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Reisetagebuch 2009 / Bishkek, Teil 3 28.7.09 Abschied von Leon. Er holt seinen Freund vom Flughafen ab, sie fahren dann gleich weiter Richtung chinesische Grenze und treffen dort auf Jan und Esther. Bis hierher wollten wir zusammen fahren. Schätzungsweise die Hälfte der Zeit wurden wir getrennt durch seltsame Umstände. Abends im Arbat-Club, der nach einer Straße in Moskau benannt ist, vielleicht sowas wie die Reeperbahn, denn neben Disco gibt es Striptease. Leider nur Tittenshow. Wir bleiben trotzdem bis 3 Uhr. Die Mädchen räkeln sich auf meinem Schoß, was ich ihnen abgewöhnen will, indem ich keine Geldscheine in ihre Slips stecke. Nuria gefällt die Show. An der Stange tanzen, sagt sie, sei ein harter und - wie alle in Kirgistan - unterbezahlter Job. Also soll ich den Mädels was reinstecken. Sehe fortan meine 100-Som-Scheine an Knackärschen über die Bühne schweben. Erstaunlich, wie gut sie da kleben bleiben. Erlaube mir nun, Titten zu kneten. Zuhause bricht mir der Schweiß aus, als ich zusammenaddiere, wieviel mich das gekostet hat: Taxi, Eintritt, Slipeinlagen und Getränke. Sicher weniger als auf der Reeperbahn, trotzdem schlechtes Verhältnis von Aufwand und Ertrag. 30.7.09
Beim Tatsch-Tarasch = Frisör, benannt nach dem Geräusch der Schere. Kostet 50 Som = 0,83 Euro. In Wuppertal 8 Euro. Auf dem Weg dahin die Ersatzbrille in Maschruttka 110 liegen lassen. Bleibt mir nur noch der Bügelabdruck von Auge zum Ohr.
Ich in Italien 1970, Foto: Ulli
Ich in Kirgistan 2009, Foto: Nuria. Woran mags liegen? Am Land? An der Fotografin? 31.7.09
Beinahe von einem O-Bus überfahren worden. Die Moskowskaija ist Einbahnstraße, Autos kommen nur von rechts. Aber die O-Busse haben eine Spur in Gegenrichtung, das hatte ich vergessen. Ich hörte eine Hupe und konnte rückwärtstänzelnd so gerade eben die Bordsteinkante erreichen. Sah bestimmt cool aus. Wär ziemlich dämlicher Tod gewesen, so unter einem bishkeker O-Bus! Immerhin war's einer von den neuen, für die sie im TV Reklame machen. Ein Mann mit langen Haaren spricht Nuria an, ich vermute, er will Geld. Richtig. Er habe gesagt, sagt sie nachher, er spiele in einer Bluesband, sie hätten heute keinen Auftritt und deshalb kein Geld für die Maschruttka. Wie? sage ich, Bluesband? Da suchen wir seit Wochen nach einem Club mit anderer Musik, und jetzt erfahre ich, es gibt eine Bluesband in Bishkek? Kirgisen mögen das nicht, sagt sie. Aber ICH mag das! Bluesmusiker seien Bohemiens, die leben in einer anderen Welt, nehmen Drogen, sind so ähnlich wie Bomsch (Penner). Mit denen will sie nichts zu tun haben. Nach und nach lernen wir uns also kennen. Meine Freundin vertritt Ansichten, von denen ich dachte, sie seien mit meinen Eltern ausgestorben. Ich sage: "Du bist doch selbst ein Bohemien, arbeitest nicht, schläfst bis Mittag und lebst vom Geld eines Ausländers, der dein Großvater sein könnte." Bohemiens machen Musik oder malen Bilder, sie hingegen sei ein Ishdiveniz. Wir schauen ins Wörterbuch, steht nicht drin. Meint sie "Schmarotzer"? Ja, aber positiv, Kinder und Hausfrauen seien z. B. auch Ishdiveniz. Gibt's dafür ein deutsches Wort? "Bedürftige Person"? Abends in Disco "Promzona" (heißt vermutlich "Gewerbegebiet"), in der Rock und Blues gespielt wird. Die Band "Liquid Cactus" erinnert mich an meine Zeit als Beatmusiker in den 60ern. Erzeugen sogar stilecht Rückkopplungsgeräusche. Ich brauche lange, bis ich merke, die kommen nicht aus den Verstärkern, sondern von den Metallstühlen, die die Gäste über Steinfliesen schieben. Liquid Cactus spielt "Red House" von Jimi Hendrix, aber mit eigenem Text. Auch auf "Johnny be good" haben sie einen anderen Text gemacht. "Venus" von Shocking Blue erkenne ich zuerst nicht, klingt von Liquid Cactus wie ein Fasching-Schunkel-Lied. "I:n a man" spielen sie mit russischem Text. Aber der Lead-Gitarrist ist recht gut. Gestehe Nuria zähneknirschend, er ist besser als ich damals. Und der Sound ist auch ok. Nuria und ich sind die einzigen, die dadrauf tanzen. Nach der Pause kommt eine Sängerin hinzu, und fortan spielen sie den kindischen russischen Schmuserock, für den alle Mädels auf die Tanzfläche rennen. Wir wechseln in unsere altbewährte Disco. 3 Uhr zuhause, Nuria packt ihre Klamotten, will zu ihrem Onkel umsiedeln - für immer! Ich hatte mich geweigert, meine letzten 120 Som für ein Bier auszugeben. Und da soll ich keine Todessehnsucht kriegen, wenn mich die Freundin für ein verweigertes Bier für immer verlassen will? Diskussion zwecklos, ich gehe ins Bett, sie schläft schmollend in der Küche. War klar, dass sie nicht auszieht. Der Onkel ist kein Bohemien, der lebt in der "richtigen" Welt und betet 5x am Tag. 1.8.09
Sie sagt "Sorry", gegen 13 Uhr, gerade aus dem Bett gekrochen, die gepackte Tasche noch im Flur, alles wieder gut? Es gibt Spaghetti mit Salat. 4.8.09 Langer TV-Report zum Thema Sowjetunion und Beatles. Nuria kann leider nur rudimentär übersetzen. Die Ähnlichkeit der Namen Lennon und Lenin. Es gab ein Konzert in Moskau in der Oper vor geladenem Publikum. Die Vier seien in Begleitung von MIGs eingeflogen worden. Alles geheim. 1971 soll zum ersten Mal ein Beatles-Song im russischen Radio zu hören gewesen sein: "Girl".
Nachts hausen Bomsch bei uns im Treppenhaus.....
....und kotzen in den Lift. Könnte ich in Bishkek leben? Ja, aber ich möchte nicht. In Wuppertal auch nicht. Wo denn? Nirgendwo. 6.8.09 Gestern in Düsseldorf gelandet. Zu viele Probleme mit Nuria, und kürzlich sagte sie, immer nur essen, schlafen, fernsehn, Disco sei ihr zu langweilig. Habe uns also kurzentschlossen voneinander befreit. Nun sitze ich wie eh und je in meinem wuppertaler Lieblingscafe und staune über Deutschland: Ich kann das Klopapier ins Klo werfen, das Internet wechselt mit rasender Geschwindigkeit die Seiten, ich kann zwischendurch nichtmal einen Schluck Kaffee trinken, und es ist phantastisches Wetter! Gleich eine neue Brille bei Fielmann bestellt. Wartete auf die Frage, was ich mit der alten gemacht habe, denn dann hätte ich sagen können: "Verloren gegangen im Handgemenge mit iranischen Verbrechern." Aber er hat nicht gefragt, und ich mache nicht, was andere Kunden machen: Ungefragt Geschichten aus meinem Leben erzählen, die keinen interessieren. Bilanz der Reise 2009: Vier statt sechs Monate unterwegs. Mit Leon war gut, ansonsten katastrophal, mag gar nicht dran denken. Immerhin ist der Nagelpilz iss wech. Von dem mein Doc sagte, kriegt man nicht weg, habe er selbst auch, werde ihm eine Reise durch ZA empfehlen: vorher...
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