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Reisetagebuch 2006 / Tashkent, Teil 2




Noch mehr gelernt:

Für ‚Wie gehts?' kann man einfach ‚Kak' sagen, das heißt ‚Wie?', aber reicht für die Begrüßung. Ich kanns mir gut merken, sage es bei jeder sich bietenden Gelegenheit und grinse dabei freundlich.

Der usbekische Präsident Islam Karimov soll offiziell 500 Tausend Sum verdienen, das sind 333,33 Periode Euro, davon kann ich weder hier noch sonstwo leben.

Guten Tag heißt ‚Drastuwieze', ein sehr schweres Wort für so eine alltägliche Sache, die Kurzform heist: ‚Drastche'.

Das hiesige ‚Hojat Qog'azi' (Klopapier) ist lustig: Wenn man die Rolle zu 2/3 verbraucht hat, wickelt sich der Rest von selbst ab und dekoriert als wirres Knäuel den Badezimmerboden. Bei der ersten dachte ich, sie sei ein Einzelfall, aber sie tun es alle.

Plastiktüte heißt: ‚Paket'.

Nosim sagt immer wieder ‚Sie' zu mir, ich muss ihn ständig ermahnen, mich zu duzen. Grund: Usbeken sagen zu fast allen Leuten ‚Sie', sogar Kinder zu ihren Eltern, und ich bin halt ungefähr so alt wie sein Vater.



Die Party


Starke Schmerzen im linken Knie vom Rumhopsen auf meiner Party am Vortag. Gekocht haben die Gäste, alle unter 25. Nicht leicht, ihren Musikgeschmack zu treffen, ich ließ ausschließlich eigene Mixtapes laufen. Dachte, der Gitarrist der Metal-Band ‚Crimson Sky' könnte sich für meine Musik erwärmen, aber er wollte lieber Popsongs zum Tanzen. Leider gab es einen enormen Männerüberschuss: 8:2; kann sein, ich habe mich bei den anderen hübschen Damen irgendwie daneben benommen (?)





Metal-Band ‚Crimson Sky' mit taletiertem Gitarristen, der ansonsten Bach und Beethoven hört



Kürzlich...

….einen 'Mels' kennen gelernt, ein männlicher Vorname, der heute nicht mehr vergeben wird, er setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben von: Marx, Engels, Lenin und Stalin.

….wollte ich in der Bank 100 Dollar wechseln, aber sie hatten kein Geld. Das liege daran, sagte Abdu, dass die Banken täglich nur 1 Millionen Sum kriegen, ich muss also demnächst morgens hingehen.

..mit Anna, Dennis und Hartmut im ‚Nafrus' (Sylvester) Restaurant gewesen. Hartmut ist genauso alt wie ich und von Fulda aus über Ukraine und Kasachstan auf seinem 125er-Roller eingereist. Gab also viel zu erzählen, und wir haben uns unsere Fotos gezeigt.

Die ersten beiden Stunden konnten wir uns nur schreiend unterhalten, da im Restaurant einer mit einer Flex zugange war. Hartrmut ging einmal hin, um den Mann zur Aufgabe zu überreden, natürlich vergebens. Den Usbeken machte der Lärm nichts aus, das Restaurant war voll, keiner beschwerte sich. Die Wodkaflasche brachten sie von zuhause mit, die Kellnerin brachte die passenden Gläser dazu. Ein düster blickender junger Mann mit schwarzen Flecken auf Haut und Kleidung schleppte hin und wieder 2 Eimer mit brennenden Kohlestücken durch die Tischreihen. Grillqualm wehte über unseren Tisch.

Das Restaurant ist bekannt für besonders gutes Shashlik in allen Fleischsorten, einschließlich Stierhoden. Ich nahm trotzdem lieber 'Kuksi', eine kalte Nudelsuppe mit dunklen Fleischstreifen. Noch besser ist 'Akroschka', auch eine kalte Suppe aus verdünnter Sauermilch mit kleingeschnittenen Kartoffeln, Gurken, Wurst und Dill. Das Bier kommt zwar aus dem Zapfhahn, aber ich glaube, es schmeckt nicht annähernd so gut, wie das mit der ‚Reinheitsgaranatie', oder wie war das nochmal?

Habe mal versucht, mit Thema Sex und Prostitution in Usbekistan anzufangen, kam aber nicht gut an. Hartmut meinte dann, die usbekischen Zwiebeln seien viel milder als die deutschen. Das sei, sagte ich, allerdings ein interessanteres Thema. Auch in Reiseberichten ist, so viel ich weiß, eher selten die Rede davon. Hoechste Zeit also, damit anzufangen!



Kasachische Hochzeit






Am Vortag noch mit der Stretchlimousine durch die Innenstadt gerauscht, jetzt auf einem Acker in Quyluk: Die Braut macht kein glückliches Gesicht, schleppt ihr langes, weißes Kleid durch den Staub. Oder gehört es zum Brauch, dass sie den Blick beschämt zu Boden richtet? Die Glitzerwand im Hintergrund nennt man den ‚elektrischen Stuhl'. Ich frage den Bräutigam, wo er seine Nargisa her hat, es sei bei Kasachen doch Brauch, die Braut von der Straße zu klauen. Aber Nosim übersetzt wohl etwas anderes.



Wir befinden uns innerhalb eines offenen, rostigen Stahlgerüstes, aus dem man - mit Planen verkleidet - ein Bierzelt machen könnte. Unseres ist zum Himmel hin offen, und an den Seiten nur notdürftig mit Tüchern nach außen abgeschirmt. An einer Seite sind keine Tücher gespannt, dort haben sich die Leute von der ‚Insel', wie man diesen Bezirk nennt, versammelt, uns zuzuschauen. Unter ihnen viele junge, hübsche Frauen, während die Hochzeitsgesellschaft hautpsächlich aus älteren, ländlichen Frauen mit Kopftüchern besteht. Nur die Trauzeugin ist klasse.

Ich kriege einen Stuhl mit dem Rücken zum Tuch, was - wie ich dachte - ein Ehrenplatz sein könnte, aber hier wird man ständig von außen von Kindern in den Rücken gepiekst. Als nächstes erwarte ich das lange Messer. Ein kleiner Junge hebt unten das Tuch hoch, schaut listig wie ein Tier zu uns hinauf und schnappt sich die Limo-Flasche vom Tisch. Ich lege ein Stück Kuchen auf die gleiche Stelle, wo gerade noch die Flasche stand, aber der Junge kommt nicht zurück.

Die Gäste sind nicht zufrieden, es gibt kein Plov, zu wenig Wodka, es ist zu kalt und tanzen kann man auch nicht so richtig auf dem unebenen Ackerboden. Auch wir verlassen die Feier vorzeitig, man sagt, kasachische Hochzeiten enden mit Prügeleien zwischen den beiden Familien.



9.6.06

Gestern Party im Garten der Deutschen Botschaft Spiel Deutschland / Costa Rica auf großer Leinwand gesehen. Botschafter kennen gelernt und Militärattache Hirsch um einen Besuch der Militärbasis in Termez gebeten. Heute stellt sich raus, Herr Hirsch war gar nicht auf der Party, sondern längst auf Urlaub in der Heimat.

Bis heute war das usbekische Wetter gnädig mit mir und blieb relativ kühl, es gab sogar 2x Regen (!). Wenn ich jetzt aus dem Schatten der Bäume trete, habe ich das Gefühl, geröstet zu werden und in Ohnmacht zu fallen. Zuhause beneide ich Rama (gibts hier!), Tog Tvorogi (Quark) und Baltika-Bier, die im Kühlschrank wohnen dürfen.




Wer eine der 8-spurigen Innenstadtstraßen Tashkents überqueren will, muss fit sein und gegebenenfalls um sein Leben rennen können; dabei immer die heranrasende Meute aus Daewoos, Ladas und Wolgas fest im Blick behalten, machmal kommts mir vor, als halte einer genau auf mich zu und wolle mich aufspießen. Ob man bei Grün oder Rot geht, ist egal, erstens kann auch einer bei Grün kommen (einige Fahrer scheinen eine Sondergenehmigung für Fahren bei Rot zu haben), und zweitens schafft man es mit Grün sowieso nicht bis zur anderen Seite. Außerdem gehen auch Polizisten bei Rot über die Straße.



Frauen

Meine Telefonterrorfreundin, wegen der ich nachts den Hörer neben den Apparat lege, und die mal ‚I love you' zu mir sagte, hat sich mir inzwischen vorgestellt: sie heiße ‚Angela', sagte sie, im Hintergrund soufliert von einer älteren Stimme, und wollte sich mit mir vorm ‚Dinamo-Magazin' treffen (Sportgeschäft, wo ich wohne). Natürlich kam sie nicht. Beim nächsten Anruf ist ihre Schwester dran, sie heiße Machsuda und sei 15, Angela 10, und sie möchte, dass ich ihr Englisch-Unterricht gebe. "No problem", sage ich, sie soll vorbei kommen, aber dann kommt die Mutter nach Hause. Seither kein Anruf.

Eine Zigeunerin betet für mich in einem Straßencafe. Sie hält meine Hand und murmelt etwas hinein. Ich lasse mich fallen und habe ein schönes, warmes Gefühl im Bauch. Danach sagt sie, nun werde ich nie mehr Pech im Leben haben, und meine Liebe wird zu mir zurück kommen. Und das alles für nur 5000 Sum! (ca. 3 Euro)

Junge Frau mit Tochter setzt sich in Buslinie 21 mir gegenüber. Ihr kurzer, roter Rock hat rechteckige Ausschnitte, wie die Zinnen einer Ritterburg. Eine Zinne kommt über ihrem Schoß zu liegen, was mir einen geblühmten Slip offenbart. Sie zerrt an ihrem Rock, aber er wird nicht länger; schließlich legt sie ihre Tochter, die inzwischen eingeschlafen ist, über ihre schönen Beine. Ich hätte mich gern bedankt für das Hochgefühl, das mir mein Körper in ihrer Gegenwart bereitet hat, aber ich kann ja kein Russisch.



Alles wahr

Gestern im Haus des deutschen Botschafters im Kreis seiner Freunde gesessen. Er erzählte von seiner Reise mit einem Daewwo-Nexia mit usbekischem Kennzeichen nach Magdeburg und zurück nach Tashkent. Da ich außer ihm der einzige Deutsche war, sprach er Russisch, Abdu übersetzte simultan. Die Turkmenen wollten ihn wegen einer Lapalie nicht ins Land lassen. An den ersten turkmenischen Polizeiposten hielt er an, später fuhr er immer durch. Die hätten weder Waffen noch Fahrzeuge, nichtmal Telefon, nur ein Funkgerät, das wahrscheinlich nicht funktionierte. Guter Tipp, werde ich auch machen beim nächsten Mal.

Interessante Leute kennen gelernt, einer sucht für Deutschland einen Repräsentanten für seine Reiseagentur. Wenn ihr also nach Usbekistan reisen wollt, könnt ihr ab jetzt bei mir buchen {Emotic(grin)} Den Maler werde ich Donnerstag in seinem Atelier besuchen. Einer sagte beim Abschied zu mir: "I love you". Mich kann man eben überall hin mitnehmen, habe sogar beim Essen nicht geschlabbert, den Teller in die Hand genommen, ist dann nicht so weit.

Eigentlich wollte ich den Botschafter fragen, ob wir die Base in Termez besuchen können. Ist dann irgendwie untergangen. Beweisfoto habe ich auch wieder nicht gemacht. Ist aber alles wahr, was ich hier so schreibe!



Quyluk-Basar, der schönste in Tashkent:


















Kommentar: Astrid (16.6.06 16:19):
Was um Himmels Willen ist das in dem Eimer? Das kann oder muss man doch wohl nicht essen? Viele Grüße Astrid

(19.6.06 07:36):
kalte Suppe aus verdünnter Sauermilch, heisst Godsha, drinnen sind ganze Stücke Peperoni, Paprika, Kartoffeln, Getreide und oben drauf kommen Kräuter. Die gleiche Suppe, nur mit kleingeschnittenen Zutaten plus Fleischstücken, heisst Akroschka, die esse ich fast jeden Tag. Wenn sie serviert wird, und ich guck sie an, denke ich, ich muss kotzen, aber nach dem ersten Schluck ists ok, schmeckt besser, als das meiste sonst, probiert das mal!



Scheißausländer


Im Quyluk-Basar eingekauft und mit zweitem Fähnlein im Lada zum Tuyabuguz-Stausee, auch ‚Tashkenter Meer' genannt, gefahren. Kurz vorm See einem abgestürzten Lada begegnet. Der Fahrer hat die Brücke verfehlt. Vermutlich weigert er sich - wie so viele Usbeken - eine Brille zu tragen (nur alte Frauen sieht man mit Brille). Sie versuchen, das fast senkrecht versenkte Auto mit Muskelkraft aus dem Bach die Böschung hochzudrücken. Geht nicht.

Sie fragen mich nach einem Seil, ich will erst ein Foto (grinsend, kann mich gerade noch bremsen ‚Kak?' zu sagen), sie schreien: "Scheißausländer" und "Scheißübersetzer". Unser 2. Fähnlein hat ein dünnes, kurzes Seil, was meiner Einschätzung nach sofort reißen wird. Der Scheißausländer und sein Scheißübersetzer beobachten die Aktion aus sicherer Distanz. Entgegen meiner Einschätzung hält das Seil, und sie schaffen es.



Camping


Auf dem Campingplatz Gemüsetopf im Kasan (Wok) auf einem Otschok (eiserner Ofen) über Holzfeuer gedünstet. Ich habe eine große Flasche leckeren Rotwein vom Hinterhofwinzer dabei. Die anderen trinken lieber Wodka. Alles bestens. Dann aber weht die ganze Vollmondnacht lang vom Nachbarn ‚Enigma' über den Platz, dieselbe Scheibe immer wieder von vorn und voll aufgedreht. Besser als usbekische Volksmusik und schlechter als die Stille, die zwischen 2 Titeln so köstlich ist, wie ein Tropfen Wasser für einen Verdurstenden.












Stille

Am folgenden Sonntag wird der Platz proppenvoll. 3 verschiedene Musiken aus 3 Richtungen. Ich frage Abduwachid über die Wendezeit aus und halte ihm dafür einen Vortrag über die Liebe - davon verstehe ich nämlich was. Abends zuerst Nosim und seine Prinzessin in Quyluk (Viele Hammel) abgesetzt und Zigeunerin ohne Fremdsprache mitgenommen. Abdu übersetzt auf dem Weg nach Karasuv (Schwarzes Wasser), was ich mit ihr machen möchte. Danach ist Stille.



Dies & Das

Kürzlich war mein bewachter Parkplatz von anderen Autos besetzt. Der Wächter sagte, ich solle auf dem Gehweg parken und ihm die Schlüssel dalassen, er wolle den Bus nachts auf den Platz fahren. Gut. Am nächsten Morgen stand der Bus immer noch auf dem Gehweg, der Wächter hatte nichtmal die Fahrertüre aufgekriegt - wie wäre er wohl gefahren?

Er machte dann wilde Gesten und malte Zahlen auf Autoblech. Er wollte mehr Geld, aber wieviel und warum? Man fand einen Übersetzer: Der Wächter wollte rückwirkend statt der vereinbarten 600 Sum für 24 Std. nun 300 pro Stunde. Das wäre eine Erhöhung von 1100%. Ich sagte, ich sei einverstanden und bringe das Geld abends. Natürlich habe ich das Auto abends ein paar Meter weiter auf den nächsten bewachten Platz für 700 Sum / 24 Std. gestellt. Usbeken sagt man nach, sie seien dumm wie Schafe, was selbstverständlich ein Vorurteil ist und nicht stimmt.



Bewachter Parkplatz



Mein Parkwächter


Oft gesehene Geste usbekischer Männer: Schwanz gerade rücken und ausspucken.

Weil mir selten etwas echt gut schnmeckt, habe ich gut abgenommen: Morgens im Spiegel sehe ich zwar nicht aus wie 20, aber das Volumen des Bauches ist ähnlich (habe Vergleichsfoto). Leider tut jetzt der Hintern schon auf gepolsterten Bussitzen weh.

Im Avantgarde-Theater ‚Ilkhom' (Inspiration) gewesen, Stück hieß ‚Mashrab', eine Groteske über das Leben eines der ersten Sufisten. Scheinbar war er ein asiatischer Diogenes, ging nackt und blieb gegenüber der Obrigkeit ein unbequemer Heiliger, wofür er am Strick endete. Die heitere + häufige Darstellung von Nacktheit + Körperausscheidungen schien niemanden zu schocken. Die ausschließlich männlichen Darsteller spielten in einer Art Zirkus-Manege. Soweit war alles gut, hat mir gut gefallen, wäre da nicht der unbequeme Stuhl gewesen, auf dem ich 2 Stunden lang stöhnend herumrutschte.

Wieder kein Beweisfoto machen können: Auf dem baumbestandenen Gehweg einer der 8-spurigen Hauptstraßen stand eine lange 3er-Reihe junger Männer in beigefarbenen Uniformen mit goldenen Knöpfen und Teller-Schirm-Mützen. Der Aufpasser stand gerade abseits, als ich die Front abschritt und zackig salutierte.



23.6.06

Liebe und Sex



Vortrag gehalten in der ‚Fakultät für deutsche Philologie'. Mein selbstgewähltes Thema: ‚Liebe und Sex'. In der Ankündigung stand: ‚Über Liebe und Freundschaft', da man befürchtete, der Dekan könne sonst die Veranstaltung verbieten. Leider war gleichzeitig letzter Unterrichtstag, viele Studenten bereits in den Ferien, es kamen also weniger als erwartet, immerhin etwa 20. Hatte mich diesmal vorbereitet und konnte mehr erzählen, als die Zeit erlaubte (1 ½ Stunden). Ich finde, ich habe den jungen Leuten wertvolle Anregungen gegeben, sofern sie mich richtig verstanden haben.

Ein Tag später bekomme ich Gegelgenheit, eine praktische Seite usbekischen Sexuallebens kennen zu lernen. Der Freund eines Freundes kennt einen, der einen Zuhälter kennt: Prostitution ist in Usbekistan verboten. Fahre also mit 4 sonnenbebrillten und gut gelaunten Typen im klappernden und jaulenden Lada mit Sportlenkrad duch tashkenter Außenbezirke, gegen die mein Plattenbau tatsächlich freundlich aussieht. Ich schaue in Häuser und Wohnungen, von deren Existenz ich bisher nur aus Romanen wusste.

Meist werden wir von einer älteren Usbekin im ‚Atlas' empfangen (traditionelle Kleidung). Von einer werden wir abgewiesen, hier sei vor kurzem ein Mord geschehen; wer wen ermordet hat, kriege ich nicht raus. Die Mädchen, die mir vorgeführt werden, schauen mich misstrauisch und feindselig an. Einmal stehe ich in einem winzigen, leeren Vorraum mit 5 Stahltüren, aus denen nach einem Klopfzeichen jeweils ein Mädchen heraus kommt. Mir kommt's vor, als hätten mindestens 2 ihren Job mal eben unterbrochen. Bei einer anderen Adresse schaue ich in eine Küche, in der es wimmelt von Frauen, Kindern und Kunden. Einer huscht vor mir mit vorgehaltenem Handtuch ins Bad. Wie man in solch einer Umgebung Lust empfinden kann, ist mir schleierhaft. Meine Führer fahren mich nach Hause und bekommen 5000 Sum für eine ‚Taxifahrt'.



Hund

Gestern Hund gegessen beim Koreaner. Dafür mit bunter 9er Gruppe in 3 Taxis in ein koreanisches Dorf ausserhalb Tashkents gefahren: 1 Kanadier, 1 Ami, 2 Deutsche, 1 Schweizerin, 2 Russen, 2 Usbeken. Das Sprachgewirr war entsprechend. Im Dorf sagten sie, es gebe kein Sprit und kein Gas, Cafes könnten nichts kochen. Eines sah von weitem richtig idyllisch aus: langer, gerader Fußweg durch einen grünen Garten, der in einer breiten Terrasse vorm Hauptgebäude endete. Als wir dort lang gingen, wehten uns übelste Gerüche nach Stall und WC um die Nase, die bis zu den Cafetischen reichten.

Wir fanden ein anderes, rückten Plastiktische zusammen, und es gab tatsächlich Hund zu essen. Wir wurden aber nicht - wie man mir prophezeit hatte - in den Hinterhof geführt, um einen der dort angeleinten auszusuchen. Der Teller kam sogar überraschend schnell, scheinbar hatten sie eine Mikrowelle. Phil wollte Namen und Rasse seines Dinners wissen. Das Fleisch hatte keinen besonderen Geschmack, sah aus wie Rindergulasch und war vor allem zäh, demnach war er ein ‚freilaufender' gewesen (in Afrika nennen sie zähes Hühnchenfleisch 'Poulet Sportiv': sportliches Hühnchen).

Zweimal ging der Strom weg, das nervende TV gab Ruhe, aber ich konnte nicht sehen, was ich mir in den Mund schob. Die koreanischen Kinder spielten derweil mit einem jungen, schwarzen Hund, der aber - wir haben nachgefragt - das Haustier bleiben soll.












Koreanische Geburtstagsfeier


Da mein Visum für Usbekistan am 1.7. abläuft, haben wir kurzentschlossen Visa für Kirgisien besorgt (am selben Tag!) und wollen dort 2-3 Wochen schonmal Passfahren üben, es gibt mindestens einen 3000er. Außerdem können wir eine Weile dem tashkenter Sauna-Wetter entkommen, in Kirgisien soll's kühl-regnerisch sein. Wenn wir zurück sind, werden hoffentlich die Visa für Tajikistan fertig sein. Heute packen, morgen (Freitag) abfahren.



Dieser Turm steht im Zentrum der Stadt, und drinnen hängt eine deutsche Glocke, die nach dem Krieg hierher kam, und die noch immer jede Stunde verlässlich bimmelt.



Amir-Timur-Park, Zentrum der Stadt



30.6.06

Unterwegs....

...zur kirgisischen Grenze sehen wir Frauen am Straßenrand, die mit Fladenbrot winken, wir wollten sowieso eins kaufen und halten an, sie kommen angerannt, reichen je zwei Brote links und rechts durch die geöffneten Fenster, lachen und schreien, wir sollen sie alle kaufen. Dann öffnen sie die Beifahrertüre und schmeißen die Brote einfach ins Auto, sie liegen auf unserem Schoß und auf dem Boden, nun müssten wir sie kaufen, sagen sie...

...nette Ortsnamen gesehen:
Kotor ma = ‚Heb nicht hoch'
Toga Doppi = ‚Doppe des Onkels' (Doppe=männliche Kopfbedeckung)
Tanga Topdi = ‚Hab die Münze gefunden'



Andijan


Fragen uns durch zum Schauplatz des Massakers vom Frühjahr 2004. Ein junger Mann erzählt uns, was damals geschah. Es waren regelrechte Kämpfe zwischen Militär und Bürgern und zog sich durch mehrere Straßen, ein Gebäude brannte; ein anderes, in dem Polizisten und Soldaten als Geiseln gehalten wurden, wird gerade umgebaut. Auch er weiß nicht genau, wieviele Tote es gab, er vermutet über 1000.












Schmugglerbasar


Schaffen es bis zum Grenzort in einem Tag, finden einen Schlafplatz auf einem Hinterhof, unmittelbar an der Grenze. Es stellt sich raus, dass dieser Hof von Schmugglern benutzt wird. Zunächst sehen wir nur Pferdekarren hin und her fahren, nachts ab 3 Uhr ist draußen mehr Autoverkehr als tags auf der Hauptstraße. Am Morgen ist auf dem Platz nebenan großer Schmugglermarkt.


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