|
Reisetagebuch 2007 / Talas 18.7.07
Mit Nuria von Bishkek 300 km bis Talas gefahren, wo ihre Familie lebt. Sie fährt zum ersten Mal mit mir im Wohnmobil durch die Gegend, scheint ihr zu gefallen. Polizisten wollen 50 Som (90 Cent) von mir, weil ich 70 statt 60 gefahren bin. Ich zahle nicht, es gibt kein einziges Schild mit Geschwindigkeitsangabe. Wäre ich 60 gefahren, hätten sie gesagt, es ist 50 erlaubt. Vor dem Tunnel muss ich 10 Dollar Maut zahlen, weil ich Ausländer bin, Kirgisen zahlen 50 Som.
Von den 300 sind 40 km übelste Baustellenstraße. Einen fetten, doofen Kasachen mitgenommen, zum Dank dafür lädt er Nuria für den Abend in ein Cafe ein, ohne mich natürlich, und streichelt ihr über den Rücken, so ein Mädel wie sie habe er auch als Tochter. Aha, alles klar! Ich zeige ihm meine Verachtung durch Nichtbeachtung. Kann den Blick sowieso nicht von der Straße lassen.
Die Familie hat extra für mich was Vegetarisches gekocht und leckere Marmelade gemacht. Wir haben Kumiz (spricht man wie ‚Kirmes' = Stutenmilch) und Honig aus den Bergen mitgebracht. Das Gefäß für die Zubereitung von Kumiz heißt auf Kirgisisch bischkek oder pischpek, daher kommt der Name der Hauptstadt.
Das Auto auf's Grundstück gefahren, passt so gerade eben, sogar bewacht von schwangerer Hündin Maluschka, draußen wär mehr Platz gewesen, aber das ist zu gefährlich: da gibt's viel gruselige Nachbarschaft. Ich kann im nächsten Dorf so ein Haus mit Grundstück für 5000 Dollar kaufen.
Der Vater hat schon wieder ein blaues Auge von einer Rauferei, wie letztes Jahr, trägt die Sonnenbrille von Asela, Nurias jüngerer Schwester.
Fast alle beisammen, zwei Schwestern fehlen
Dieses Foto wollte ich schon letztes Jahr machen: die einzige Kochstelle des Hauses, falls man nicht erkennt, was das ist: eine Elektrokochplatte. Ich werde ihnen nach dieser Tour meinen Gaskocher mit Flasche dalassen. Die Nacht wird kalt, beim Pissen im Garten sehe ich das Band der Milchstraße. 19.7.07
Im ältesten Bus gefahren, den ich je gesehen habe, Löcher im Boden, durch die man auf die Straße sehen kann, alles ist in Bewegung auf Schlaglochdurchfahrt, was fest sein müsste, auch unsere Sitzbank, ich erwarte jeden Moment, dass sich die Seitenwände neigen und alles zusammenfällt. Wenn er hält, geht der Motor aus, gespenstische Ruhe, dann springt er klaglos wieder an. Fahrt kostet 4 Som = 0,08 Euro.
Von außen sieht er gar nicht so übel aus.... der Himmel ist wirklich so, sehr heiß heute...
...und es ist überhaupt schön hier ringsrum, wenn man sich die Häuser wegdenkt, man sieht in alle Richtungen auf solche Hügel, vielleicht sind wir in einem Talkessel... Nuria ist eifersüchtig. Hier in Talas wollte ich eine Email-Freundin besuchen. Nuria sagt, wenn ich die anrufe, nimmt sie den Bus zurück nach Bishkek, und ich sehe sie nie mehr wieder: "If you love somebody set them free...."
Das Foto gefällt ihr - typischer Straßenzustand, wo sie da drauf steht... Siehe da, die Selbsttötung ist keine Seltenheit in Kirgistan: der Bruder des Onkels hat's kürzlich gemacht, und der Mann der Nachbarin in Talas hat sich aufgehängt, obwohl sie alle Moslems sind. Ich erfahre aber nie den genauen Grund: "Problems", sagt man. Na klar, aber was für welche? Finde ich ja immer interessant, was einen veranlasst, sich davon zu machen. Heute fiel mir ein, dass mein Leben so ähnlich ist wie eine Magenverstimmung: ich schaffe es nie, mir den Finger in den Mund zu stecken, um dem Übel ein Ende zu machen, ich harre aus bis zum bitteren Ende... 20.7.07 Zum Frühstück kommt Verwandtschaft, eine Tante, eine Tochter des Bruders usw. Der Jüngste nimmt Vaters Schlapphut und stülpt sich ihn über den Kopf. Ich will gerade eine ironische Bemerkung darüber machen, wie albern er jetzt aussieht, aber Nuria macht: "Pssst!" Der junge Mann fängt an zu beten. Aha, der Vorbeter muss eine Kopfbedeckung tragen, egal welche. Wir sitzen andächtig, die Hände im Schoß in der Geste der Bettler. Dann murmelt eine der Frauen noch was, und wir führen die Hände übers Gesicht, als wollten wir uns waschen. Dann ist der Zauber vorbei. Die Gastfreundschaft gebietet natürlich, das mitzumachen. Voll das Leben
Nurias Großmutter im Nachbardorf besucht
Es gibt was zu feiern, zwei Schafe werden geschlachtet...
...und das Fell wird abgebrannt (es stinkt), paar Stunden später esse ich Niere, Leber, Herz.... es sieht nicht appetitlich aus, aber schmeckt köstlich!
Großmutter ist 70 und hat 10 Kinder, u. a. Nurias Vater, das sind 3 der vielen Enkel, eine davon schwanger
Und dies ist eins der vielen Urenkel, Nuria schätzt ihre Zahl auf 30
Auf Großmutters Grundstück gibt es einen Gemüseacker mit wildem Hanf, Küken, Kinderschuhe, einen Hemdknopf...
...natürlich Hunde, Katzen, Enten, Schafe, viele Fliegen (besonders über dem Esstisch und im Honigtopf...)
...einen geilen Hengst...
...auf den sich Nuria mal kurz draufsetzt...
...eine Toilette (wenn man nötig muss, ist es gar nicht so schlimm, wie man dachte, sich da drin über das Loch in den Holzbohlen zu höckeln, gegen den Geruch lässt man einfach die Türe offen, nur der Blick nach unten bleibt gewöhnungsbedüftig...)
...und eine Sitzbank, die wirklich so klein ist, wie sie aussieht, passt knapp ein Hintern drauf, es gibt keine Stühle, man isst auf dem Boden... Mit anderen Worten: hier ist voll das Leben! 21.7.07 Zurück in Bishkek: Die Rückfahrt war Horror: Ausgerechnet der realtiv gut asphaltierte Teil der Strecke war gesperrt, wir mussten ca. 50 km Umweg durch Dörfer fahren, über scheußliche Schotterpisten. Kaum waren wir zurück auf der Hauptstraße, begann die 40 km lange Baustellenpiste, und es fing auch noch an zu regnen. Wir haben für 300 km 11 Stunden gebraucht.
Pass zwischen Talas und Bishkek |