Persönliche Erfahrungen auf Langzeitreisen mit Wohnmobil
von Jürgen Hensgen




In Tashkent / Usbekistan



Fahrzeug

Ein fabrikneues Fahrzeug ist eine feine Sache, leider auch für Diebe. Für mich sind selbst ausgebaute Mercedes Kastenwagen ideal: Robust, weltweit verbreitet, haben Stehhöhe und vollen Durchgang zum Fahrerhaus. Wenn sie außen aussehen wie ein Schrotthaufen - umso besser.

Allradantrieb ist in der Regel nicht nötig, heute gibt’s überall asphaltierte Straßen. Allrad ist nützlich, um abgelegene Schlafplätze zu finden (siehe Kapitel "Schlafplätze"). Und wenn der Untergrund wirklich mal schlammig oder sandig ist, kann man auch mit Allrad festsitzen und muss die Schaufel rausholen.



Pamirhighway


Die meisten Pisten haben zudem festen Untergrund und können auch mit normalem Antrieb befahren werden. Wichtiger als Allrad sind Bodenfreiheit und gute Reifen. Sie sollten ausreichend Tragkraft haben und einigermaßen geländetauglich sein. Ein zweites Reserverad ist unnötiger Ballast. Meist kann man Reifen reparieren oder nachkaufen, und bei der Qualität heutiger Reifen kommt eine Panne sowieso nur selten vor.

Am schlimmsten für eine Fahrt durchs Gelände dürfte ein langer hinterer Überhang sein, wie es viele Wohnmobile haben. Auch mit einem Alkoven-Fahrzeug würde ich Europa nicht verlassen. Selbst bei solider Verarbeitung kann sich das Fahrzeug auf Pistenfahrten verziehen.

Ein großer Treibstoff-Tank ist angenehm, aber bei nachträglicher Anschaffung selten wirtschaftlich. Ein paar 20-Liter-Kanister sind billiger und reichen in der Regel aus.

Schwingsitze sind nicht billig, aber wer mal auf einem gefahren ist, will nicht mehr ohne.

Neben den üblichen Verschleißteilen wie Filter und Lampen habe ich nur wenige Ersatzteile dabei: Ventildeckeldichtung, zweiter Tank- und Öldeckel, Lichtscheiben, Kraftstoffschläuche.



Ausstattung


Erster Entwurf 1978


Für mich ist wichtig, unterwegs gut schlafen und auch mal tagsüber ins Bett fallen zu können. In meinem ersten Wohnmobil war nichts anderes als ein festes Bett eingebaut.

Es sollte möglich sein, alles innerhalb des Fahrzeuges machen zu können. Es ist öfter schlechtes Wetter als man denkt. Vor allem braucht man eine Toilette im Auto. Außerhalb Europas gibt es wenige Campingplätze, also keine Entsorgungsstationen. Ich benutze ein Tütenklo. Kein Wasser, keine Chemikalien. Die Tüte danach verknoten und in die nächste Mülltonne damit.

Der Wassertank sollte zumindest auch mit Kanister befüllbar sein, unterwegs ist meist kein Hahn für den Schlauch vorhanden. Man braucht so gut wie nie einen Abwassertank. Bei Bedarf kann man unter den Abfluss außen einen Eimer stellen.

Absorberkühlschränke kühlen umso schlechter, je heißer es wird, also je nötiger man sie braucht. Wenn schon Kühlschrank, dann einen Kompressor, und zwar besser eine Box als einen Schrank. Solange man sich nicht längere Zeit an einem Ort aufhält, reicht der Strom aus der Bordbatterie. Sonst braucht man eine Solaranlage, und dann wird das Frischhalten der Butter eine teure Angelegenheit.

Ich habe daher noch nie einen Kühlschrank im Auto gehabt und auch selten vermisst. Die meisten Lebensmittel halten sich ohnehin lange genug. Käse, Milch etc. kauft man dann halt nur in kleinen Mengen.



Badezimmer im Hotel in Koney Urgench / Turkmenistan


Ein separater Dusch- und Toilettenraum im Fahrzeug ist meiner Meinung nach Platzverschwendung. Am Becken in der Küche kann man den ganzen Körper waschen, und eine Dusche findet man auch in Ländern ohne Campingplätze. Im Iran bspw. sind Moscheen auf den Pilgerroutem mit Duschen und Schlafräumen ausgestattet. Auch wir „Ungläubige“ dürfen das umsonst in Anspruch nehmen. Auf einsamen Nachtplätzen kann man eine Außendusche verwenden, ein Plastiksack mit Schlauch, der kaum Stauraum benötigt.



Zubehör + Gepäck


Mein Camper am Isik-Kul / Kirgistan: alles dran, was man nicht braucht


"Weniger ist mehr", wie ein Reisender richtig sagte, also so wenig wie möglich mitnehmen. Sollte doch mal was fehlen oder verloren gehen, so kann man fast alles nachkaufen oder nachschicken lassen. Zum Beispiel mit der altbewährten Anschrift: "poste restante".


Nützliches Zubehör
Schaufel
Fernglas
Pfefferspray
Stirnlampe
Außenleuchte
Tonne als Waschmaschine
Langer Bergegurt

Unnützes Zubehör
Zusatzscheinwerfer
Sonnenblende
Markise
Fernseher
Seilwinde auf Stoßstange
Bullfänger

Geschenke
Handys
Kugelschreiber, Feuerzeuge, Baseballkappen
Stofftiere für Kinder




Schlafplätze


Dasht e-Kavir / Iran


Meine schönsten Momente auf Reisen waren die Abende und Nächte auf abgelegenen Schlafplätzen. Je weiter weg von Siedlungen und Straßen, desto besser und sicherer. Man sollte zwei, drei Stunden vor Sonnenuntergang anfangen, die Augen offen zu halten für Wege oder Fahrspuren, die von der Asphaltstraße wegführen.

Gut geeignet sind Wege, die zu einer Hügelkette führen. Entweder man findet dort einen erhöhten Platz, oder kann sich hinter einem der Hügel verstecken. Wenn der Boden es zulässt, verlässt man auch den Seitenweg und begibt sich auf freies Gelände, wo es keine Spuren mehr gibt. Um sicher zu sein, dass der Untergrund hält, sollte man vorher ein Stück zu Fuß ins Gelände hinein gehen.

Nach meiner Erfahrung sollte man einen Platz, der vielleicht nicht ganz so toll idyllisch ist, nicht mehr verlassen. Wir sind danach jedesmal bis in die Nacht hinein herumgeirrt und haben nur noch schlechtere Plätze gefunden. Man kann zwar zur Not auch noch im Dunkeln einen Platz finden, aber mir fehlt dann der schönste Teil des Abends: Draußen sitzen und dem Sonnenuntergang zusehen.

Wenn das Land dicht besiedelt ist, kann man Leute fragen, ob man auf ihrem Grundstück oder Acker mit dem Wohnmobil stehen darf. Meistens wird man eingeladen, was auch ein schönes Erlebnis sein kann.



Orientierung

Unterwegs in Kirgistan


In der Regel reicht nach wie vor die Papierkarte, selbst mit allem Hightec kann man nicht auf sie verzichten. Gut bewährt hat sich ein Netbook mit SSD Speicher. Ein Allround-Gerät und robust auf schlechten Straßen. Man kann es als Computer verwenden (Internet + Reisetagebuch) und mit GPS-Maus für die Navigation. Man kann Musik abspielen (Radio braucht man eh nicht), Fotos speichern und den Bildschirm für die Rückfahrkamera verwenden. Das Display hat mit 7 bis 10 Zoll genau die richtige Größe für das Fahrerhaus.



Verständigung


Deutsch-Studentin in Tashkent


Fast noch besser als GPS ist ein einheimischer Führer. Nicht nur zur Orientierung, sondern auch zur Verständigung und zur Steigerung der Reisequalität. Wie sonst erfährt man, dass der Name des Ortes, durch den man gerade fährt, übersetzt "Heb nicht hoch" lautet?

Ein Führer ist zudem vertraut mit den lokalen Umgangsformen. Allerdings muss man sich auch nicht unnötig verrenken. Ich trinke z.B. nie Wodka, auch wenn mich meine Gastgeber noch so sehr nötigen. Und ich sage den Leuten auch in muslimischen Ländern, dass ich Atheist bin, da müssen die durch!

Auch ohne Führer findet man fast immer jemand, der etwas Englisch spricht. Ansonsten geht es auch mit „Händen und Füßen“. Trotzdem habe ich „Point it“ dabei, das Wörterbuch in Bildern.



Kommunikation


Kellereingang zum Internetcafe in Bitlis / Türkei


Für Telefon und Internet unterwegs gibt es inzwischen eine Menge Möglichkeiten. Internet Cafes gibt es bald in jedem Kaff. Man findet auch immer öfter offene Drahtlosnetzwerke. In Tashkent bspw. gibt es mehrere Cafes, die das für Kunden eingerichtet haben. Für das Handy gibt es preiswerte Prepaidkarten einheimischer Anbieter.



Logistik


Triptik Turkmenistan


Außerhalb Europas fahre ich ohne Kfz-Versicherung. In vielen Ländern sind auch die anderen Verkehrsteilnehmer nicht versichert. (In Usbekistan soll inzwischen die Haftpflicht eingeführt worden sein.) Es soll aber Gesellschaften geben, die weltweit versichern.

Am einfachsten ist ein Saison- oder Kurzzeitkennzeichen. Das erspart die Abmeldung. Bei der Rückkehr kann man sich ein neues Kurzzeitkennzeichen zuschicken lassen oder an der Grenze beantragen. Auch eine HU müsste an der Grenze machbar sein. Dieses Problem hatte ich noch nicht.

Ich habe während der Reise keine Wohnung und bin im Haus einer Bekannten gemeldet. Man kann sich auch ganz abmelden und hat dann den Status: OFW = Ohne festen Wohnsitz. Da man unterwegs den Reisepass vorzeigt, kann man weiterhin die letzte Anschrift verwenden.

Für die Postzustellung daheim habe ich ein Postfach, das Freunde regelmäßig leeren. Üblicherweise legt die Post die Briefe auch dann ins Fach, wenn der Brief an meine Wohnadresse gerichtet ist.

Wichtige Dokumente kann man einscannen und an die eigene Email-Adresse schicken oder unter der eigenen Web-Domain ablegen, sofern vorhanden. So sind sie immer verfügbar, auch wenn mal alles weg sein sollte.

Bei Kontrollen zeige ich außerhalb Europas den internationalen Führerschein und die internationale Zulassung, auch wenn beide Dokumente für das Land gar nicht gültig sind. Das ist noch keinem aufgefallen. Die Polizisten sind froh, wenn sie was lesen können. Und so habe ich alles doppelt dabei.

Niemals Schmiergelder für Polizei und Grenzer zahlen! Das ist gut für den Geldbeutel, und vielleicht kann man es ihnen abgewöhnen, wenn sie merken, dass es mit Touris nicht geht.

Man sollte sich vor der Reise mehrere echt aussehende Kopien von Pass und Kfz-Schein anfertigen. Manche Polizisten erfinden Straftaten und drohen, die Papiere einzubehalten, falls man nicht zahlt.

Es kommt erfreulich selten vor, dass die Zöllner das Wohnmobil gründlich durchsuchen, und als es mir passierte, war es ein amüsantes Erlebnis.



Grenze Kirgistan / Tajikistan



Deutsche können 4 Reisepässe bekommen, einer 10 Jahre, die anderen 5 Jahre gültig. So kann man schnell mehrere Visa bekommen. Man kann auch einen Pass bei einem Visa-Dienst hinterlegen, der bei Bedarf nachgeschickt wird.

Visa kann man selbst bei den Botschaften beantragen. Ich nehme lieber Visa-Dienste in Anspruch. Das ist etwas teurer, aber bequemer. Nur Antrag ausfüllen und mit Pass abschicken. Um Einladungen, Referenznummern u.ä. muss ich mich nicht kümmern. Man kann die Visa auch unterwegs in den Hauptstädten bekommen, ist aber manchmal nervtötend kompliziert und zeitaufwändig.

Ich schreibe in den Antrag zusätzlich zu den üblichen Angaben, dass ich mit dem eigenen Wohnmobil fahre, welche Städte ich besuchen will und dass ich Land und Leute sehr schätze. Ob das nützlich ist, weiß ich nicht, schaden kann es nicht.



Sicherheit


Unterwegs in der Türkei


In den Ländern, in denen ich unterwegs bin (Zentral-Asien), ist der Diebstahl des ganzen Fahrzeuges unwahrscheinlich. Erstens sind meine Autos alt und sehen auch alt aus. Zweitens ist die Polizeipräsenz derart hoch, dass der Dieb mit dem auffälligen Fahrzeug nicht weit kommen wird. Als Wegfahrsperre reicht ein Batterieschalter.

Sinnvoll sind Zusatzschlösser in den Türen. Ich habe Riegel im unteren Bereich der Fahrerhaustüren angebracht, kann man zwar nicht von außen verschließen und öffnen, aber wenn ich drin bin, fühle ich mich ein bisschen sicherer. In einem Fall hat es mir schon geholfen.

Im Iran kann man auf falsche Polizisten treffen, die die Touris ausrauben wollen. Man kann sie am aggressiven Auftreten erkennen. Echte Polizisten sind freundlich.

Chinaböller können gegen ungebetenen Besuch (auch von Tieren) helfen. Außerdem habe ich Pfefferspray und Signalgeber dabei.



Geld


Usbekische Sum, Wert der Stapel etwa 300 USD


US-Dollar-Scheine nur Serien ab Jahrgang 2002 mitnehmen, vor 2001 werden sie vielerorts nicht akzeptiert. Auch wenn auf einem Schein ein kleiner Strich von einem Kugelschreiber drauf ist, lehnen es manche ab, ihn zu wechseln. Euro kann man heute überall wechseln, wird inzwischen vielleicht sogar lieber genommen.

Nur im Iran kann man immer noch keine Kreditkarten verwenden. Sonst gibt es in den meisten großen Städten sogar Automaten. Selten geben Wechsler auf der Straße einen besseren Kurs als die Bank, dafür betrügen sie öfter.

Im Notfall kann man sich mit der Western-Union-Bank Geld nachschicken lassen. Ist zwar teuer, aber funktioniert schnell und zuverlässig.

Mein Reisebudget beträgt derzeit (Stand 2009) durchschnittlich 1000 Euro pro Monat. Da ist alles drin: Fahrzeugkosten, Verpflegung für mich und einen Führer, gelegentlich Hotel, Gebühren für Visa, Maut usw.



Essen und Trinken


Auf einer Feier in Tasha-Arik / Kirgistan


Lebensmittel kann man überall kaufen, allerdings nicht in der gewohnten Vielfalt. Spezielle Sachen muss man von zuhause mitnehmen, wie z.B. Balsamico, Müsli, Pesto, Wein usw. In Tashkent wurde mir mal eine Flasche Beaujolais für 50 Dollar angeboten. Ansonsten gilt der bekannte Spruch: „Peel it, cook it or forget it“.



Wasserbunkern in Naryn / Kirgistan


Wenn man das Wasser nicht gerade aus einem trüben Fluss oder Brunnen pumpen muss, reicht der Zusatz von Micropur im Tank zum Frischhalten. Ich verwende das Wasser aus dem Tank zum Waschen, Spülen und Zähneputzen. In Usbekistan und Tajikistan kann man sich mit dem Leitungswasser nichtmal die Zähne putzen. Mineralwasser gibt's überall zu kaufen.

Fragen und Anregungen sind immer willkommen.


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