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Reise 2009
Talas / Kirgistan
3.7.09
Unterwegs von Osh zum 550 km entfernten Talas, wo Nurias Familie lebt. Ich bin immer noch "pamirkrank". Wir fahren gerade um den malerisch gelegenen Toktokul-See herum, und ich denke: Kein schlechter Moment zu sterben. Nur schade, dass ich danach keinen Blogeintrag machen kann, um diese letzte Etappe der Reise zu beschreiben.
Auch würde mich interessieren, was Nuria macht, wenn ich plötzlich tot überm Lenkrad hänge. Ob es hier eine Notrufnummer gibt?
Ich frage sie. Sie sagt, sie würde mein Geld einstecken und mit dem Taxi nach Hause fahren. Kirgisen sind halt nüchtern denkende Menschen.
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Einmal gewöhnt an 20 kmh über steinige Bergpisten, fühlen sich 70 kmh auf glatter Straße an wie fliegen. Trotzdem schaffen wir es nicht an einem Tag, bleiben auf einem schönen Hinterhof in Toktokul. Es ist kalt, wir haben Gewitter und Regen.
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4.7.09
In Talas: Ein Onkel von Nuria (sie schätzt ihre Zahl auf 30 bis 40) ist an meinem Benz interessiert. Er hat einen Mercedes 309 Kastenwagen, mit dem er angeblich täglich 4 Tonnen Kartoffeln nach Kasachstan transportiert. Er fragt, ob er mit meinem 6 Tonnen fahren kann. Ich weiß nur, dass er ein zulässiges Gesamtgewicht von 4,8 Tonnen hat.
Ein anderer Onkel heißt Tschinarbek, trägt einen zotteligen Kinnbart und die Tschubiteika, die moslimische Stoffmütze. Er ist also ein gläubiger Moslem. Er hat Land und verkauft seine Früchte nach Kasachstan und Russland. Ich soll ihm Fotos vom Iran zeigen, das Land interessiert ihn. Ich vermute, er würde gern die iranische Kleiderordnung auch in Kirgistan einführen. Nurias Minirock wird ihm nicht gefallen.
Nurias Schwester Asela führt mich zu einer Badeanstalt, ich brauche dringend eine Dusche. Sie zeigen auf eine Türe, hinter der sich der Duschraum befinden soll. Ich mache auf und weiche erschrocken zurück. Da hocken viele nackte Männer in einer Runde zusammen. Es sieht aus wie eine rituelle Sitzung. Die sitzen da nur rum und quatschen, sagt Asela. Ich will mich aber nicht mit nackten Kirgisen unterhalten, ich will nur duschen. Gegen einen kleinen Aufpreis kriege ich dann doch eine Dusche für mich allein.
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5.7.09
Das ist Aksaltai, Nurias neuer Hund. Der Name bedeutet: "Viel Glück". Aksaltais Vorgänger Malishka hatte kein Glück, er wurde - so nimmt sie an - vom koreanischen Nachbarn geklaut und verspeist.
Aksaltai hängt Tag und Nacht an einer kurzen Kette. Ließe man ihn frei, würde er den Gemüsegarten umgraben. Ich frage, warum sie überhaupt einen Hund hat. Er ist die Schelle: Wenn jemand kommt, bellt er. Man könnte doch, sage ich, auch eine elektrische verwenden. Alle haben hier so einen Hund, sagt Nuria, das sei eben kein deutscher Hund, sondern ein asiatischer.
Abends auf dem Heimweg gehe ich nahe an den Hauseingängen vorbei und betätige, wie mit einem Bewegungsmelder, sämtliche Schellen. In der Nacht, als ich unterm Vollmomd in den Garten pisse, höre ich das Konzert der asiatischen Schellen.....
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6.7.09
Ich frage Nuria, wie sie am liebsten leben möchte. Sie sagt: "Schlafen, essen, rauchen, fernsehgucken, faulenzen". Das trifft auf mich zu, aber nicht auf sie, sie ist überaus emsig:
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Sie hat im Herbst den Gemüsegarten bepflanzt, und die ganze Familie lebt davon. Sie backt Brot, und es schmeckt hervorrangend. Sie wäscht meine Wäsche und kocht leckere Sachen. Und all das macht sie lieber als mit dem Wohnmobil über den Pamir zu fahren.
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Nurias ältere Schwester Gulira hat die Eierbecher weggeschmissen, die ich beim letzten Besuch sozusagen zur kulturellen Entwicklung Krigistans dagelassen habe. Sie wusste damit nichts anzufangen. Nuria benutzte sie immerhin als Kerzenhalter bei Stromausfall. Das sei der Unterschied zwischen Zivilisation und Kultur, sagte schon Abrikos: Eierbecher haben, ist Zivilisation; mit Eierbechern was anfangen können, ist Kultur.
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7.7.09
Sah auf dieser Reise im Vorüberfahren immer wieder Tiere beim Kacken, das war noch nie so, und jetzt war es so auffällig häufig, dass es kein Zufall seinīkonnte. Was will mir das sagen?
Die Welt ist nämlich voller Zeichen und Hinweise. Man muss sie nur richtig deuten. Ich glaube, es bedeutet: "...die Welt ist unhaltbar, ein Haufen Mist...." (Markus Werner, Bis bald)
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8.7.09
Benz hat wieder einen Platten, kann aber in Talas für 1,66 Euro repariert werden. Fahren mittags los und sind 20 Uhr in Bishkek, 8 Stunden für 300 km, meine übliche Durchschnittsgeschwindigkeit: 37,5 kmh.
Unterwegs nach Bishkek Wassereinfüllpause, der Kühler leckt immer noch, wenn auch nicht mehr so viel. Nurias Schwester Asela fährt mit. Typische, asisatische Hockstellung, das finden sie bequem. Ich vermute, das lernt man früh auf den Hocktoiletten.
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