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Reise 2006
Tashkent
8.5.06
Komme ausgerechnet zum ‚Den Probedy' = ‚Tag des Sieges' über die Deutschen und die Faschisten in Tashkent an. Sie sagen: "Hitler kaputt!" Diesem Ereignis widmet man hier gleich 2 Feiertage. Besuchen Abdus Großvater, ein Kriegsverteran. Ich habe die Ehre, ihm zum Sieg über ‚uns' zu gratulieren, was durchaus von Herzen kommt. Er heißt Aminjan Guzganov und ist ca. 83 Jahre alt, er weiß es nicht so genau. Seine Frau heißt Anar = Granatapfel.
Ich frage ihn, wie viele Deutsche er erschossen hat. Er sagt, er habe die Russen, die ihn zum Kriegsdienst gewzungen haben, nicht leiden können und immer daneben geschossen. Sein 77-jähriger Freund und Nachbar kommt vorbei, er hat einen GAZ-20 ‚Probeda' (Sieg), Bauj. 49, der somit mit mir gleichaltrig ist. Er wurde - wie der Name schon sagt - von den Russen anlässlich des Sieges gebaut.
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Gaz-20 Probeda, Bauj. 1949 mit Besitzer
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Fahren abends mit dem Sammeltaxi hinaus nach Quyluk = 'Viele Hammel', wo unser gemeinsamer Freund Nosim gerade einen Hausstand gegründet hat. Das Sammeltaxi ist ein russischer Kleinbus für etwa 10 Personen. Der Fahrer ruft den Leuten zu, sie dürfen nicht einsteigen, der Bus sei voll. Aber die Männer beachten ihn gar nicht und steigen alle ein. Derjenige, der neben dem Fahrer sitzt, muss kassieren. Man reicht die Scheine nach vorn durch.
Dann krost der Fahrer unter seinem Sitz und fördert einen dicken Bündel Scheine zutage, die der Beifahrer zählen muss: der Fahrer will tanken. Auf tashkenter Tankstellen arbeiten neuerdings hübsche, junge Frauen an den Zapfsäulen, was sehr gut ankommt bei den Fahrern.
Bei Nosim in Quyluk
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10.5.06
Heute Gastdozent in Nosims Deutschklasse in der ‚Fakultät für Deutsche Philologie'. Erzähle von meiner Reise und ersten Erlebnissen in Usbekistan. Zum Beispiel von dem Polizisten in der Metro, dem ich verdächtig vorkam, weil ich einen 5-Tage-Bart habe. Oder die beiden Polizisten auf dem Basar, die meine nicht vorhandene ‚Registrazi' sehen und mich sofort zum ‚OWiR' (Odtel Wis i Registrazi) schleppen wollten. Wie gewohnt verlange ich ihre Dienstausweise zu sehen, ich wolle mich beschweren, ich arbeite bei der deutschen Botschaft. Sie sagen, sie seien keine einfachen Polizisten, sondern Serganten, und die brauchen keine Ausweise und geben mir meinen Ausweis zurück.
Erzähle den jungen Leuten, wie ich in meinem Camper lebe. Führe ihnen z. B. ‚Lucido' vor, eine Lampe, die man sich hinters Ohr klemmen kann. Hole die Colani-Trockentoillette aus dem Bus: ein Klappstuhl mit einem Loch in der Sitzfläche, in das ich eine Plastiktüte aus dem Supermarkt hänge.
Ich sage, ich suche eine Mitfahrerin für die nächsten 2 Monate. Eine will es sich überlegen, eine andere sagt, sie fragt ihre Mutter. Zum Schluss steigt die Hälfte in den Bus, und ich fahre sie nach Hause.
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Man sollte in Usbekistan immer eine Kamera dabei haben, für dieses Ereignis gibt es nun kein Beweisfoto: Ein LKW mit einer schweren Maschine auf der Pritsche startet bei Grün auf einer leicht ansteigenden Straße. Die Ladung rutscht nach hinten, durchbricht die hintere Klappe und drückt die Pritsche über die Hinterachse zu Boden. Der LKW steht mit den Vorderrädern in der Luft wie ein scheuender Hengst auf zwei Beinen. Öl fließt aus der Maschine auf die Straße. Ein Kranwagen wird gerufen, der die Maschine zurück auf die Pritsche hebt. Der LKW-Fahrer setzt die Fahrt mit kaputter Heckklappe fort, ohne die Ladung zu sichern. An der nächsten Ampel könnte ihm das gleiche nochmal passieren.
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Für die Weiterreise eine Anzeige in einer tashkenter Zeitung aufgegeben, erscheint am 18. Mai, Abdu meint, es ruft keine an, ich meine, das Telefon wird nicht mehr still stehen, Text:
‚Deutscher sucht Begleiterin für Reise durch Tajikistan. Alter egal, Voraussetzung: minimale Deutsch- oder Englischkenntnisse, Tel…'
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Bus aus der Mercedes-Werkstatt 'Silk Road Star' abgeholt, die Mechaniker spielen Backgammon. Stets das gleiche Bild, wohin ich auch komme: viele, meist mürrisch dreinblickende Arbeitskräfte für wenig Arbeit. Sie haben die Ursache für's Klappern im Fahrwerk gefunden: die Muttern der Federbriden hatten sich gelöst (!)
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2-Zimmer Wohnung am Rand der Innenstadt gemietet, wie üblich ein Plattenbau. Zum Treppenhaus gibt's eine Stahltüre, nach innen eine Holztüre, beide mit je 2 Schlössern gesichert. Das stamme aus der Zeit der Wende und Unabhängigkeit, da habe es viele Einbrüche gegeben.
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Meine Küche - ich in Schluffen
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Mein Wohnzimmer - ohne mich
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Dieses Biest hockt uber dem Fernseher
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In meinem Wohnzimmer kann ich tanzen, werde also bald meine vielen neuen Freunde zur Party einladen, z. B. die Studenten, mit denen ich heute in den Bergen war. Entgegen der Ankündigung klettern sie bei 32 Grad und mit Gepäck höllisch steile Hänge hinauf. Aber das ist nicht das einzige, wovon ich in Atemnot gerate. Unter den 7 jungen Leuten sind zwei Schönheiten, deren weibliche Merkmale sozusagen aus allen Nähten platzen. Eine trägt bunte Ringelsocken, angeklebte Dradlocks in gleichen Farben und eine ultrakurze Jeans, die ihre Fülle mit Hilfe von Sicherheitsnadeln zusammen hält. Bei einer Verschnaufpause stehen sie am anderen Bachufer wie auf einer Bühne, bespritzen sich mit Wasser und wackeln mit den Hüften.
Einer der männlichen Bergwanderer ist hellhäutig und blond. Er sagt, er sei Jude, sein Deutsch hat einen holländischen Akzent. Unter einem Baum, von dem aus man schon einen netten Blick ins Tal hat, verweigere ich den weiteren Anstieg. Ich sage, ich will hier auf sie warten. Aber sie bleiben alle bei mir. Einmal sitzen die beiden Hübschen dierekt neben mir, und es fällt mir schwer, etwas Normales mit ihnen zu reden. Die eine lacht mich auch noch dauernd an!
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19.5.06
Inzwischen gelernt: Ich bin ein 'Nemitz', komme aus 'Germania' und bin 'Taxist' von Beruf. Mein Bus ist eine 'Maschina' und muss nachts auf einem bewachten Parkplatz stehen, sonst fehlen ihr möglicherweise morgens die Räder. Meine Freundin heißt Gula (Blume), ist 'Ofitsant' (Kellnerin) und im Nebenberuf Hure und quasi bei mir eingezogen. Hin und wieder bringt sie eine Freundin, bzw. Kollegin mit, was sozusagen ihr drittes Standbein ist. Meine Wohnung in der 'Usman Usupov Ko'ch' ist eine 'Quatiera', und die Achterbahn im Park heißt: 'Amerikanski Gurki' (amerikanisches Gebirge), und meine Schuhe heißen 'Tuffli'. Ich habe russisches MTV (Rammstein scheint recht beliebt), ein Sender heißt 'Rambler' und sendet mit Vorliebe Polizeivideos, und es gibt einen Musikkanal mit usbekischem Hip Hop.
Gestern Anzeige erschienen: 'Suche Begleiterin... Deutsch- oder Englischkenntnisse erforderlich...' Es melden sich 2 Männer und 1 Frau, keiner kann Deutsch oder Englisch. Aber es ist eine Wochenzeitung, da kann noch was kommen.
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Manchmal möchte ich tot umfallen vor Scham - wie blöd ich immer bin: Nur weil der Geldwechsler beim letzten Mal korrekt war, zähle ich diesmal nicht nach, und er hat mich um 20 Dollar beschissen (für einen Hundertdollarschein muss man mind. 123 Sumscheine zählen).
Am selben Abend Einladung vom Goethe-Institut zum Konzert: Usbekische Popmusik. Es gibt nicht viel Musik, die mir noch gefällt, schon gar nicht usbekische Popmusik, wollte also gar nicht hingehen, kriege auch noch einen Platz in der ersten Reihe! Auf der Bühne steht ein Rock-Drum-Set, das wird laut werden, denke ich und schaue mich schonmal nach einem Fluchtweg um.
Aber dann bin ich echt schwer beeindruckt: eine tolle Synthese aus Rock und asiatischer Musik. Neben dem Schlagzeug gibts einen Keyboarder mit Laptop, der auch den Bass macht, dazu asiatische Percussion und statt E-Gitarre einen Robop-Spieler, der auf seinem Instrument auch mit einem Bogen kratzen kann. Es geht gut ab, ich möchte auf die Bühne springen, irrwischig tanzen und die Sängerin abknutschen. Sie heißt Sevara Nazarkhan, ist wohl berühmt in Usbekistan und tänzelt grazil im langen Kleid. Sie streicht dem süßen Robop-Spieler durchs Haar - Neid!
Freund Nosim führt mich nachher hinter die Bühne, und ich darf Sevara die Hand schütteln und sagen, wie toll ihre Musik ist. Sie fragt, für welches Magazin ich in Deutschland schreibe. Nosim hat sogar nach einem Interview-Termin gefragt. Aber Pop-Stars haben keine Zeit, sie fliegt schon morgen zum nächsten Auftritt. Immerhin bin ich zum ersten Mal einer Berühmtheit persönlich begegnet.
Ich verbuche den Verlust der 20 Dollar unter Kulturkosten, der Eintritt fürs Konzert war ja frei.
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Natalie und ihre Schwester: sie meldete sich auf meine Anzeige, wollte mitfahren in die Mongolei. Aber nachdem sie den Bus gesehen hatte, und sich vorstellen konnte, wie sie darin mit mir leben müsste, habe ich nichts mehr von ihr gehört
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Carwash auf usbekisch: es gibt auch Waschstraßen in Tashkent, aber so ist es lustiger. Sie schöpfen das Wasser aus dem Kanal, der parallel zur Straße verläuft.
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25.5.06
Heute ist Poslednij Swonok: 'Tag der letzten Glocke', gemeint ist die Schulglocke. Die Absolventen der 11. Klasse verlassen die Schule und bereiten sich auf den Unizugang vor, sozusagen die Abi-Fete. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, die Mädchen mit Schmuck im Haar, überall Musik und Parties, die Straßen venebelt vom Grillqualm, in der Nacht sogar Feuerwerk. Ich war derweil in der Deutschen Botschaft, einen Film angucken. Mittendrin war Stromausfall, und weder der Vorführer noch uns gelang es, den DVD-Player an die richtige Stelle zu fahren.
Ab hier wird alles besser
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In der MB-Werkstatt Stephanie und Mathias + Hund Paula getroffen. Was die 3 in den letzten 12 Monaten erlebt haben, habe ich auf all meinen Reisen zusammen nicht erlebt. Z. B. waren sie in Afghanistan in einem Al-Kaida Camp. In der iranischen Wüste saßen sie im Salz fest und wurden als Spione verhaftet und verhört. Ihm half, dass er Muselmann geworden ist, das Glaubensbekenntnis klebt in arabischer Schrift hinter der Windschutzscheibe: ‚Es gibt nur einen Gott, und Mohamad ist sein letzter Prophet'. Ich sage, sie sollen alles aufschreiben, aber Mathias meint, dafür habe er kein Talent. In der Tat ist der weltläufige Draufgänger selten auch ein begnadeter Schriftsteller - umgekehrt auch nicht. Und noch öfter sind die Menschen weder noch, wie man an mir sieht!
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Ich mit Abduwachid.
Ich bemerke wunderliche Veränderungen an mir: Ich esse viel Obst und nehme am kulturellen Leben teil. Gestern eine Podiumsdiskussion besucht: 'Zeitgeschichte als politische Aufklärung' mit wichtigen Leuten und jungem deutsch-usbekischem Publikum. Ich hätte betimmt auch irgendwas gesagt, aber ich bin früher weg, Mathias und Stephanie haben zuhause gekocht. Morgen besuche ich ein Rock-Konzert und Sonntag gehe ich ins Theater. Muss nachher mal drüber nachdenken, woran das liegt - sofern ich es nicht vergesse….
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'Broadway' nennen die Tashkenter ihre Innenstadtfußgängermeile. Hier gibt es für wenig Geld Dienstleistungen, die anderswo ausgestorben sind, zum Beispiel:
Wiegen: 200 Sum (1 Euro=1500 Sum)
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Schachmatt gesetzt werden: 300 Sum
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Auf einer Kawasaki sitzen dürfen: 300 Sum
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Von Kellnerin ins Cafe gezerrt werden, sie anschließend nach Hause einladen: 20 Dollar
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Modell sitzen und Zeichnung einer unbekannten Person mit nach Hause nehmen, S/W: 3000 Sum, Farbe: 6000 Sum
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Auf einer jungen Stute reiten: 1000 Sum
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Komische Kappe aufsetzen: umsonst
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Mit Kopf durch die Wand: 150 Sum
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Im Preis für ein Essen inbegriffen
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Von Zigeunerin die Zukunft in einer unbekannten Sprache sagen lassen: 2000 Sum
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Mit Usbekin im bunten Atlas spazieren gehen: umsonst
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Eine Runde ausgeben: 8000 Sum
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Noch mehr gelernt: Für ‚Wie gehts?' kann man einfach ‚Kak' sagen, das heißt ‚Wie?', aber reicht für die Begrüßung. Ich kanns mir gut merken, sage es bei jeder sich bietenden Gelegenheit und grinse dabei freundlich.
Guten Tag heißt ‚Drastwuieze', ein sehr schweres Wort für so eine alltägliche Sache, die Kurzform heist: ‚Drastche'.
Das hiesige ‚Hojat Qog'azi' (Klopapier) ist lustig: Wenn man die Rolle zu 2/3 verbraucht hat, wickelt sich der Rest von selbst ab und dekoriert als wirres Knäuel den Badezimmerboden. Bei der ersten dachte ich, sie sei ein Einzelfall, aber sie tun es alle.
Plastiktüte heißt: ‚Paket'.
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Starke Schmerzen im linken Knie vom Rumhopsen auf meiner Party am Vortag. Gekocht haben die Gäste, alle unter 25. Nicht leicht, ihren Musikgeschmack zu treffen, ich ließ ausschließlich eigene Mixtapes laufen. Dachte, der Gitarrist der Metal-Band ‚Crimson Sky' könnte sich für meine Musik erwärmen, aber er wollte lieber Popsongs zum Tanzen. Leider gab es einen enormen Männerüberschuss: 8:2; kann sein, ich habe mich bei den anderen hübschen Damen irgendwie daneben benommen (?)
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Metal-Band ‚Crimson Sky' mit taletiertem Gitarristen, der ansonsten Bach und Beethoven hört
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Kürzlich...
….einen 'Mels' kennen gelernt, ein männlicher Vorname, der heute nicht mehr vergeben wird. Er setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben von: Marx, Engels, Lenin und Stalin.
….wollte ich in der Bank 100 Dollar wechseln, aber sie hatten kein Geld. Das liege daran, sagt Abdu, dass die Banken täglich nur 1 Millionen Sum kriegen, ich muss also demnächst morgens hingehen.
..mit Anna, Dennis und Hartmut im Cafe ‚Nafrus' (Sylvester) gewesen. Hartmut ist genauso alt wie ich und von Fulda aus über Ukraine und Kasachstan auf seinem 125er-Roller eingereist. Gab also viel zu erzählen, und wir haben uns unsere Fotos gezeigt.
Habe mal versucht, mit Thema Sex und Prostitution in Usbekistan anzufangen, kam aber bei Hartmut nicht gut an. Er sagte dann, die usbekischen Zwiebeln seien viel milder als die deutschen. Das sei, sagte ich, allerdings ein interessanteres Thema. Auch in Reiseberichten wird das Thema Prostitution gemieden. Hoechste Zeit also, damit anzufangen!
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Kasachische Hochzeit: Am Vortag noch mit der Stretchlimousine durch die Innenstadt gerauscht, jetzt auf einem Acker in Quyluk: Die Braut macht kein glückliches Gesicht, schleppt ihr langes, weißes Kleid durch den Staub. Oder gehört es zum Brauch, dass sie den Blick beschämt zu Boden richtet? Die Glitzerwand im Hintergrund nennt man den ‚elektrischen Stuhl'. Ich frage den Bräutigam, wo er seine Nargisa her hat, es sei bei Kasachen doch Brauch, die Braut von der Straße zu klauen. Aber Nosim übersetzt wohl etwas anderes.
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Wir befinden uns innerhalb eines offenen, rostigen Stahlgerüstes, aus dem man - mit Planen verkleidet - ein Bierzelt machen könnte. Unseres ist zum Himmel hin offen, und an den Seiten nur notdürftig mit Tüchern nach außen abgeschirmt. An einer Seite sind keine Tücher gespannt, dort haben sich die Leute von der ‚Insel', wie man diesen Bezirk nennt, versammelt, uns zuzuschauen. Unter ihnen viele junge, hübsche Frauen, während die Hochzeitsgesellschaft hautpsächlich aus älteren, ländlichen Frauen mit Kopftüchern besteht. Nur die Trauzeugin ist klasse.
Ich kriege einen Stuhl mit dem Rücken zum Tuch, was - wie ich dachte - ein Ehrenplatz sein könnte, aber hier wird man ständig von außen von Kindern in den Rücken gepiekst. Als nächstes erwarte ich das lange Messer. Ein kleiner Junge hebt unten das Tuch hoch, schaut listig wie ein Tier zu uns hinauf und schnappt sich die Limo-Flasche vom Tisch. Ich lege ein Stück Kuchen auf die gleiche Stelle, wo gerade noch die Flasche stand, aber der Junge kommt nicht zurück.
Die Gäste sind nicht zufrieden, es gibt kein Plov, zu wenig Wodka, es ist zu kalt und tanzen kann man auch nicht so richtig auf dem unebenen Ackerboden. Auch wir verlassen die Feier vorzeitig, man sagt, kasachische Hochzeiten enden mit Prügeleien zwischen den beiden Familien.
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8.6.06
Party im Garten der Deutschen Botschaft Spiel Deutschland / Costa Rica auf großer Leinwand gesehen. Botschafter kennen gelernt und Militärattache Hirsch um einen Besuch der Militärbasis in Termez gebeten. Heute stellt sich raus, Herr Hirsch war gar nicht auf der Party, sondern längst auf Urlaub in der Heimat.
Bis heute war das usbekische Wetter gnädig mit mir und blieb relativ kühl, es gab sogar 2x Regen (!). Wenn ich jetzt aus dem Schatten der Bäume trete, habe ich das Gefühl, geröstet zu werden und in Ohnmacht zu fallen. Zuhause beneide ich Rama (gibts hier!), Tog Tvorogi (Quark) und Baltika-Bier, die im Kühlschrank wohnen dürfen.
Junge Frau mit Tochter setzt sich in Buslinie 21 mir gegenüber. Ihr kurzer, roter Rock hat rechteckige Ausschnitte, wie die Zinnen einer Ritterburg. Eine Zinne kommt über ihrem Schoß zu liegen, was mir einen geblühmten Slip offenbart. Sie zerrt an ihrem Rock, aber er wird nicht länger; schließlich legt sie ihre Tochter, die inzwischen eingeschlafen ist, über ihre schönen Beine. Ich hätte mich gern bedankt für das Hochgefühl, das mir mein Körper in ihrer Gegenwart bereitet hat, aber ich kann ja kein Russisch.
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9.6.06
Quyluk-Basar, der schönste in Tashkent.
Heute dort eingekauft und mit Freunden zum Tuyabuguz-Stausee gefahren, auch ‚Tashkenter Meer' genannt. In einem Dorf überfahre ich ein Küken. Wir geben der Bäuerin 2000 Sum. Sie sagt, noch nie hätte ein Tourist dafür bezahlt. Abdu sagt, der Fahrer sei Deutscher, und Deutsche machen sowas. Da hab ich ausnahmsweise mal einen guten Eindruck hinterlassen.
Ein Stück weiter sehen wir einen Lada, der in einen Bach gestürzt ist. Der Fahrer hat die Brücke knapp verfehlt und das Auto fast senkrecht in der Uferböschung versenkt. Vermutlich weigert er sich - wie so viele Usbeken - eine Brille zu tragen. Vielleicht hat er auch zu viel Wodka getrunken. Sie versuchen, das Auto mit Muskelkraft aus dem Bach hochzudrücken. Geht nicht.
Sie fragen mich nach einem Seil. Ich hole die Kamera und sage grinsend, ich will erstmal Fotos machen. Sie schreien: "Scheißausländer" und zu Abdu: "Scheißübersetzer". Da hab ich also den guten Eindruck gleich wieder wettgemacht.
Unsere Freunde finden ein dünnes, kurzes Seil in ihrem Jigguli, was meiner Einschätzung nach sofort reißen wird. Der Scheißausländer und sein Scheißübersetzer beobachten die Aktion aus sicherer Distanz. Entgegen meiner Einschätzung hält das Seil, und sie schaffen es.
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Usbekisches Camping: Fleisch und Gemüse im Kasan (Wok) auf einem Otschok (eiserner Ofen) über Holzfeuer gedünstet. Ich habe eine große Flasche leckeren Rotwein vom Hinterhofwinzer dabei. Die anderen trinken lieber Wodka. Alles bestens. Dann aber weht die ganze Vollmondnacht lang vom Nachbarn ‚Enigma' über den Platz, dieselbe Scheibe immer wieder von vorn und voll aufgedreht. Besser als usbekische Volksmusik und schlechter als die Stille, die zwischen 2 Titeln so köstlich ist, wie ein Tropfen Wasser für einen Verdurstenden.
Am folgenden Sonntag wird der Platz proppenvoll. 3 verschiedene Musiken aus 3 Richtungen.
Ich frage Abduwachid über die Wendezeit aus und halte ihm dafür einen Vortrag über die Liebe - davon verstehe ich nämlich was.
Abends zuerst Nosim und seine Prinzessin in Quyluk abgesetzt, dann Zigeunerin ohne Fremdsprache in meine Wohnung mitgenommen. Abdu übersetzt auf dem Weg nach Karasu, was ich mit ihr machen möchte. Danach ist Stille.
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23.6.06
Vortrag gehalten in der ‚Fakultät für deutsche Philologie'. Mein selbstgewähltes Thema: ‚Liebe und Sex'. In der Ankündigung stand: ‚Über Liebe und Freundschaft', da man befürchtete, der Dekan könne sonst die Veranstaltung verbieten. Leider war gleichzeitig letzter Unterrichtstag, viele Studenten bereits in den Ferien, es kamen also weniger als erwartet, immerhin etwa 20. Hatte mich diesmal vorbereitet und konnte mehr erzählen, als die Zeit erlaubte (1 ½ Stunden). Ich finde, ich habe den jungen Leuten wertvolle Anregungen gegeben, sofern sie mich richtig verstanden haben.
Ein Tag später bekomme ich Gegelgenheit, eine praktische Seite usbekischen Sexuallebens kennen zu lernen. Der Freund eines Freundes kennt einen, der einen Zuhälter kennt. Fahre also mit 4 sonnenbebrillten und gut gelaunten Typen im klappernden und jaulenden Lada Jigguli duch tashkenter Außenbezirke. Ich schaue in Häuser und Wohnungen, von deren Existenz ich bisher nur aus Romanen wusste.
Meist werden wir von einer älteren Usbekin im ‚Atlas' empfangen (traditionelle Kleidung). Von einer werden wir abgewiesen, hier sei vor kurzem ein Mord geschehen; wer wen ermordet hat, kriege ich nicht raus. Die Mädchen, die mir vorgeführt werden, schauen mich misstrauisch und feindselig an. Einmal stehe ich in einem winzigen, leeren Vorraum mit 5 Stahltüren, aus denen nach einem Klopfzeichen jeweils ein Mädchen heraus schaut. Mir kommt's vor, als hätten mindestens 2 ihren Job mal eben unterbrochen. Bei einer anderen Adresse schaue ich in eine Küche, in der es wimmelt von Frauen, Kindern und Kunden. Einer huscht vor mir mit vorgehaltenem Handtuch ins Bad. Wie man in solch einer Umgebung Lust empfinden kann, ist mir schleierhaft. Meine Führer fahren mich nach Hause und bekommen 5000 Sum für eine ‚Taxifahrt'.
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Hund gegessen beim Koreaner. Dafür mit bunter 9er Gruppe in 3 Taxis in ein koreanisches Dorf ausserhalb Tashkents gefahren: 1 Kanadier, 1 Ami, 2 Deutsche, 1 Schweizerin, 2 Russen, 2 Usbeken. Das Sprachgewirr ist entsprechend.
Im Dorf sagen sie, es gibt kein Sprit und kein Gas, Cafes können nichts kochen. Eines sieht von weitem richtig idyllisch aus: langer, gerader Fußweg durch einen grünen Garten, der in einer breiten Terrasse vorm Hauptgebäude endet. Als wir dort lang gehen, wehen uns üble Gerüche nach Stall und WC um die Nasen, die bis zu den Cafetischen reichen.
Wir finden ein anderes, rücken Plastiktische zusammen, und es gibt tatsächlich Hund zu essen. Wir werden aber nicht - wie man mir prophezeite - in den Hinterhof geführt, um einen der dort angeleinten auszusuchen. Die Teller kommen sogar überraschend schnell, anscheinend haben sie eine Mikrowelle. Phil will Namen und Rasse seines Dinners wissen. Das Fleisch hat keinen besonderen Geschmack, sieht aus wie Rindergulasch und ist vor allem zäh. Demnach war er ein ‚freilaufender' (in Afrika nennen sie zähes Hühnchenfleisch 'Poulet Sportiv: sportliches Hühnchen).
Zweimal bleibt der Strom weg, das nervende TV gibt Ruhe, aber ich kann nicht mehr sehen, was ich mir in den Mund schiebe. Die koreanischen Kinder spielen derweil mit einem jungen, schwarzen Hund, der aber - wir haben nachgefragt - das Haustier bleiben soll.
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Koreanische Geburtstagsfeier
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Dieser Turm steht im Zentrum der Stadt, und drinnen hängt eine deutsche Glocke, die nach dem Krieg hierher kam, und die noch immer jede Stunde verlässlich bimmelt.
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30.6.06
Da mein Visum für Usbekistan am 1.7. abläuft, haben Abdu und ich kurzentschlossen Visa für Kirgisien besorgt (am selben Tag!) und wollen dort für 2-3 Wochen dem tashkenter Sauna-Wetter entkommen. In Kirgistan soll's kühl-und regnerisch sein.
Unterwegs zur kirgisischen Grenze sehen wir Frauen am Straßenrand, die mit Fladenbrot winken, wir wollten sowieso eins kaufen und halten an. Sie kommen angerannt, reichen je zwei Brote links und rechts durch die geöffneten Fenster, lachen und schreien, wir sollen sie alle kaufen. Dann öffnen sie die Beifahrertüre und schmeißen die Brote einfach ins Auto. Sie liegen auf unserem Schoß und auf dem Boden, nun müssten wir sie kaufen, sagen sie...
Und nette Ortsnamen gesehen:
Kotor ma = ‚Heb nicht hoch'
Toga Doppi = ‚Doppe des Onkels' (Doppe=männliche Kopfbedeckung)
Tanga Topdi = ‚Hab die Münze gefunden'
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In Andijan: Fragen uns durch zum Schauplatz des Massakers vom Frühjahr 2004. Ein junger Mann erzählt uns, was damals geschah. Es waren regelrechte Kämpfe zwischen Militär und Bürgern. Ein Gebäude brannte; ein anderes, in dem Polizisten und Soldaten als Geiseln gehalten wurden, wird gerade umgebaut. Auch er weiß nicht genau, wieviele Tote es gab, er vermutet über 1000.
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Schaffen es bis zum Grenzort in einem Tag, finden einen Schlafplatz auf einem Hinterhof, unmittelbar an der Grenze. Es stellt sich raus, dass dieser Hof von Schmugglern benutzt wird. Zunächst sehen wir nur Pferdekarren hin und her fahren. Nachts ab 3 Uhr ist draußen mehr Betrieb als tagsüber auf der Hauptstraße. Am Morgen ist auf dem Platz nebenan großer Schmugglermarkt.
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