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Reisetagebuch Türkei 2006




22.3.06 - 5.4.06

Land und Leute

Land und Leute

Wer wie ich sich schon mal verfährt, frage in einem Ort, dessen Name auf ‚köy' (Dorf) endet, nach einem anderen Ort, wie z. B. Kücükdoganca (bei Kesan). Genug Anlass, den Verirrten zum Tee einzuladen und andere Männer herbeizurufen, von denen mindestens einer vor 20 Jahren mal in Dortmund gearbeitet hat (3.v.l.) Sein deutscher Sprachschatz entspricht etwa meinem türkischen. Das ist lustig, und ich kann dabei türkisches Fernsehen genießen.

In größeren Orten funktioniert das nicht mehr, keiner ruft wie früher "Hallo Mister" hinter mir her, Touristen sind völlig uninteressant geworden. Selbst in dem Dorf wurde ich zwar herzlich mit Wangenküssen verabschiedet, aber nicht ein Mal zum Bleiben aufgefordert, geschweige denn zum Essen eingeladen.

schöne Landschaft

schöne Landschaft
Ländliche Gegend zwischen Edirne und Kesan


Internet

Das Besondere am Reisen ist, dass alles anders ist, je weiter ich fahre. Aber warum jedes Land eine andere Tastatur haben muss, leuchtet mir nicht ein. Obendrein hat die türkische Sprache ein zweites ‚i' ohne Punkt oben, das ausgerechnet auf der Taste des normalen liegt. Wer das nicht weiß und ein ‚i' im Paßwort hat, kann sich beim Einloggen leicht dem Wahnsinn nähern. Auch ich haue immer wieder da drauf, und das sieht dann so aus: i (in emails erscheint jetzt sowas in dieser Art: <8#Y$=%>)
Dieses ‚i' ohne Punkt wird angeblich gar nicht gesprochen und gehört somit eigentlich zur Reihe ‚GfK' (Geheimnisse fremder Kulturen). Es steckt gleich drei Mal im Namen des größten türkischen Flusses, der nicht in ein anderes Land fließt: ‚Kizilirmak'. Von Türken gesprochen hört sich das sehr schön an, von mir weniger.


Essen und Trinken

Den typischen Döner-Spieß heimischer Fressbuden sieht man hier selten. In türkischen Restaurants köcheln die Speisen fertig zubereitet in großen Schalen auf Esstemperatur in der Glasvitrine, was sehr praktisch ist für sprachunkundige Touris. Der Kellner trägt das mit dem Finger ausgewählte Menü gleich hinter mir her zum Tisch. Speisekarten gibts nur in Touristenorten wie Antalya oder Cesme.

Wasser für den Wohnmobiltank bunkert man am besten an Wasserstellen am Fuß bewaldeter Hügel. Es ist besser als das Leitungswasser.


Schlafen

Lärm und Gestank
Übernachten im Wohnmobil auf Tankstellen ist gratis und sozusagen bewacht, da die meisten 24 Stunden geöffnet sind. Liegt sie wie diese in Kesan am Abzweig Istanbul / Izmir, wird einem obendrein voll das Leben geboten: die ganze Nacht Lärm und Gestank. Gestern stand ein Womo-Paar aus Stuttgart neben mir. Ihr Auto war in Österreich ausgeraubt worden, während sie im Alkhoven schliefen. Der Versuch, mit P-Ausweisen durch Mazedonien bzw. Bulgarien zu kommen, scheiterte. Sie mussten zurück nach Belgrad zur deutschen Botschaft. Auf dem Weg löste sich das rechte Hinterrad, wodurch die Bremsen versagten. Wir haben nicht verabredet, die nächste Etappe gemeinsam zu fahren.


Sehenswürdigkeit
Sehenswürdigkeit, links liegen gelassen



24.3.06

Ali Baba und seine Frauen

Buffet in Ceftilköy
Der mit der Kampfhose nennt sich Ali Baba und ist Dolmus-Fahrer (Kleinbus), also gewissermaßen ein Kollege. Er hat Deutsch in einer Abendschule gelernt und kann es sehr gut. Er hat mich in Cesme überredet, mitzukommen nach Ceftilköy, um im ‚Buffet' seiner Frau zu Abend zu essen. Seine Frau ist in seinem rechten Arm, in seinem linken ist seine Tochter. Ich aß Hühnchen-Köfte, weil er meinte, hier gebe es keine "Vogelgrupe", die Hühner seien alle im Stall, und er machte dazu das Zeichen für Dach mit den Händen. Ich fragte, wie alt seine Tochter ist, er musste seine Frau fragen, er hatte es vergessen. Sie ist 18, ziemlich hübsch, hat einen großen Busen und eine Zahnspange. Beim Tschai (Tee) haben mich die Eltern mit ihr allein gelassen. Angeblich lernt sie seit 8 Jahren in der Schule Englisch, aber sie hat mich nicht verstanden und kein Wort gesagt. Nur die Frage: "How much?" kannte sie: "Three Million" = 1,90 Euro. Ali Baba hatte gesagt, ich könne bleiben, bis er zurück ist, aber ich bin lieber zurück nach Cesme gefahren.



27.3.06

Werkstatt Cesme
Wieder sehr gut und preiswert in Cesmes Werkstätten bedient worden, alles gemacht: neuer Spiegel, Heckklappe schließt wieder richtig, Scheinwerfer funktionieren etc. Danach vollgetankt, 49 Liter für 100 Millionen TL= 63 Euro, dafür die Wäsche danach umsonst.
Verstehe gar nicht, wie die Türken bei dem Lohn den Sprit bezahlen können: 1,30 pro Liter. Und sie fahren nicht alte Klapperkisten wie früher, mein Bus ist vermutlich das älteste Auto in Cesme. Wozu wollen die in die EU? Denen gehts doch blendend! Im Hafen liegen Yachten, da werde sogar ich neidisch, obwohl ich gar nicht zur See fahren möchte, sieht man ja nur Wasser und keine überfahrenen Hunde u. ä. Meine Schwester hat gesagt, Seeleute sind alle Alkoholiker, weil das so langweilig ist. Sie muss es wissen, ihr Mann war mal einer - öh, ein Seemann, mein ich.

Sonntag habe ich ‚Hausputz' gemacht und das Gepäck richtig verstaut, dazu wars mir daheim zu kalt. Das war vielleicht eine Plackerei! Ich glaub, ich hab den Bus seit meiner letzten Reise 2003 nicht mehr geputzt, weder innen noch außen. Ich war ganz erstaunt, wie schön er sein kann.



28.3.06

Ankunft Cesme

Werkstatt Cesme
Das sind meine Reisepartner, gerade aus dem Schiff gekommen: v.l.n.r.: Florian (Schweiz - begleitet uns bis Göreme), Hans (Deutsch - verlieren wir in Izmir) und Karin (Schweiz), alle auf BMW GS


Werkstatt Cesme
Schöner Nachtplatz bei Afyon



29.3.06

Die Sonnenfinsternis

Sofi-Gucker
14:00 Ortszeit, D-300, 30 km östlich Konya, auf einem karstigen Hügel, v.l.n.r.: Engländer, Florian, Karin, ich i.A.

Wer sagte, die SoFi sei langwelig, es werde nur dunkel und das wars? Es war phantastisch! Es wurde langsam dunkel und kalt, dann plötzlich finster, aber anders als in der Nacht, eher braun als schwarz, ein nie gesehenes Licht, der westliche Himmel im Abendrot, im Osten ein heller Schein, wir sahen die Korona mit bloßen Augen, Wind kam auf, in der Ebene die Lichter von Konya und die Scheinwerfer der LKW, alle machten "wow" und "great" und "definately", mir war nach Beifallklatschen und Champusöffnen. Dann plötzlich wieder der erste Blitz der Sonne am rechten Rand der schwarzen Scheibe, Vorhang auf, in 1 Minute war es wieder hell auf der Erde - dass ich das noch erleben durfte! Die Engländer kamen 4000 km angreist für ein 4 Minuten Schauspiel, jetzt verstehe ich das.


Sofi missglückt
Mein Foto von der Sofi ist leider misslungen, aber einer der Engländer will mir welche schicken.



Göreme

Sofi-Gucker
Campingplatz über den Katakomben, habe den schönen Körpergeruch weggeduscht, die erste Dusche nach 10 Tagen, die Stempel vom Kennzeichen sind auch irgendwie verloren gegangen (Kfz-Schilder nach Haus geschickt, Freunde haben das Auto abgemeldet, im Iran ist es sowieso nicht versichert).



31.3.06

Verloren und verlassen

Karin und ich haben uns in Kahramanmarash verloren. Zwei mehr oder weniger reiseerfahrene, mehr oder weniger intelligente, mehr oder weniger nüchterne Mitteleuropäer versuchen nach Kräften, sich wiederzufinden. Sie haben Internet, GPS, der eine ein Hnady in der Tasche. Sie schaffen es nicht. Sie fahren aneinander vorbei, missverstehen sich, die meiste Zeit warten sie aufeinander, an verschiedenen Orten, manchmal nur ein paar km entfernt. Erst am nächsten Abend treffen sie sich auf einer Tankstelle bei Camlider hinter Shanli Urfa wieder, etwa 200 km östlich von Kahranmanmarash, mit Hilfe des Dorfpatrons Kaya, der die armen Verirrten zum Abendessen in sein Haus einlädt.


Karin
Hier die eine von den beiden, den anderen kennt ihr ja:


Kaya
Familie Kaya: v.l.n.r.: Hüseyin, der Patron von Camlider, seine Mutter, Karin, die Frau des Bruders, einer der 7 Brüder



1.4.06

Tigris

Tigris
Im Dreieck Türkei, Syrien, Irak, etwa 300 km vor der iranischer Grenze. Gerade über die Tigrisbrücke in Cizre gefahren, Regen und Nebel, Bus und Motorrad völlig verschmiert vom Straßendreck, nach Sirnak rauf schöne Berglandschaft.



3.4.06

Steckengeblieben

Schneesturm
Gestern war hoffentlich der schlimmste Tag der Reise, noch mehr Abenteuer muss nicht sein. Ich hing fest in 2000 Meter kurz vor dem Pass. Wir erlebten, was ich von Bergsteigern hörte: da oben kann von einem Augenblick zum anderen Winter sein. Eine halbe Stunde früher wären wir drüber gewesen. Tatsächlich war in kürzester Zeit alles zugeschneit, ich kam auf der schmalen Straße weder vor noch zurück. Rechts gings ziemlich steil runter.

Also Gasheizung an und darauf vorbereitet, die Nacht dort zu verbringen, denn es schneite und stürmte weiter. Auch die Türken blieben nun hängen, sogar mit Allrad und Ketten. Schließlich war ein VIP dabei, er arbeite für die UN, sagte er. Wir fuhren in seinem neuen schwarzen 4x4 Pickup zurück ins Tal, wo er mit dem Handy telefonieren konnte.


fröhliche Runde
Es versammelte sich eine frierende und fröhliche Runde von Steckengebliebenen um den Kaminofen des Restaurants. Ein Schneeräumer sollte von der anderen Seite kommen. Kam dann auch.


weiter
Aber als wir wieder oben auf dem Berg waren und weiter fahren konnten, wurde es langsam dunkel, die vielen Militärposten hielten uns zusätzlich auf, und das nächste Hotel würden wir erst im 90 km entfernten Hakkari vorfinden.


Zap-Zuyu
Dann fing es auch noch an zu regnen. Wir fragten die Soldaten, ob wir in deren Schutz im Bus schlafen düften, aber sie sagten, das sei zu gefährlich wegen der Terroristen. Wir mussten weiter bei Nacht und Regen über die D-400 durch die Schlucht des ‚Zap Suyu', vermutlich das gefährlichste Gebiet in ganz Kurdistan, es begegneten uns auf 60 km nur 2 andere Autos.

Die Straße war relativ gut, nur mehrmals unterbroch von... (hm, wie nennt man sowas: wenn statt Wasser Schnee den Berg runter rutscht und sich auf der Straße auftürmt? In Wuppertral gibts sowas nicht). Wir kamen dann völlig fertig gegen 22 Uhr in Hakkari an und ruhen uns heute einen Tag aus.


Karin

Karin ist die Reisepartnerin, nach der ich schon immer gesucht habe: kann kartenlesen, kochen, mehrere Sprachen, ist nicht zimperlich (in Afrika aus Schöpfbrunnen getrunken), und Äußerlichkeiten sind ihr mindestens so egal wie mir. Vom ewigen Helmtragen kleben ihre kurzen Haare am Kopf als wären sie aufgemalt. Während ich meine Fingernägel feile, weil ich hörte, Frauen schätzen das, zeugen ihre meist von der letzten Begegnung mit dem Motorrad.

Leider siehts wohl so aus, dass wir beide uns nicht leiden können, vielleicht trennen wir uns hier in Hakkari (nach einer Woche gemeisamer Tour), gestern war sie jedenfalls ziemlich wütend auf mich. Wir entscheiden das morgen.



4.4.06

Hakkari

Schneesturm
Hakkari liegt im äußersten Südosten der Türkei. Voll von Schmugglern, Flüchtlingen und Terroristen, sagt man. Für den, der gern abseits ausgetretener Touri-Pfade wandelt, ist Hakkari und Umgebung jedenfalls ein Highlight türkischer Sehenswürdigkeiten: umstellt von verschneiten Bergen; Rauch, Gestank und Nebel kriechen durch die schmutzigen Straßen; Ziegenhirten tragen Kalaschnikows über der Schulter; Männer prügeln sich; 4-achsige Radpanzer fahren durch die Stadt; die Gehwege sind schlammig, manchmaö jäh abstürzend; an jeder Kreuzung stehen Soldaten, und an den Zufahrtstraßen gibt's Militärposten. Aber überaus nette und sachkundige junge Männer im Internet-Cafe, der angenehmste Ort für mich.


Zap-Zuyu

Zap-Zuyu
Zwischen Hakkari und iranischer Grenze


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