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Reisetagebuch 2007 / Iran, Teil 2





3.5.07

Esfahan

Wir bleiben 2 weitere Tage in Esfahan, Andre lässt sein Notebook reparieren, ich bin skeptisch, ob die das hinkriegen. Ich wollte allein weiter nach Marvdasht, paar Leute besuchen, die ich von den vorherigen Reisen kenne. Aber ich bin zu schlapp.


Also lunger ich auf dem Meydan-e Iman Platz rum und warte, dass mich Maedels ansprechen. Mit Erika an meiner Seite dürfte das schwierig sein, man hält uns beide meist für ein Ehepaar. Aber es klappt doch.

Andre scheint nicht sehr begeistert von den jungen Damen zu sein, er sagt, sie haben Hakennasen und Oberlippenbärte. Kann sein, mir gefällts.




Dann kriegen wir Besuch von ganz jungen




Von der Teestube auf dem Dach des Basars sieht's richtig orientalisch aus. Zufällig saß auch noch einer neben mir und rauchte Wasserpfeife.




Unser Nachtplatz in Esfahan ist nicht so idyllisch wie die Wüstenplätze, aber mir gefällts. Zwischen Schmutz und Schrott fühlt sich der Hensgen richtig wohl. Erika erzählt, sie habe früher einen Schrottplatz gehabt.



5.5.07

On the road again













"Hello Mista"






Erika im geschlitzten Rock, nabelfrei und mit nackten Armen! Sie ging sogar ohne Kopftuch in ein Restaurant. Sie sagt, mit der iranischen Bekleidung sei es ihr zu warm. Ich staune, sonst legt sie großen Wert darauf, fremde Sitten zu respektieren. Andre und ich vermuten, sie möchte eine Kleiderordnung-Revolution lostreten. Das kann sie gern tun, aber nicht mit uns, wir wollen nicht ins Gefängnis. Wir setzen durch, dass sie sich anders anzieht. Wir müssen ja schließlich auch lange Hosen tragen.




Nächttlicher Tanz im Park in Tabas



6.5.07



Unweit unseres Schlafplatzes wohnt eine Nomadenfamilie in einer Lehmhütte: Ein Mann mit seinen 3 Frauen und 4 Kindern. Andre und Erika gehen abends rüber mit Geschenken: Kekse, Tee, Kugelschreiber und Feuerzeuge. Ich habe die schöne Ausrede, einer müsse die Autos bewachen und bleibe "zuhaus". Wäre ich mitgekommen, hätte ich uns als die heiligen drei Könige aus dem Abendland vorgestellt mit Geschenken für die Kinder. Verstanden hätte mich eh keiner. Ich hatte mich auf einen langen, einsamen Abend eingestellt, weil ich dachte, es würde den beiden dort gut gefallen. Aber es war dann wohl eher peinlich und voller Missverständnisse.

Aber am nächsten Morgen kommt der Gegenbesuch, und alles ist gut.

Außerdem kommen 3 Polizisten in Militäruniformen zu uns herauf. Wir geben ihnen die Kopien unserer Pässe und Visa, die Originale sind in Teheran. Sie sagen, es sei hier nachts gefährlich, es gebe wilde Tiere: Hunde und Tiger. Der Chef scheint sehr schwer von Begriff. Nachdem er sich unsere Route, bestehend aus 2 Städten und dem nächsten Land, nach mehrmaligem Fragen aufgeschrieben hat, fragt er nochmal nach und schreibt es nochmal auf. Dazwischen lange Pausen zum Nachdenken und Kopfkratzen. Plötzlich sagt er: "Merci" und "Godafes", und die Drei rauschen in ihrem Toyota davon.



Ein Herz für Tiere: Jeden Morgen, manchmal nochmal abends, hinterlasse ich im Umkreis von etwa 20 Metern um unser Nachtlager einen nahrhaften Haufen. Jeder Käfer schneidet sich eine Kugel heraus und rollt sie - manchmal unter extremen Bedingungen (einige überschlagen sich damit, aber lassen nicht los) - in seinen Bau.




Gern hügelte ich mit dir zu fremden Flöhen: Schlafplatz irgendwo bei Ahmadabad in einer Kuhle, umgeben von sanften Hügeln....




In den Restaurants gehen wir als erstes zur Theke und entscheiden über das Menü per Zeigefinger. Meist gibt's wahlweise Kebap oder Huhn. Auf die Frage nach "Sab-sie" (Salat) gibt's meist Kopfschütteln. In obigem Fall zogen wir die Mundwinkel nach unten, machten Fragezeichen in die Augen und verdrehten die Handflächen nach oben: "Nix?"




Ich füllte mich an mit der Ruhe der Nacht und der Erwartung des Sonnenaufgangs und auch mit dem Knarren des Planeten, der eine dicke Haut hat....




Das menschliche Gesicht nicht fürchten, sich nicht dafür zu schämen angesichts der Dinge, zu dem es fähig ist, das ist wahrer Irrsinn. Erschreckendes Gefühl, umzingelt, belagert zu sein vom Menschen und dazu das Wissen, daß das Gesetz und die moralischen Zügel jeden Moment reißen, zusammenstürzen, explodieren können, und daß sie manchmal wie durch ein Wunder oder dank einer augenblicklichen Ruhe halten.



9.5.07

In Biyar Jomand, einem Wüstennest, machen wir Rast. Im Restaurant will der Dorfpolizist unsere Pässe sehen. Bisher war nie ein Problem, dass Erika und ich nur die Kopien von Pass und Visum dabei haben. Für ihn ist es ein Problem. Wir müssen seinem Toyota zum Hauptquatier folgen, etwa 500 Meter entfernt. Auf die Frage, wie lange wir ungefähr warten müssen, sagt er: "Five minutes." Daraus werden neun Stunden. Zunächst will er, dass wir in Begleitung eines Polizisten nach Sharud, der nächst größeren Stadt fahren. Wir weigern uns, wir wollen allein weiter. Ich drohe ihm mit der Deutschen Botschaft, ich will mich beschweren, er soll mir seinen Namen, Dienstgrad und sein Handy geben, ich will mal anrufen, der Botschafter sei mein Freund. Er gibt mir weder noch.

Dann sollen wir die Nacht vor seinem Hauptquatier verbringen und am nächsten Tag allein weiterfahren. Wir sind einverstanden und machen es uns im Park gegenüber bequem, packen Tische, Stühle und Essen aus. Aber nun stehen wir unter Arrest, werden von einem Soldaten bewacht, sogar bis zur Toilette begleitet uns ein Soldat.

Gegen 21.00 taucht ein neuer Polizist in Begleitung der anderen auf. Er sagt, wir sollen sofort weiterfahren, aber nicht nach Sharud, wo wir hinwollen, sondern zurück nach Tabas in die Wüste, wo wir herkamen. Wir sind einverstanden, packen zusammen und fahren Richtung Tabas bis ins nächste Dorf. Dort finden wir auf der Karte eine 45 km lange Piste, die an Biyar Jomand vorbei führt und weiter nördlich auf die Straße stößt, auf der wir nach Sharud kommen.

Die Piste ist holprig, teilweise versandet, mehrmals geht's durch ausgetrocknete, tief eingeschnittene Wasserläufe mit weichem Untergrund, und ringsrum kein Licht, und kein anderes Fahrzeug begegnet uns. Wir ziehen eine lange Staubfahne hinter uns her. Andre fürchtet, der Polizist hat alle anderen Polizeistationen über uns informiert, und in Sharud werden wir verhaftet. Aber ich glaube, so wichtige Leute sind wir nicht, und wir schaffen es, sogar meine Reifen halten durch.




In Sharud einen Pickup beim Einparken gestreift, und dabei dessen Kotflügel zerknautscht. Leider fehlt an meinem nun eine Begrenzungsleuchte - ich klebe ein Pflaster drüber. Der Besitzer vom Pickup will kein Geld!
Die braune Kruste, die dem Tankdeckel entströmt, stammt nicht vom Unfall, sondern vom Diesel, der beim Tanken jedesmal überläuft. Ich mache stets akrobatische Verrenkungen, um mich nicht vollzuschlabbern. Er ist billiger als Wasser: 1,3 Cent pro Liter.


Da der Anlasser nicht immer funktioniert, lasse ich den Motor bei kurzen Stopps laufen. Aber die Handbremse ist tückisch: erst hält sie, dann rollt die Karre, das ist jetzt schon merhrmals passiert. Einmal nachts auf einer Kreuzung steige ich aus, um nach dem Weg zu fragen, derweil setzt sich der Bus in Bewegung, ich schaffe ich es gerade noch, das Fahrerhaus zu entern. Gestern Abend rollte mein Bus rückwärts in Andres Benz. Zum Glück ist bei ihm nur das Kennzeichen leicht eingedrückt.



12.5.07


Inzwischen sind wir wieder bei Sirous und Salamä. Unsere usbekischen Visa seien fertig, hören wir morgens am Telefon, ein paar Stunden später rufen sie zurück, sie sind doch noch nicht fertig. So geht das hier.




Bei Sirous kommt's mir vor, als wär's ein Stück vom Paradies: Ein Ort der Laute, des leisen Rauschens und Seufzens, das um die Gärten zieht und hervorgeufen wird durch das schüchterne Rascheln der Blätter an Büschen und Blüten. Vielleicht ist es das ferne, immer gleiche Geräusch, das die Erde hervorbringt und das die anderen Gräusche übertönt. Und da ist noch ein anderes Geräusch, das meines Lebens, das dieser über Abgründen und Wüsten hängende Garten sich zu eigen gemacht hat. Vielleicht ist es aber auch das Klappern des Plastikeimers, in dem Erika und Andre gerade Wäsche waschen? Es stinkt auch ein bisschen nach Diesel.




Rechts mein neuer Freund Mechdi, ein schöner Mann, er ist Architekt und spricht Französisch, hat ein Jahr in Bordeaux studiert - vielleicht verliebe ich mich ihn, heute sehen wir uns wieder. Links ist Somija, die neue Freundin von Andre, die ihn schon 9 Uhr für ein date morgens anruft, und die wir später im Verdacht haben, uns bespitzelt zu haben.


Jetzt darf ich nichtmal mehr Witze machen, Andre und Erika haben es mir verboten. Jedenfalls solche, die mir einfallen, wenn wir mit Einheimischen zusammen sind (auf Deutsch). Sie sagen, ich mache mich über sie lustig, ich sei überheblich, das sei ihnen peinlich. Außerdem soll ich auf unseren abgelgenen Nachtlagern die Apfelsinen- und Eierschalen nicht auf den Boden fallen lassen, das sehe nicht schön aus, das gehöre in den Abfall. Aber sowas ist gar kein Abfall, Erde und Tiere können damit was anfangen. Wenn die beiden wüssten, was ich sonst noch so alles in meinem Bus treibe - bald wäre alles verboten....


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