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Reisetagebuch 2007 / Kirgistan, Teil 3 Gun Fun
Eins meiner Lieblingsgerichte heißt: "gun-fun", und ich mag es nicht nur des Namens wegen, es wird garantiert anders geschrieben, aber genauso gesprochen, es ist so ähnlich wie Plov, mit mehr Gemüse und nicht so ölig und sei das Nationalgericht der Donganijener, einer ethnischen Minderheit, eine Mischung aus Arabern und Chinesen, wenn ich recht verstanden habe. Davon werde ich satt, es ist das einzige Gericht, das ich ohne Nuria bestellen kann, die "Jäwuschkas" (Fräuleins) verstehen mich nicht. Letzte Woche habe ich dafür (mit Tee und Brot) 72 Som bezahlt, heute 89 = 1,71 Euro... aber bei uns gibt's heute Pilze mit Kartoffelpüree und Rote Beete
Zigarett Gestern morgen 7 Uhr steht eine alte Frau in geblümten Putzkittel und Schluffen vor der Tür (also vermutlich eine Nachbarin), zeigt mir ihr Feudel und redet muffelig auf mich ein. Ich nix verstehn, Nuria ist auf der Tanke. Sie schlurft an mir vorbei in die Küche und von da auf den Balkon und zeigt nach unten, und das Wort: "Zigarett" höre ich heraus. Aha, Nuria raucht immer auf dem Balkon und schmeißt die Kippen runter, und das Putztuch hat ein Brandloch, demnach wohnt die Dame also unter uns (gut kombiniert, was?). Ich hole ein paar Geldscheine und halte sie ihr hin. Will sie nicht. Aber was dann? Mehr davon? Ich biete ihr unser Schrubbtuch zum Tausch an, will sie auch nicht. Sie will in die Wohnung, ich stelle mich in den Weg. Will sie nur Unterhaltung? Aber wie sollen wir uns unterhalten? Sie schlurft dann wieder hinaus. 13.7.07 Andre und Erika sind in Bishkek, gab viel zu erzählen, schöne Fotos vom Pamir geguckt, Erikas VW-Bus hat gelitten in Tajikistan: 2 x Ölwanne leckgeschlagen und ein Reifen geplatzt. Gibt wohl nur scheußliche Schotterpisten dort. Aber Auto läuft.
Wir werden uns wiedersehen, aber diese 3 sind bestimmt zum letzten Mal beisammen Abends in Disco "Metro-Retro", es sollte 80er Jahre Musik geben, war's vielleicht auch, ich kannte nur 3 Titel, die meisten Leute lieben eben Kirmesmusik, und der Sound war wieder total verzerrt, Hauptsache laut... sind die taub? Wir saßen fast unmittelbar vor den Boxen, damit ich das Gogo-Girl besser sehen konnte. Nella schlief bei dem Lärm ein, mit dem Kopf auf der Tischplatte, sie arbeitet zu viel und zu lange. Ein Security rüttelte sie wach, warum darf man nicht schlafen in einer Disco? Ist das gefährlich? 14.7.07 Das Leben ist ein Furz Seit ich hier bin, frage ich mich, wer den Müll in Brand steckt, es stinkt häufig nach brennendem Müll. Direkt vor einem belebten Basar sah ich einen lichterloh brennenden Haufen. Heute habe ich gesehen, wer das macht: Die Müllabfuhr selbst! Sie sortieren das Brennbare gleich an Ort und Stelle aus, dann müssen sie es nicht in den Laster schaufeln. Vielleicht ist der Qualm, mit dem sie ganze Wohnblocks zunebeln, ihre Rache für die schwere, schmutzige Maloche, die wir ihnen zumuten.
Wenn wir in einem Cafe sitzen, kommt der Wind garantiert aus der Richtung, wo der Grill steht. Und alle Cafes haben einen Grill, manche haben nichts anderes als Shashlik. So bin ich hier oft von üblen Gerüchen umgeben, was mir zunehmend auf die Nerven geht. Muss ich deshalb so oft furzen? Nuria versucht nicht mehr, es mir abzugewöhnen (Boxhiebe u.ä.) und hat zum ersten Mal selbst einen lauten und würzigen gelassen, wofür ich sie gelobt habe. *
Von rechts kam der Grillqualm, ich qualme schon seit... äh, 20, naja, ungefähr 15 Jahren nicht mehr... Außerdem werde ich in den Cafes von Schlagermusik gequält. Am schlimmsten ist es in den teuren, dort gibt es Karaoke, das lieben die Kirgisen, und sie zahlen extra dafür, obwohl man sich dabei kaum noch unterhalten kann. Über die Römer wurde gesagt: "Überall, wo sie hinkamen, haben sie gebadet." Über uns wird man sagen: "Überall, wo sie lebten, war Lärm, Müll und Gestank." Luise Rinser sagt dazu: "Alles ist Musik, vielleicht steigt unser Erdenlärm als Musik auf in die Sphäre der himmlischen Ohren." Und die himmlischen Ohren rufen verzweifelt: "Stellt das ab, stellt das ab!" Aber wir hören es nicht, weil es zu laut ist hier. * "Pamphlet gegen das genetische engineering zur Ausrottung von Darmwinden", Young-jin Choi sagt u. a.: "Ein gut platzierter Furz entlarvt das Kartenhaus, das wir ‚Kultur' nennen, stellt unsere feine Etikette als den rührenden Versuch bloß, der Welt unsere Vorstellung von Ästhetik aufzuzwingen. Er holt uns in die Wirklichkeit zurück, die ebenso wie der Furz bizarr, lächerlich, sinnlos: lachhaft ist. Er konfrontiert uns mit der oft geahnten, aber selten artikulierten, grausamen Wirklichkeit: Das Leben ist ein Furz. Ein platter Witz. Und dafür sollten wir dankbar sein. Auf einen solchen Wecker sollte die Menschheit nicht verzichten. Darum: rettet die Darmwinde!" 15.7.07 12:10 Uhr, Erika und Andre wieder auf Achse, besorgen sich noch paar Ersatzteile, dann weiter Richtung Kasachstan, Russland und Mongolei... ganz vergessen, letztes Foto zu mahen... 17.7.07 Gestern war Montag, der Tag, an dem Nuria frei haben sollte, und wir losfahren wollten, aber der Chef befahl, sie muss noch eine 24 Std. Schicht dranhängen, also wieder 48 Stunden am Stück. Nach 30 Stunden rief sie an, es gehe ihr gut, ich wäre reif für die Klappse (nach.einem missglückten Suizid-Versuch). Heute könnten wir fahren, aber heute hat Nurias ältere Schwester um ihren Besuch gebeten, und wenn die ältere Schwester um etwas bittet, ist das ein Befehl. Die jeweils jüngere ist der Sklave der älteren. Als Nurias jüngere Schwester Nella bei uns zu Besuch war, musste sie spülen und Nuria die Zigaretten bringen (ich hatte auch ein paar Wünsche, aber ich gehöre nicht zur Familie). Dafür kann Nella zuhause ihre 2 jüngeren Geschwister rumkommandieren. Nur der Jüngste hat Pech, der hat niemanden mehr unter sich.
Nuria will mich nicht heiraten, ich sie auch nicht, aber wenn wir wollten, sagt sie, ginge das, zwar nicht standesamtlich, aber vorm Imam, obwohl wir beide ja noch mit anderen Partnern verheiratet sind. Ich sage: "ICH kann das, wäre ich Moslem, aber nicht du, du bist ein Frau." Doch, sagt sie, hier ginge das. Kann das sein? Nee, ne? Aber bisher hatte sie immer recht mit ihren Behauptungen, z.B. dass es in Bishkek kein Cafe mit Wireless Lan gibt.
Der hiesige Browser-Balken, der den Aufbau der Webseite anzeigt, erinnert mich mit seiner Geschwindigkeit an die Bewegung der Sonne über den Himmel... da fällt mir ein, ich habe gelesen: keiner weiß, warum sich Sonne und Planeten auf der Bahn um die Galaxie periodisch heben und senken wie eine Raupe auf der Kirmes. Es könnte ein Riesenplanet sein, der senkrecht durchs Sonnensystem auf- und abfliegt, und z. Zt. seinen fernsten Punkt erreicht hat, weshalb ihn noch keiner gesehen hat. Und wenn er nach, sagen wir mal: 1000 Jahren hier durchzieht, wird er sich für Wochen vor die Sonne schieben, wochenlang wird es Tag und Nacht finster sein auf der Erde, und.... ich kann weitermachen, die Seite ist da...
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