Erfahrungen auf Langzeitreisen mit Wohnmobil
von Jürgen Hensgen





Fahrzeug

Für mich sind selbst ausgebaute Mercedes Kastenwagen ideal: Robust, weltweit verbreitet, haben Stehhöhe und vollen Durchgang zum Fahrerhaus. Wenn sie außen aussehen wie ein Schrotthaufen - umso besser.

Allradantrieb ist gut, aber nicht nötig. Heute gibt's überall asphaltierte Straßen. Allrad ist nützlich, um abgelegene Schlafplätze zu finden.

Wichtiger als Allrad sind Bodenfreiheit und gute Reifen mit ausreichend Tragkraft. Ein zweites Reserverad ist unnötiger Ballast. Meist kann man Reifen reparieren oder nachkaufen.


Pamir Highway




Ein großer Treibstoff-Tank ist angenehm, aber bei nachträglicher Anschaffung nicht wirtschaftlich. Ein oder zwei 20-Liter-Kanister tun es auch. Die größte Distanz ohne Tankstelle, die ich je erlebt habe, war 400 km.

Man muss nicht Kfz-Mechaniker sein, will man Europa verlassen. Werkstätten gibt es überall. Neben den üblichen Verschleißteilen wie Filter und Lampen habe ich nur wenige Ersatzteile dabei: Ventildeckeldichtung, zweiter Tank- und Öldeckel, Lichtscheiben, Kraftstoffschläuche.






Ausstattung

Es sollte möglich sein, alles innerhalb des Fahrzeuges machen zu können. Vor allem braucht man eine Toilette im Auto. Ich benutze ein Tütenklo. Kein Wasser, keine Chemikalien. Die Tüte danach verknoten und in die nächste Mülltonne damit.

In meinem ersten Wohnmobil war nichts anderes als ein festes Bett eingebaut. Man muss unterwegs gut schlafen und auch mal tagsüber ins Bett fallen können.

Der Wassertank sollte zumindest auch mit Kanister befüllbar sein, außerhalb Europas ist meist kein Hahn für den Schlauch vorhanden. Man braucht so gut wie nie einen Abwassertank. Bei Bedarf kann man unter den Abfluss außen einen Eimer stellen.

Wenn schon Kühlschrank, dann einen Kompressor. Solange man sich nicht längere Zeit an einem Ort aufhält, reicht der Strom aus der zweiten Batterie. Sonst braucht man eine Solaranlage. Ich hatte noch nie einen Kühlschrank im Auto und auch selten vermisst.



Badezimmer im Hotel in Koney Urgench / Turkmenistan





Ein separater Dusch- und Toilettenraum im Fahrzeug ist Platzverschwendung. Am Spülbecken kann man sich waschen, und eine Dusche findet man auch in Ländern ohne Campingplätze. Auf abgelegenen Nachtplätzen kann man eine Außendusche verwenden, ein Plastiksack mit Schlauch, der kaum Stauraum benötigt.



Mein Camper in Karamaq / Iran: alles dran, was man nicht braucht




Zubehör + Gepäck

So wenig wie möglich mitnehmen, egal, wie viel Stauraum man hat. Sollte doch mal was fehlen oder verloren gehen, so kann man fast alles nachkaufen oder nachschicken lassen. Zum Beispiel mit der altbewährten Anschrift: "poste restante".


Nützliches Zubehör
Schaufel
Fernglas
Pfefferspray
Stirnlampe
Tonne als Waschmaschine
Langer Bergegurt

Unnützes Zubehör
Zusatzscheinwerfer
Sonnenblende
Markise
Fernseher
Seilwinde auf Stoßstange
Bullfänger

Geschenke
Handys
Kugelschreiber, Feuerzeuge, Baseballkappen
Stofftiere für Kinder
Fotos, sofern man einen Drucker dabei hat






Schlafplätze

Meine schönsten Momente auf Reisen waren die Abende und Nächte auf abgelegenen Schlafplätzen. Ich unterscheide zwei Arten von Schlafplätzen, beide sind sicher:

1. Irgendwie "bewacht" unter Menschen, was meistens Gelaber, Gestank und Lärm bedeutet (z.B. in der Türkei auf Tankstellen)

2. Unsichtbar und weit weg von Menschen.

Unsicher sind Plätze in einem Ort oder an einer Straße, wo man von vielen gesehen wird, aber nicht bei jemand zu Gast ist. Oder abgelegene Plätze, die von Einheimischen benutzt werden, wo man Spuren von Lagerfeuern, leeren Flaschen und Müll findet.

Je weiter weg von Siedlungen und Straßen, desto besser und sicherer. Man sollte zwei, drei Stunden vor Sonnenuntergang anfangen, die Augen offen zu halten für Wege oder Fahrspuren, die von der Asphaltstraße wegführen.

Gut geeignet sind Wege, die zu einer Hügelkette führen. Entweder man findet dort einen erhöhten Platz oder kann sich hinter einem der Hügel verstecken. Wenn es Boden und Vegetation zulassen, verlässt man auch den Seitenweg. Wenn man nicht sicher ist, ob der Untergrund hält, geht man vorher ein Stück zu Fuß ins Gelände hinein.






Orientierung

In der Regel reicht nach wie vor die Papierkarte, selbst mit allem Hightec kann man nicht auf sie verzichten. Netbook oder Tablet-Computer sind üblich, geeignet für Internet + Reisetagebuch und zur Navigation mit GPS-Maus. Man kann Musik abspielen, Fotos speichern und eine Rückfahrkamera anschließen.





Mit Deutsch-Studentin in Tashkent




Verständigung

Fast noch besser als GPS ist ein einheimischer Führer. Nicht nur zur Orientierung, sondern auch zur Verständigung und zur Steigerung der Reisequalität. Wie sonst erfährt man, dass der Name des Ortes, durch den man gerade fährt, übersetzt "Heb nicht hoch" lautet?

Ein Führer ist zudem vertraut mit den lokalen Umgangsformen. Allerdings muss man sich auch nicht unnötig verbiegen. Ich trinke z.B. nie Wodka, auch wenn mich meine Gastgeber noch so sehr nötigen.

Auch ohne Führer findet man fast immer jemand, der etwas Englisch spricht. Ansonsten geht es mit "Händen und Füßen" oder mit "Point it", dem Wörterbuch in Bildern.






Prostitution

Das Tabu-Thema der Reiseführer. Als würde sich niemand dafür interessieren! In den meisten Ländern verboten, aber in allen vorhanden. Auch im Iran, sie hat nur einen anderen Namen. Näheres per E-Mail.





Kellereingang zum Internetcafe in Bitlis / Türkei


Telekommunikation

Für Telefon und Internet unterwegs gibt es inzwischen eine Menge Möglichkeiten. Internet Cafes gibt es bald in jedem Kaff. Man findet auch immer öfter offene Drahtlosnetzwerke. In Tashkent bspw. gibt es mehrere Cafes, die das für Kunden eingerichtet haben. Für das Handy gibt es preiswerte Prepaidkarten einheimischer Anbieter.





Triptik Turkmenistan


Logistik

Außerhalb Europas fahre ich ohne Kfz-Versicherung. In vielen Ländern sind auch die anderen Verkehrsteilnehmer nicht versichert. Es soll aber Gesellschaften geben, die weltweit versichern.

Am einfachsten ist ein Saison- oder Kurzzeitkennzeichen. Das erspart die Abmeldung. Bei der Rückkehr kann man sich ein neues Kurzzeitkennzeichen im ersten deutschen Ort besorgen.

Ich habe während der Reise keine Wohnung in Deutschland, OFW = Ohne Festen Wohnsitz. Da man unterwegs den Reisepass vorzeigt, kann man weiterhin die letzte Anschrift verwenden.

Für die Postzustellung daheim habe ich ein Postfach, das Freunde regelmäßig leeren. Üblicherweise legt die Post die Briefe auch dann ins Fach, wenn der Brief an meine Wohnadresse gerichtet ist.

Wichtige Dokumente kann man einscannen und an die eigene Email-Adresse schicken oder unter der eigenen Web-Domain ablegen. So sind sie immer verfügbar, auch wenn mal alles weg sein sollte.

Bei Kontrollen zeige ich außerhalb Europas den internationalen Führerschein und die internationale Zulassung, auch wenn beide Dokumente für das Land gar nicht gültig sind. Das ist noch keinem aufgefallen. Die Polizisten sind froh, wenn sie was lesen können. Und so habe ich alles doppelt dabei.

Niemals Schmiergelder für Polizei und Grenzer zahlen! Das ist gut für den Geldbeutel, und vielleicht kann man es ihnen abgewöhnen, wenn sie merken, dass es mit Touris nicht geht.

Es kommt erfreulich selten vor, dass Zöllner das Wohnmobil gründlich durchsuchen, und als es mir passierte, war es ein amüsantes Erlebnis.





Grenze Kirgistan / Tajikistan


Deutsche können mehrere Reisepässe bekommen, einer ist 10 Jahre, die anderen sind 5 Jahre gültig. So kann man schnell mehrere Visa bekommen. Man kann auch einen Pass bei einem Visa-Dienst hinterlegen, der bei Bedarf nachgeschickt wird.

Visa kann man selbst bei den Botschaften beantragen. Visa-Dienste sind etwas teurer, aber bequemer. Man kann die Visa auch unterwegs in den Hauptstädten bekommen, ist aber manchmal nervtötend kompliziert und zeitaufwändig.

Ich schreibe in den Antrag zusätzlich zu den üblichen Angaben, dass ich mit dem eigenen Wohnmobil fahre (das erklärt das Nichtvorhandensein von Hotelbuchung + Flugticket), und dass ich Land und Leute sehr schätze.






Sicherheit

In den Ländern, in denen ich unterwegs bin (Zentralasien), ist der Diebstahl des Fahrzeuges unwahrscheinlich. Erstens sind meine Autos alt und sehen auch alt aus. Zweitens ist die Polizeipräsenz derart hoch, dass der Dieb mit dem auffälligen Fahrzeug nicht weit kommen wird. Als Wegfahrsperre reicht ein Batterieschalter.

Im Iran kann man auf falsche Polizisten treffen, die die Touris ausrauben wollen (2009 selbst erlebt). Man kann sie am aggressiven Auftreten erkennen. Echte Polizisten sind freundlich.

Chinaböller können gegen ungebetenen Besuch (auch von Tieren) helfen. Außerdem habe ich Pfefferspray und Signalgeber dabei (aber noch nie gebraucht).






Geld

Bargeld möglichst neueren Datums und nicht zerknittert mitnehmen. Auch wenn auf einem Schein ein kleiner Strich von einem Kugelschreiber drauf ist, lehnen es manche ab, ihn zu wechseln.

Nur im Iran kann man immer noch keine Kreditkarten verwenden. Sonst gibt es in den meisten großen Städten sogar Automaten. Selten geben Wechsler auf der Straße einen besseren Kurs als die Bank, dafür betrügen sie öfter.

Im Notfall kann man sich mit Western-Union Geld schicken lassen. Ist zwar teuer, aber funktioniert schnell und zuverlässig.

Mein Reisebudget beträgt (Stand 2009) durchschnittlich 1000 Euro pro Monat. Da ist alles drin: Fahrzeugkosten, Verpflegung, gelegentlich Hotel, Gebühren für Visa, Maut usw.




Gesundheit / Pillen / Impfen

Die häufigste Reisekrankheit ist der Durchfall, und dagegen gibt es eh kein wirksames Mittel. Ich nehme nur ein Schmerzmittel mit. Den Verbandskasten habe ich noch nie geöffnet. Als es mir im Iran dreckig ging, bin ich zum Arzt gegangen, die gibt es nämlich überall, und die medizinische Versorgung in fernen Ländern ist meist besser, als man hier denkt.

An Impfungen habe ich früher nicht mal gedacht und bin nie krank geworden. Inzwischen habe ich die üblichen: Polio, Hepathitis, Diphterie usw. Aber notwendig sind sie nicht, solange man nicht ins tropische Afrika will.

Wenn das Land keine Auslandskrankenversicherung für das Visum vorschreibt, schließe ich auch keine ab. Kosten für Arzt oder Krankenhaus, sofern überhaupt welche anfallen, sind in Asien meist geringer als die Gebühr für die Versicherung.




Essen und Trinken

Lebensmittel kann man überall kaufen, allerdings nicht immer in der bei uns üblchen Vielfalt. Ansonsten gilt der bekannte Spruch: "Peel it, cook it or forget it".

In Zentralasien, besonders in Usbekistan, scheint es in den Speisen etwas zu geben, wovon Europäer heftigen Durchfall bekommen. Wahrscheinlich das Baumwollöl. Man muss schon konsequent selbst kochen, will man sich davor schützen.


Wasser bunkern in Naryn / Kirgistan


Man braucht keine Wasserfilter, Mineralwasser in Flaschen gibt's heute überall. Ich verwende das Wasser aus dem Tank nur zum Waschen, Spülen und Putzen. In Usbekistan und Tajikistan kann man sich mit dem Leitungswasser nicht mal die Zähne putzen, während man es z.B. in Bishkek trinken kann..


Fragen und Anregungen