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Reisetagebuch 2007 / Bishkek, Teil 1 22.7.07 Nichts gemacht Mit Nuria in Disco "Golden Bull", Musik und Sound sind ok, viel black music (später kommen sogar 2 echte Schwarze), Nuria und ich als erste auf der Tanzfläche, ist ja nicht schwer: immer auf die Eins achten. Es sind wieder auschließlich junge Frauen da, Männer stehen in Form von schwarz gekleideten Aufpassern rund um die Tanzfläche, der eine hat sogar eine Art Schusswaffe über der Schulter. Einer kommt zu uns und zeigt auf unsere unbeschuhten Füße. Aha, ein weiteres Verbot in meiner Sammlung: Man darf also in krigisischen Discos nicht barfuß tanzen und nicht mit dem Kopf auf dem Tisch schlafen. Geschlechtsverkehr auf der Tanzfläche ist sicher auch verboten, das müssen wir nicht ausprobieren. Aber nächstes Mal werde ich mein Tagebuch mitbringen, damit werden sie erstmal überfordert sein, ob "Tagebuch schreiben am Tisch" verboten ist oder nicht. Ich schmolle und verweigere fortan einen weiteren Auftritt auf der Tanzfläche, sehe lieber den Mädchen zu, die sich ja meist recht anmutig bewegen. Die wenigen Männer sind steif, der eine ist sehr cool und lässt seine Hände in den Hosentaschen. Männer können Auto fahren, was ja auch eine Art Tanz ist. Dann kriegen 2 Mädchen Streit, schubsen sich über die Tanzfläche, und sofort ist einer der doofen Aufpasser dazwischen. Nicht mal dieses Vergnügen gönnen sie mir: prügelnde Mädchen auf der Tanzfläche! Für sowas zahlt man anderenorts Eintritt. Dann kommt ein Aufpasser zu mir an den Tisch. Was kann er wollen, ich habe nichts gemacht, sitze nur da und glotze auf die Tanzfläche. Er schreit mir was ins Ohr, ich verstehe nicht, verweise ihn an Nuria, die gerade mal nicht tanzt. Sie sagt, er habe gefragt, ob es mir gut geht. Wow, ich bin gerührt, man erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden! Oder sah ich so aus, als müsse ich gleich auf den Tisch kotzen? Wir haben inzwischen 6 Bier geordert, er konnte ja nicht wissen, dass 5 davon an Nuria gingen. 25.7.07
Nella zieht zu uns, dem Onkel wird's scheinbar zu eng mit ihr. Nuria fragt mich, was wir beide machen werden, wenn sie 24 Std. auf der Tanke arbeitet. "Öh, drinking tee...?" Nuria ordnet an, dass Nella zum Onkel geht, wenn sie nicht hier ist. Jetzt lebe ich mit 2 Mädchen zusammen...
Diese Anzeige ist heute in der "Avtogitt" erschienen, kostete mit Foto 80 Som = 1,54 Euro. "CPOYHO!" soll heißen: "Eilverkauf". Dachte mir schon, dass sie die Internet-Adresse falsch abdrucken, die erste Vorwahl ist auch falsch. Ein Donganije, ein Mitglied der neulich schon erwähnten ethnischen Minderheit, sagte zu mir: "Kirgis people are animals", aber nächste Woche ist ja auch noch ein Mittwoch. Das kirgisische ebay heißt übrigens: www.ebazar.kg Frauenklau Nuria hat mir den Frauenklau in ländlichen Gegenden Zentral-Asiens nochmal erklärt (den auch die Sowjets nicht abschaffen konnten): Ein Mann kann eine Frau von der Straße weg entführen und zu sich nach Hause bringen. Die geklaute Braut wird von alten Frauen aus seiner Familie in einem dafür vorbereiteten Raum in Empfang genommen. Wenn sie den Mann nicht heiraten will, kann sie die Polizei holen, und dem Mann droht eine Gefängnisstrafe. Aber die alten Frauen ziehen ihr ein Kopftuch über und legen Butter und Salz auf die Schwelle der Türe. Wenn das Mädchen so den Raum verlässt und über Butter und Salz steigt, wird sie nie mehr glücklich sein, und kein anderer Mann wird sie heiraten, weil sie bereits verheiratet und keine Jungfrau mehr ist. Also heiratet sie lieber den Mann. Die Damen von der Bishkeker Frauenbewegung "Frauen können alles" haben mir letztes Jahr gesagt, das sei ein alter Brauch, eine Art Spiel, alles sei vorher abgesprochen, 70% der Ehen kämen auf diese Weise zustande, viele Mädchen hätten Angst, nicht geklaut zu werden. Alles sei harmlos wie die Aufforderung zum Tanz auf einem Abschlussball.
Nuria (links) mit älterer Schwester Gulira Aber Nuria sagt, ihre ältere Schwester Gulira verdanke diesem "harmlosen" Brauch ihr Dasein: Nurias Vater war verlobt. Vor der Heirat ging er nach Russland arbeiten, denn heiraten ist teuer: Die Familie der Braut will Geld für das Mädchen, und er muss ein eigenes Haus kaufen. In der Zeit wurde seine Verlobte von einem anderen geklaut, und sie hat ihn geheiratet, und Gulira wurde geboren. Als Vater zurück war, wollte er sie immer noch, und sie ließ sich scheiden und heiratete Nurias Vater. Der Nutznießer des Dramas war die Familie der Frau, die bekam zweimal Geld für die Tochter. So ist Nuria trotz älterer Schwester die "Prinzessin" der Familie, diesen Titel kriegen die jeweils Erstgeborenen. Death of Chocolate
Ich habe mich schon letztes Jahr gefragt, warum im Cafe ‚Fat Boys' auf dem Prospekt Chuy fast nur Ausländer sitzen und in anderen nur Kirgisen. Ich dachte, es liegt daran, dass es das einzige in Bishkek ist, das zur Straße hin offen ist. Alle anderen haben einen Sichtschutz: entweder eine Plane mit Reklame oder eine Mauer. Ich frage Nuria, warum Kirgisen offene Cafes nicht leiden können, möchten sie vielleicht das Elend auf der Straße nicht sehen? Sie meint, sie wollen nicht gesehen werden, vor allem die Ehemänner mit ihren Freundinnen. Vielleicht liegt's auch daran, dass dieses Cafe eine Karte in Russisch und Englisch hat. Zum Beispiel gibt's hier "Death of Chocolate". Ich dachte an ein Stück Kuchen für Zuckerkranke, genau das Gegenteil kommt: ein fetter, schwarzer Brocken, der fast ausschließlich aus Schokolade besteht. Demnach meinen sie nicht: "Tod der Schokolade", sondern "Tot durch Schokolade"? 26.7.07
Ich brauch keine Pillen. Wenns mir schlecht geht, gebe ich mir Joe Jackson mit "Oh Well" auf die Ohren, dazu eine Flasche Efes-Bier, ein tiefer Atemzug an Nurias ungewaschenem Hals.... und es geht mir bestens. 27.7.07
Heute morgen wollte ich sie von der Tanke nach einer 24 Stunden-Schicht abholen, aber sie hat keine Ablösung und muss weitere 24 Stunden arbeiten. Ich würde sie gern ablösen: "Operator zurken", sie könnte solange im Bus schlafen, aber ich müsste ja mindestens die Zahlen in Russisch können...
Nur 500 Meter entfernt hocken Arbeitslose in Gruppen unter Bäumen und warten, dass einer kommt und sie für irgendeinen Job in sein Auto lädt. Einen Benzinrüssel könnten die genauso in einen Tank halten. 28.7.07
Heute hat sie frei, viel gepennt, und jetzt gehn wir ins Cafe vorm Plattenbau, ihren Lohn versaufen (11,37 Euro) 29.7.07
Wieder auf'm Avtobazar, Bus wieder nicht verkauft, man kann dort sogar Topfpflanzen und Zierdeckchen kaufen Paradischer Zustand
So liegt sie immer neben mir, das heißt, sie rutscht immer weiter auf meine Seite, sie folgt im Schlaf meinem Geruch, das heißt, sie liebt mich, und ich finde sie schön, was vielleicht andere Männer nicht finden, sogar sie selbst findet sich nicht schön, und ich sehe jüdisch aus, sagt sie, Stimmt, nicht mehr lange, und ich sehe aus wie Yeshayahu Leibowitz:
...aber das heißt auch, ich kann nicht schlafen auf dem winzigen Teil des Bettes, der mir noch bleibt, also ziehe ich um auf die andere Seite, ich schiebe sie nicht zurück auf ihre Seite, weil ich sie nicht wecken will, weil ich sie ja auch liebe, und da auf der anderen Seite habe ich erst mal ein paar Stunden Zeit zum Schlafen, bis sie im Schlaf gemerkt hat, wohin ich mich verkrochen habe, um mir wieder Stück für Stück zu folgen, bis es mir auch dort zu eng wird, und so geht das fort in der Nacht und auch am Tag, denn wir liegen oft und lange im Bett, weil sie manchmal nachts arbeitet, und ich, weil ich gerne in ihren Armen liege, und je mehr ich vom Leben verschlafe, desto mehr Mühsal erspare ich mir, und desto schneller rückt das Endedatum näher, allerdings hat unser Konstrukteur das vorausgesehen und uns so gemacht, dass uns die Stunden und Tage umso länger erscheinen, je weniger wir tun, und dem Emsigen, der gerne lebt und ewig leben möchte, die Zeit umso schneller vergeht, je älter er wird.... Sie denkt, wenn sie tagsüber schläft, kann sie es nachts nicht mehr, und ich soll sie nach einer Stunde wecken, aber das mache ich nicht, denn sie irrt sich, sie kann nachts genauso gut schlafen, sogar besser als ich, nur von den Mücken wird sie geweckt und gequält, zu mir kommen sie nur, wenn ich allein schlafe, kann ich verstehen, ich würde auch lieber sie stechen, als einen alten, zähhäutigen Ausländer, und letzte Nacht war ich allein und habe sie alle gekillt - für sie und meine Mordlust (aber nur Mücken). Mehr gibt's nicht zu erzählen, die Tage vergehen ereignislos, keiner ruft an, keiner kommt zu Besuch, wir müssen nichts tun, ich habe nichts zu lesen und verblöde endgültg, eigentlich ein paradiesischer Zustand, nach dem ich mich sehnen werde, wenn ich ihn nicht mehr habe....
Die meisten Kirgisen gehören wohl zur emsigen Sorte Mensch, was vielleicht am Geldmangel liegt, sie arbeiten viel und verdienen wenig, aber ich glaube, es liegt daran, dass das hier eine infantile Kultur ist, alles kommt mir kindisch vor, was ich sehe, ihre Kleidung, vor allem diese kirgisische Tiara, die allerdings nur noch die alten Männer tragen.... auch die Sprache klingt so, wie man mit einem Kleinkind spricht, jedenfalls die kirgisische: "jachsche, bobde, tschimtschirk...." Und sowieso die Musik, mit vielen Seufzern und einfältigen Melodien.... Man sollte meinen, die Leute haben wenig Kinder, weil sie wissen müssten, dass die Chancen sehr gering sind, hier ein Leben in Wohlstand und Sicherheit zu führen. Aber das Gegenteil ist der Fall, sie haben mindestens 4, und eine Generation zurück hatten viele 10 Kinder, trotzdem gibt's bis jetzt nur 3 Millionen Kirgisen in Kirgistan, hinzu kommen 2 Millionen andere: Usbeken, Kasachen, Russen.... zur Zeit mindestens 1 Deutscher....
"...und einen großen Unmut gegen die Frauen gespürt, die mit ein paar Fleischteilen die Männer zu rasch atmenden armen Teufeln machen können." Markus Werner, Bis bald Mal eine Zeitschrift gekauft, ein kirgisisches Sexblatt, wie ich dachte, es heißt: "Ehot notackyh", auf dem Umschlag eine junge, nackte Dame, deren "pisska" man sogar sehen kann, trotzdem hätte es auch ein Rätselheft sein können, aber dann geht's drinnen doch recht pornografisch zu, darunter private Kontaktanzeigen, das Impressum enthält keine Webadresse, und es ist die Ausgabe vom April 2006 und kommt natürlich aus Russland, wie ich mir hätte denken können, die Dame vorn drauf ist eindeutig keine Kirgisin. 4.8.07 Wenn der Bus morgen (Sonntag) nicht auf dem Autobasar verkauft wird, kauft ihn Nurias Onkel nächste Woche für 12.000 US-Dollar, das sind bei dem schlechten Kurs nur 8.800 Euro. Immerhin kann ich dann sicher sein, dass er korrekt verzollt wird, und ich kann ja nicht ewig hier rumhängen... Nurias Onkel soll ein reicher Geschäftsmann sein, seine Firma sieht so aus:
Schöne Dinge, die nichts mehr können, oder die mir so aussehen, als könnten sie nichts mehr. Beim Frisör gewesen:
Die Frisöse fragte danach, ob ich eine Wäsche wünsche, was gibt's da noch zu waschen?
Nun sehe ich nicht mehr aus wie ein Jude, sagt Nuria, sondern wie Andrei Chikatilo kurz vor seiner Hinrichtung. Er hat zwischen '82 und '92 irgendwo in Russland 60 Menschen umgebracht, also alle 2 Monate einen. So schnell kann man in den Augen der Frauen fallen: von einem Tag auf den anderen vom Philosophen zum Serienmörder, nur weil ich beim Frisör war. 5.8.07
Wieder auf'm Autobasar: Einer hat 11 Tausend USD geboten, sehr merkwürdig, je länger ich bleibe, desto niedriger werden die Angebote. Als ich in Bishkek ankam, wollten mir 2 Leute 15 geben. Hätt ich das doch gemacht - Mist! Ein Kirgise meinte, das liege daran, dass die meisten Autohändler im August Urlaub machen, der Herbst sei sowieso die bessere Zeit für den Verkauf. Also noch einen Monat länger bleiben? Zen Götzen Nuria sagt, das kirgisische Wort für Arsch ist "Gött", man sagt "Zen Götzen" für "Du Arsch!" Da sie so wenig Englisch kann (und weil man ja immer versteht, was man verstehen will), habe ich zuerst verstanden, "Gött" heiße sowohl Arsch als auch Gott, was mir denn doch sehr unwahrscheinlich vorkam und habe besser nochmal nachgefragt. Indira Kürzlich hörte ich hinter mir im Internet Cafe Deutsch mit leichtem Akzent, ich drehte mich um: eine junge Kirgisin sprach mit Kopfhörern auf den Ohren in den Bildschirm, also per webcam mit ihrem Partner, und sie redete laut und ungehemmt, Deutsch versteht hier keiner. Ich hörte vergnügt zu: er sollte sagen, dass er sie liebt, und er sollte sich die Haare noch ein bisschen kürzer schneiden lassen usw. Bevor ich ging, sagte ich in ihre Richtung: "Sie sprechen aber gut Deutsch!" Es stellte sich raus, Indira ist 22 und wohnte bis vor kurzem in Wuppertal und sprach mit einem jungen Türken aus der Viktoriastraße. Sie war dort als Aupair und will demnächst wieder hin, um zu studieren. Sie reichte mir die Kopfhörer, und ich sprach kurz mit Serhat - wie klein die Welt ist! Wir tauschten Telefonnummern und Email. Das gibt wieder ein Drama, dachte ich, Nuria zu erklären, dass ich eine andere Frau treffen möchte, die auch noch Deutsch spricht und Wuppertal kennt. Aber sie nahm es gelassen, und heute war ich mit Nuria und Indira im Cafe "Avantgarde". Es ist immer wieder lustig, wenn sich zwei Einheimische durch mich kennen lernen: Ich finde sie alle nett, aber sie untereinander sind sich unsympathisch. Ohne mich hätten die kein Wort miteinander gewechselt. Wenn ich richtig verstehe, hält Indira Nuria für eine Schlampe und Nuria Indira für eine Lügnerin. Wahrscheinlich haben beide recht, aber mir ist's egal. Und ich kann sie verstehen, würde Nuria mir in Deutschland irgendeinen Deutschen vorstellen, wäre die Wahrscheinlichkeit auch sehr groß, dass ich den nicht leiden kann. Indira erzählte, sie habe in einer deutschen Disco für eine Tasse Kaffee umgerechnet 200 Som bezahlt. Ich war von den Socken, so teuer ist es in Deutschland? Mir kamen die 135 Som (2,70 Euro) heute im Cafe vom Autobasar für 2 Gerichte + Kaffee und eine Kanne Tee schon viel vor.
Indira mit Freund Ich fragte Indira nach ihrer Beziehung zu Serhat. Ein in Deutschland geborener Türke und eine Kirgisin, das hört sich exotisch an, aber sie haben Gemeinsamkeiten: dieselbe Religion und fast gleiche Muttersprache, Kirgisisch ist eine Turksprache. Leider vergessen, die Kamera mitzunehmen, aber wir wollen demnächst mal zusammen in eine Disco.... Als wir im Cafe "Avantgarde" saßen, bezeichnete Indira Nuria als "Stirva", was Nuria mir mit "bitch" übersetzte, und was ich oben mit "Schlampe" übersetzte, und die Webseite, mit der sie meine Berichte ins Russiche übersetzen lässt, hat Schlampe mit "svinja" übersetzt, was sie mir dann mit "pig" übersetzte... 6.8.07 Armseligkeit des Tageslichtes Zwei Nächte hintereinander war ich ein großer Künstler: in der ersten habe ich wundervolle Objekte ausgestellt, letzte Nacht habe ich Keyboard gespielt in Begleitung eines Schlagzeugers, alles improvisiert, habe die Musik echt gehört im Traum, und es war echt gut, habe mich selbst gewundert, da ich ja gar nicht Klavier spielen kann. "Durch Stunden waren wir trunkenen Göttern gleich - und nun, urplötzlich, während das geöffnete Auge die Unendlichkeit des Nächtlichen aufhob, inmitten der Armseligkeit des Tageslichtes, sollten wir wieder daran gehen, farblose Gedanken zu wälzen?" (Cioran) Auch das noch! Nurias Vater hatte gestern einen Verkehrsunfall, er saß hinten im Auto und hat überlebt, die beiden vorne nicht. Muss also heftig gewesen sein, wahrscheinlich Frontalzusammenstoß. Er liegt im Krankenhaus, sollen so ziemlich alle Knochen gebrochen sein, große Aufregung in der Familie. Ich tröste Nuria: "Live goes on...", was soll ich da sagen? Die kirgisische Unfallstatistik würde mich interessieren, falls es eine gibt. Die Kirgisen fahren wie die Henker. |