit mit mir gleichaltrig ist. Er wurde - wie der Name schon sagt - von den Russen anlässlich des Sieges gebaut.
Gaz-20 Probeda, Bauj. 1949 mit Besitzer
Gaz-20 von innen Voll das Leben Fahren abends mit dem Sammeltaxi hinaus nach Quyluk = 'viele Hammel', wo unser gemeinsamer Freund Nosim gerade einen Hausstand gegründet hat. Das Sammeltaxi ist ein russischer Kleinbus für etwa 10 Personen, er fährt eine bestimmte Strecke ab, aber hält überall, wo Leute stehen oder aussteigen wollen. Der Fahrer fährt immer mit Vollgas und hört die schreckliche, usbekische Popmusik auf maximaler Lautstärke. Wer möchte, dass er amhält, muss schreien. Der Fahrer ruft den Leuten zu, sie dürfen nicht einsteigen, der Bus sei voll. Aber die Männer beachten ihn gar nicht und steigen alle ein. Derjenige, der neben dem Fahrer sitzt, muss kassieren, man reicht die Scheine nach vorn durch. Der Fahrer krost lange unter seinem Sitz und fördert einen dicken Bündel Scheine zutage, die er dem Beifahrer zum Zählen gibt: er muss tanken. Auf tashkenter Tankstellen arbeiten neuerdings hübsche, junge Frauen an den Zapfsäulen, was sehr gut ankommt bei den Fahrern. Wir müssen in einen Linienbus umsteigen. Auf dem Weg zur Haltestelle kommen wir durch einen dunklen Fußgängertunnel, in dem rechts und links Leute auf Tüchern hocken und irgendwas verkaufen. Die Bilder erinnern mich an Szenen aus dem ‚Blade Runner'. Überhaupt war die ganze Fahrt ein Film, unmöglich nachzustellen, eben voll das Leben und ständig neue Gerüche…. Ich sitze nur da und grinse….
Bei Nosim in Quyluk 10.5.06 Heute Gastdozent in Nosims Deutschklasse in der ‚Fakultät für Deutsche Philologie'. Erzähle 10 jungen Frauen und 1 Mann von meiner Reise und ersten Erlebnissen in Usbekistan. Zum Beispiel von dem Polizisten in der Metro, dem ich verdächtig vorkam, weil ich einen 5-Tage-Bart habe. Oder die beiden Polizisten auf dem Basar, die meine nicht vorhandene ‚Registrazi' sehen und mich sofort zum ‚OWiR' (Odtel Wis i Registrazi) schleppen wollten. Wie gewohnt verlange ich ihre Dienstausweise zu sehen, ich wolle mich beschweren, ich arbeite bei der deutschen Botschaft. Sie sagen, sie seien keine einfachen Polizisten, sondern Serganten, und die brauchen keine Ausweise und geben mir meinen Ausweis zurück. Man sollte in Usbekistan immer eine Kamera dabei haben, für dieses Ereignis gibt es nun kein Beweisfoto: Ein LKW mit einer schweren Maschine auf der Pritsche startet bei Grün auf einer leicht ansteigenden Straße. Die Ladung rutscht nach hinten, durchbricht die hintere Klappe und drückt die Pritsche über die Hinterachse zu Boden. Der LKW steht mit den Rädern in der Luft wie ein scheuender Hengst auf zwei Beinen. Öl fließt aus der Maschine auf die Straße. Ein Kranwagen wird gerufen, der die Maschine zurück auf die Pritsche hebt. Der LKW-Fahrer setzt die Fahrt mit kaputter Heckklappe fort, ohne die Ladung zu sichern. An der nächsten Ampel könnte ihm dasselbe passieren. Für die Weiterreise eine Anzeige in einer tashkenter Zeitung aufgegeben, erscheint am 18. Mai, Abdu meint, es ruft keine an, ich meine, das Telefon wird nicht mehr still stehen: ‚Deutscher sucht Begleiterin für Reise durch Tajikistan. Alter egal, Voraussetzung: minimale Deutsch- oder Englischkenntnisse, Tel…'
Bus aus der Mercedes-Werkstatt 'Silk Road Star' abgeholt, die Mechaniker spielen Backgammon. Stets das gleiche Bild, wohin ich auch komme: viele, meist mürrisch dreinblickende Arbeitskräfte für wenig Arbeit. Sie haben die Ursache für's Klappern im Fahrwerk gefunden: die Muttern der Klammern, die Achse und Federn zusammen halten, hatten sich gelöst.
Vom Verein: ‚Freunde der Deutschen Sprache' zu einem Vortrag eingeladen worden, mein Thema: ‚Mit dem Wohnmobil durch Zentralasien'. Ich bin gut drauf, erzähle etwa 20 jungen Frauen und Männern im Café vor der Uni wie ich in meinem Camper lebe. Führe ihnen z. B. ‚Lucido' vor, eine Lampe, die man sich hinters Ohr klemmen kann. Hole die Colani-Trockentoillette aus dem Bus: ein Klappstuhl mit einem Loch in der Sitzfläche, in das ich eine Plastiktüte aus dem Supermarkt hänge, und die ich anschließend mit dem Müll entsorge. Ich sage, ich suche eine Mitfahrerin für die nächsten 2 Monate. Eine will es sich überlegen, eine andere sagt, sie fragt ihre Mutter. Zum Schluss steigt die Hälfte in den Bus, und ich fahre sie nach Hause. Möblierte Wohnung
2-Zimmer Wohnung am Rand der Innenstadt gemietet, Haus und Wohnung sind eine lustige Katastrophe, wie üblich ein Plattenbau (die Ossis nannten sie ‚Arbeiterschließfächer'). Zum Treppenhaus gibt's eine Stahltüre, nach innen eine Holztüre, beide mit je 2 Schlössern gesichert. Das stamme aus der Zeit der Wende und Unabhängigkeit, da habe es viele Einbrüche gegeben.
Meine Küche, und ich mit Schluffen
Mein Wohnzimmer ohne mich
Dieser Pudel steht auf dem Kleiderschrank, man kann ihn über eine Flasche stülpen, damit sie besser aussieht
Dieses Biest hockt uber dem Fernseher
Meine Küchenuhr, funktioniert nicht, aber sieht gut aus
Usbeken lieben Kuscheltiere Zwei Schönheiten In meinem Wohnzimmer kann ich tanzen, werde also bald meine vielen neuen Freunde zur Party einladen, z. B. die Studenten, mit denen ich heute in den Bergen war. Entgegen der Ankündigung klettern sie bei 32 Grad und mit Gepäck höllisch steile Hänge hinauf. Aber das ist nicht das einzige, wovon ich in Atemnot gerate. Unter den 7 jungen Leuten sind zwei Schönheiten, deren weibliche Merkmale sozusagen aus allen Nähten platzen. Eine trägt bunte Ringelsocken, angeklebte Dradlocks in gleichen Farben und eine ultrakurze Jeans, die ihre Fülle mit Hilfe von Sicherheitsnadeln zusammen hält. Bei einer Verschnaufpause stehen sie am anderen Bachufer wie auf einer Bühne, bespritzen sich mit Wasser und wackeln mit den Hüften. Die beiden Russen, die das Wasser stets mit einem Schluck Wodka mischen, starren in ihre Hemdausschnitte.
Einer der männlichen Bergwanderer ist hellhäutig und blond, er sagt, er sei Jude, sein Deutsch hat einen holländischen Akzent. Unter einem Baum, von dem aus man schon einen netten Blick ins Tal hat, verweigere ich den weiteren Anstieg. Ich sage, ich will hier auf sie warten. Aber sie bleiben alle bei mir. Einmal sitzen die beiden Hübschen dierekt neben mir, und es fällt mir schwer, etwas Normales mit ihnen zu reden. Die eine lacht mich auch noch dauernd an!
Inzwischen gelernt:
Ich bin ein 'Nemitz', komme aus 'Germania' und bin 'Taxist' von Beruf. Mein Bus ist eine 'Maschina' und muss nachts auf einem bewachten Parkplatz stehen, sonst fehlen ihr möglicherweise morgens die Räder. Meine Freundin heißt Gula (Blume), ist 'Ofitsant' (Kellnerin) und im Nebenberuf Hure und quasi bei mir eingezogen. Hin und wieder bringt sie eine Freundin, bzw. Kollegin mit, was sozusagen ihr drittes Standbein ist. Meine Wohnung in der 'Usman Usupov Ko'ch' ist eine 'Quatiera', und die Achterbahn im Park heißt: 'Amerikanski Gurki' (amerikanisches Gebirge), und meine Schuhe heißen 'Tuffli'. Ich habe russisches MTV (Rammstein scheint recht beliebt), ein Sender heißt 'Rambler' und sendet mit Vorliebe Polizeivideos, und es gibt einen Musikkanal mit usbekischem Hip Hop. Meine Tel. Nr. ist: 142 19 69, ruft mich an, mit Telefonterror hatte ich bereits Vergnügen: eine Mädchenstimme sagte immer nur: "Allo?" (Hallo). Ich antwortete: "Allo?" So ging das eine Weile, bis sie auflegte. Abends sagte sie: "I love you", ich: "Me too." Klar, ich liebe mich auch. Dann war Ruhe. Am nächsten Tag war das Telefon tot. Ich dachte, nun hat sie nicht aufgelegt. Aber es stellte sich raus, die Vermieterin hatte die Rechnung nicht bezahlt. 19.5.06 Gestern Anzeige erschienen: 'Suche Begleiterin... Deutsch- oder Englischkenntnisse erforderlich...' Es meldeten sich 2 Männer und 1 Frau, keiner konnte Deutsch oder Englisch. Aber es ist eine Wochenzeitung, da kann noch was kommen. Kulturkosten Manchmal möchte ich tot umfallen vor Scham - wie blöd ich immer bin: Nur weil der Geldwechsler beim letzten Mal korrekt war, zähle ich diesmal nicht nach, und er hat mich um 20 Dollar beschissen (für einen Hundertdollarschein muss man mind. 123 Sumscheine zählen). Am selben Abend Einladung vom Goethe-Institut zum Konzert: Usbekische Popmusik. Es gibt nicht viel Musik, die mir noch gefällt, schon gar nicht usbekische Popmusik, wollte also gar nicht hingehen, kriege auch noch einen Platz in der ersten Reihe! Auf der Bühne steht ein Rock-Drum-Set, das wird laut werden, denke ich und schaue mich schonmal nach einem Fluchtweg um. Aber dann bin ich echt schwer beeindruckt: eine tolle Synthese aus Rock und asiatischer Musik. Neben dem Schlagzeug gibts einen Keyboarder mit Laptop, der auch den Bass macht, dazu asiatische Percussion und statt E-Gitarre einen Robop-Spieler, der auf seinem Instrument auch mit einem Bogen kratzen kann. Es geht gut ab, mir ist nach Auf-Die-Bühne-Springen und irrwischig tanzen zumute (einer macht das auch) und die Sängerin abknutschen. Sie, die Sevara Nazarkhan, ist wohl sehr bekannt in Usbekistan und tänzelt grazil im langen Kleid…. und streicht dem süßen Robop-Spieler durchs Haar - Neid!
Freund Nosim führt mich nachher hinter die Bühne, und ich darf Sevara die Hand schütteln und sagen, wie toll ihre Musik ist. Sie fragt, für welches Magazin ich in Deutschland schreibe. Nosim hat sogar nach einem Interview-Termin gefragt. Aber Pop-Stars haben keine Zeit, sie fliegt schon morgen zum nächsten Auftritt. Immerhin bin ich zum ersten Mal einer Berühmtheit persönlich begegnet. Ich verbuche den Verlust der 20 Dollar unter Kulturkosten, der Eintritt fürs Konzert war ja frei. Was sonst noch alles war:
Ab hier wird alles besser
Platz der Unabhängigkeit, früher stand Lenin hier
Carwash auf usbekisch: es gibt auch Waschstraßen in Tashkent, aber so ist es lustiger. Sie schöpfen das Wasser aus dem Kanal, der parallel zur Straße verläuft.
Natalie und ihre Schwester: sie meldete sich auf meine Anzeige, wollte mitfahren in die Mongolei. Aber nachdem sie den Bus gesehen hatte, und sich vorstellen konnte, wie sie darin mit mir leben müsste, habe ich nichts mehr von ihr gehört 25.5.06 Heute ist Poslednij Swonok: 'Tag der letzten Glocke', gemeint ist die Schulglocke. Die Absolventen der 11. Klasse verlassen die Schule und bereiten sich auf den Unizugang vor, sozusagen die Abi-Fete. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, die Mädchen mit Schmuck im Haar, überall Musik und Parties, die Straßen venebelt vom Grillqualm, in der Nacht sogar Feuerwerk. Ich war derweil in der Deutschen Botschaft, einen Film angucken. Mittendrin war Stromausfall, und weder der Vorführer noch uns gelang es, den DVD-Player an die richtige Stelle zu fahren. Strom- und Telefonnetz sei von Russen gebaut. Oft muss ich eine tashkenter Nummer so oft wählen, dass ich sie auswendig weiß, bevor die Verbindung zustande kommt. Manchmal ist ein Dritter in der Leitung, der immerzu "Allo" schreit. Die glatteste Straße Usbekistans sei die von Tashkent nach Almaliq, und die sei von Deutschen gebaut.
In der MB-Werkstatt Stephanie und Mathias + Hund Paula getroffen. Was die 3 in den letzten 12 Monaten erlebt haben, habe ich auf all meinen Reisen zusammen nicht erlebt. Z. B. waren sie in Afghanistan in einem Al-Kaida Camp, in der iranischen Wüste saßen sie im Salz fest und wurden als Spione verhaftet und verhört. Ihm half, dass er Muselmann geworden ist, das Glaubensbekenntnis klebt in arabischer Schrift hinter der Windschutzscheibe: ‚Es gibt nur einen Gott, und Mohamad ist sein letzter Prophet'. Ich sage, sie sollen alles aufschreiben, aber Mathias meint, dafür habe er kein Talent. In der Tat ist der weltläufige Draufgänger selten auch ein begnadeter Schriftsteller - umgekehrt auch nicht.
Mathias + Stepahnie unterwegs
Ich mit Abduwachid: Dieses schöne Bild gibts auf Wunsch auch in Ganzkörper- und Postergröße - vieleicht als Starschnitt verwendbar?
Was Gula einfällt, wenn ich sie versehentlich in der Wohnung einschließe: Betten machen
Mein Gemüsehändler, heißt so wie der Präsident: Islam
Mülltrennung: Sondermüll kommt vor die Tonne Veränderungen Ich bemerke wunderliche Veränderungen an mir: ich esse viel Obst und nehme am kulturellen Leben teil. Gestern eine Podiumsdiskussion: 'Zeitgeschichte als politische Aufklärung', mit wichtigen Leuten und jungem deutsch-usbekischem Publikum. Ich hätte betimmt auch irgendwas gesagt, aber ich bin früher weg, Mathias und Stephanie haben zuhause gekocht. Morgen besuche ich ein Rock-Konzert und Sonntag gehe ich ins Theater. Muss nachher mal drüber nachdenken, woran das liegt - sofern ich es nicht vergesse…. Der Broadway ist die tashkenter Innenstadtfußgängermeile und hat eigentlich einen anderen Namen, aber alle nennen die Straße so. Hier gibt es für wenig Geld Dienstleistungen, die anderswo schon ausgestorben sind, z. B. (1 Euro=1500 Sum):
Mors-Suv (Birnensaft) aus Tankanhänger trinken: 50 Sum
Schachmatt gesetzt werden: 300 Sum
Auf einer Kawasaki sitzen: 300 Sum
Gefoltert werden: 500 Sum
Von Kellnerin ins Cafe gezerrt werden, sie anschließend nach Hause einladen: 20 Dollar
Komische Kappe aufsetzen: umsonst
Modell sitzen und Zeichnung einer unbekannten Person mit nach Hause nehmen, S/W: 3000 Sum, Farbe: 6000 Sum
Auf einer jungen Stute reiten: 1000 Sum
Mit Kopf durch die Wand: 150 Sum
Von Zigeunerin die Zukunft in einer unbekannten Sprache sagen lassen: 2000 Sum
Im Preis für ein Essen inbegriffen
Mit Usbekin im bunten Atlas spazieren gehen: umsonst
Eine Runde ausgeben: 8000 Sum
Wiegen: 200 Sum |